Dirk Boll wird nicht müde. Nicht müde zu betonen, dass man sich an diesem Abend doch „im schönsten Auktionssaal Münchens“ befindet. Als ob er davon noch jemanden überzeugen müsste. 350 Dinner-Gäste der diesjährigen Midsummer Night Gala der Freunde des Hauses der Kunst, darunter zahlreiche bekannte Münchner Kunst-Sammler und -Liebhaber, haben schon an langen Tafeln auf der Terrasse des Ausstellungshauses Platz genommen. Sommerliches Abendlicht und das eine oder andere Gläschen Champagner vorab sorgen für gute Laune. Und auch die Temperaturen am Englischen Garten sind inzwischen erträglich geworden. Wem die ausgeteilten Bieter-Tafeln, die zugleich als Fächer dienen, nicht genug Abkühlung verschaffen, befreit sich unkonventionell von überflüssigen Stofflagen.

Nicht müde wird der Christie’s-Vorstand und Auktionator aber auch beim Versteigern. Er sprintet auf der Terrasse durch die Reihen, lockt hier einen Bieter aus der Reserve, stachelt dort eine ganze Runde von Interessenten an, noch einen Tausender – gerne auch mehr – draufzulegen, um im Rennen um ein Kunstwerk zu bleiben. Am Ende erzielt der Abend mehr als 425 000 Euro, ein mehr als doppelt so hohes Ergebnis wie im Vorjahr. 390 000 Euro kommen dank Bolls Einsatz in gut einer Stunde bei der Live-Auktion zusammen. Weitere gut 35 000 Euro erbringt die sogenannte Silent Auction, die bis Mitternacht läuft. Damit unterstützt der Freundeskreis das berühmte Ausstellungshaus neben der inzwischen noch berühmteren Eisbachwelle.

In diesem Jahr will man mit der Gala unter dem Titel „Floating Horizons“ auch das Projekt „The Sanctuary of Water“ von Tomás Saraceno unterstützen. Der 53 Jahre alte argentinische Künstler, der schon lange in Berlin lebt und dessen neue Ausstellung im Haus der Kunst im Juli eröffnet, plant zusammen mit indigenen Gemeinschaften in der südamerikanischen Atacama-Wüste ein gigantisches Land-Art-Projekt. Es ist auch ein Protest gegen den Abbau eines der größten Lithiumvorkommen der Welt und der damit verbundenen Umweltzerstörung in Salinas Grandes, einer Salzwüste im Norden Argentiniens. Wer also nicht nur über Hitzewellen im Kleinen klagt, sondern auch über den Klimawandel als Ganzes nachdenkt, merkt sofort: Dieses Projekt ist mehr als Kunst. Es steht auch für ökologisches und gesellschaftliches Engagement, das Saraceno wichtig ist.
Da das Land-Art-Projekt noch nicht realisiert ist, können bisher nur Visualisierungen einen Eindruck davon verschaffen. Wer hier mitbietet, ersteigert also ein Los mit einer Wette auf die Zukunft. Dass die Münchner Kunst-Szene daran glaubt, zeigt schon die Tatsache, dass Saracenos fünf Lose – vier Arbeiten sowie ein Studio-Besuch als Event-Los – mehr als 100 000 Euro in die Kasse des Freundeskreises spülen.

Apropos Event-Lose: Es ist mehr als gute Tradition bei den Freunden des Hauses der Kunst, dass nicht nur Kunstwerke, sondern auch Ereignis-Lose, jeweils für mehrere Personen, zur Auktion kommen. Man erinnert sich noch gerne an die Versteigerung eines Weißwurst-Frühstücks vor einigen Jahren - vermutlich die teuerste Weißwurst der Welt. Auch in diesem Jahr sind die Events wieder extrem beliebt. Eine Preview-Tour mit Andrea Lissoni, Direktor des Hauses der Kunst, über die Kunstmesse Frieze in London kommt für 10 000 Euro unter den Hammer. Ebenso ein Studio-Besuch beim Maler Norbert Bisky in Berlin. Ein Tag mit der Turiner Stifterin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo mit Ausstellungsbesuch und Abendessen, bringt es sogar auf 22 000 Euro.

Keine Frage: Dirk Bolls unermüdlicher Einsatz hat sich gelohnt. Und die Gäste? Die tanzen zwar nicht wie einst bis in die frühen Morgenstunden auf der Terrasse. Denn leider müssen alle lautstarken Aktionen nach dem Dinner drinnen stattfinden. Aber wer will an so einem Sommerabend „im schönsten Auktionssaal Münchens“ schon reingehen?

