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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:Ein Gemetzel vor den Toren der Stadt

Schmied von Kochel-Bronze-Denkmal

Der "Schmied von Kochel" steht seit 1911 als Bronzefigur von Carl Ebbinghaus vor der Margaretenkirche. Tatsächlich gab es diesen Schmied wohl gar nicht, er ist eine Sagengestalt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Spuren der blutigen Sendlinger Bauernschlacht, bei der 1705 mehr als 1100 Männer starben, findet man noch heute in München: Denkmäler, Wandgemälde - und sogar Massengräber.

Von Wolfgang Görl

Diese Wanderung folgt blutigen Spuren, sie führt zu den Schauplätzen einer Rebellion, die in einem Massaker endete, bei dem mehr als 1100 Männer ihr Leben ließen. Das Gemetzel fand an Weihnachten 1705 vor den Mauern Münchens statt, hinter denen damals 24 000 Menschen lebten. Die Stadt war ebenso wie das gesamte kurfürstliche Bayern besetzt von den Truppen des habsburgischen Kaisers Joseph I. Dessen Soldaten waren es, die den Aufstand brutal niederschlugen; die Opfer waren überwiegend Männer aus dem bayerischen Oberland. Bis heute gedenkt man an den Weihnachtstagen der Toten dieses Gefechts, das als "Sendlinger Bauernschlacht" oder "Sendlinger Mordweihnacht" in die Geschichte eingegangen ist.

Beginnen wir den Spaziergang dort, wo die Aufständischen ihren einzigen militärischen Erfolg hatten: in der Zweibrückenstraße unmittelbar vor der Ludwigsbrücke. An dieser Stelle stand der Rote Turm, ein dem Befestigungsring vorgelagertes Bollwerk. Am Heiligen Abend 1705 pirschten sich einige hundert bäuerliche Kämpfer unter dem Kommando des ehemaligen Leibgarde-Leutnants Johann Georg Aberle entlang der Isar an den Turm heran. Als die kaiserlichen Wachen die Angreifer bemerkten, zogen sie sich hinter das Isartor zurück. Daraufhin besetzten 50 Oberländer Schützen den Roten Turm. Von oben schossen sie mit zwei erbeuteten Geschützen in die Stadt, auch die Männer, die sich vor den Wallanlagen verschanzt hatten, feuerten auf die Kaiserlichen.

Die Erstürmung des Roten Turms vor der Ludwigsbrücke war der einzige Erfolg der Aufständischen.

(Foto: Wikipedia)

Auf eines aber warteten die Angreifer vergebens: Dass sich, wie man abgemacht hatte, die Münchner Bürgerschaft gegen die Besatzungsmacht erheben und die Tore öffnen würde. Stattdessen erschien am Morgen auf der Gasteiger Höhe die Kavallerie des kaiserlichen Oberst von Eckh. Kurze Zeit später folgte die Infanterie des Generalwachtmeisters Georg Friedrich von Kriechbaum. Aus dem Isartor wiederum stürzten sich zwei kaiserliche Kompanien auf die Bauern. Die militärisch unerfahrenen Aufständischen ergriffen panisch die Flucht, während die Turmbesatzung im Nahkampf niedergemacht wurde.

Vom Roten Turm ist heute nichts mehr zu sehen. Er wurde im September 1796 bei Gefechten zwischen österreichischen Verbänden und französischen Revolutionstruppen beschädigt und zwei Jahre später abgerissen. Eine Reminiszenz an den Turm gibt es aber doch: In die Fassade des Hauses Zweibrückenstraße 8, eines prächtigen Neorenaissancebaus, hat man eine Kanonenkugel eingemauert, dazu die Inschrift: "Nach der Beschießung des Roten Tores durch Marschall Condé am 8. Sept. d. J. 1796 hier gefunden."

Von der Ludwigsbrücke geht der Spaziergang flussaufwärts entlang am linken Isarufer. Man braucht ein wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Aufständischen am Weihnachtsabend 1705 hier in Richtung Roter Turm schlichen. Anders als heute mäanderte die Isar unbefestigt durch zumeist unbebautes Land.

Während man an der Erhardt- und Wittelsbacherstraße einige prächtige Häuser passiert, ist Zeit, die historischen Hintergründe der Schlacht zu bedenken: Kurfürst Max Emanuel hatte nach dem Tod des kinderlosen König Karl II. von Spanien gehofft, sein Sohn Joseph Ferdinand werde als Universalerbe Karls den spanischen Königsthron für das Haus Wittelsbach gewinnen. Doch der Kurprinz starb im Alter von sechs Jahren. Als der französische König Ludwig XIV. und Kaiser Leopold I. jeweils Erbansprüche für ihr Haus anmeldeten, begann im Mai 1701 der "Spanische Erbfolgekrieg". In der Hoffnung auf territoriale Gewinne und die Königswürde verbündete sich Max Emanuel mit den Franzosen - eine schlechte Wahl: Im August 1704 wurden die bayerisch-französischen Truppen bei Höchstädt an der Donau von den Alliierten unter Prinz Eugen und dem Herzog von Marlborough vernichtend geschlagen.

Max Emanuel floh ins Exil in die Niederlande. Zurück blieben seine Untertanen, die von den kaiserlichen Besatzern ausgeplündert, drangsaliert und zwangsrekrutiert wurden. Angeführt vom Pfarrkirchner Gerichtsschreiber Georg Sebastian Plinganser wagte man in den östlichen Landesteilen den Aufstand gegen die Schreckensherrschaft.

Anfang Dezember 1705 entwickelte der ehemalige kurbayerische Kriegskommissar Matthias Ägidius Fuchs, der sich der Rebellion angeschlossen hatte, den Plan, einen konzentrierten Angriff auf München zu unternehmen. Während die Armee der Unterländer, die etwa 16000 Mann zählte, ihr Hauptquartier in Steinhöring bei Ebersberg aufschlug, nahm Fuchs Kontakt mit dem Tölzer Pflegskommissar Johann Ferdinand Dänkel auf, um auch die Oberländer für den Kampf zu gewinnen. Neben Dänkel machten die abgedankten bayerischen Leutnante Aberle und Johann Houis mit sowie der Iffeldorfer Hofmarksjäger Adam Schöttl. In München wiederum versuchten die Weinwirte Johann Jäger und Johann Georg Küttler sowie der Bierbrauer Georg Hallmayr eine Verschwörung zu organisieren. Doch nur knapp ein Dutzend Bürger erklärten sich bereit, die Rebellion zu unterstützen. Dennoch sagte man der Führung der Oberländer zu, ein Stadttor für die anrückenden Bauerntruppen zu öffnen.

Am 23. Dezember sammelten sich rund 2700 Mann aus diversen Regionen des Oberlands in Hohenschäftlarn. Allenfalls ein Drittel hatte Feuerwaffen, die übrigen waren mit Spießen, Sensen oder Mistgabeln bewaffnet. Unter den Kommandeuren kam es gleich zum Streit, ob man mit dieser armseligen Truppe den Angriff wagen solle. Dabei setzten sich die Scharfmacher um Weinwirt Jäger und den Jurastudenten Anton Passauer durch. Zur Mittagszeit des 24. Dezember brach der bäuerliche Heerhaufen auf, am Abend kam es in Solln zu einem Scharmützel mit einer kaiserlichen Kavalleriepatrouille, die nach München flüchtete.

Damit war jede Hoffnung, mit einem Überraschungsangriff Erfolg zu haben, zunichte gemacht. Einige Anführer sowie etliche Kämpfer machten sich aus dem Staub. So waren es noch maximal 2200 Mann, die gegen 22 Uhr Thalkirchen erreichten. Um Mitternacht begann der Vormarsch. Ein 700 Mann starker Trupp besetzte Untersendling, wo man beim dortigen Großwirt das Hauptquartier einrichtete. Eine zweite Abteilung ging am Glockenbach in Stellung, um Ausfälle aus dem Angertor und dem Sendlinger Tor zu verhindern. Die dritte Einheit marschierte zum Roten Turm.

Wir Schlachtenbummler der Corona-Zeit biegen am Baldeplatz in die Kapuzinerstraße ein, steigen auf Höhe der Schmerzhaften Kapelle hinab zum Westermühlbach und folgen dem Fußweg stadteinwärts. Etwa dort, wo der Westermühlbach unterirdisch als Glockenbach weiterfließt, war der zweite Trupp der Aufständischen postiert. Dieser wurde von den Kaiserlichen, kaum dass sie den Roten Turm zurückerobert hatten, angegriffen und niedergemetzelt. Die meisten der gefallenen Oberländer, insgesamt 682, liegen in Massengräbern auf dem Alten Südlichen Friedhof. Wer ihrer gedenken will, geht zum Gräberfeld sechs. Dort erinnert ein neugotisches Denkmal in Form eines Weihwasserbeckens an die Opfer der Schlacht. Das aus dem Erz einer Kanone gegossene Monument wurde 1831 eingeweiht.

Im Kirchhof der alten Sendlinger Magaretenkirche erinnert ein Massengrab mit Gedenkstele an die Bauern der Bauernschlacht von 1705.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

An den Gräbern vieler prominenter Münchner des 18. und 19. Jahrhunderts vorbei geht es zurück zur Kapuzinerstraße und von dort zur Lindwurmstraße, die um 1700 die Sendlinger Landstraße war und über freie Felder führte. Auf diesem Gelände preschten die Kavallerie des Oberst von Eckh sowie die Einheiten unter Generalwachtmeister Kriechbaum und Stadtkommandant de Wendt hoch zum Bauerndorf Untersendling, wo sich die letzten Aufständischen verborgen hielten: 2000 Infanteristen, 650 Kavalleristen, vier Feldgeschütze gegen eine Schar verzweifelter Bauern. Die umzingelten Oberländer kapitulierten und krochen unbewaffnet aus ihren Verstecken - etwa 700 bis 800 Mann. Als Erste stürzten sich die kaiserlichen Reiter mit blanker Klinge auf die Wehrlosen, ihnen folgte die Infanterie. Kaum einer der eingekesselten Männer kam lebend davon.

Auch diejenigen, die in der Sendlinger Kirche St. Margaret Schutz gesucht hatten, wurden gnadenlos niedergemacht. Die damalige Kirche wurde derart verwüstet, dass man sich zu einem Neubau im barocken Stil entschloss. Auch hier, im Kirchhof auf der Hangkante, gibt es ein Massengrab, etwa 200 Gefallene liegen darin. Die Gedenkstele aus dem Jahr 1833 nennt - wohl irrtümlich - eine höhere Zahl: "Auch unter diesem stillen Grabeshügel ruhen 800 Bauern vom Bayerischen Oberlande - gefallen nach blutiger Gegenwehr an den Mauern dieses Kirchhofes im hochherzigen Kampfe für Fürst und Vaterland am Christtage 1705."

Bauernschlacht-Fresko an der alten Sendlinger Magaretenkirche

Die Aufständischen, die in der Sendlinger Kirche St. Margaret Schutz gesucht hatten, wurden gnadenlos niedergemacht. Die Fassade der Kirche ziert ein Bild der Bauernschlacht, das Wilhelm Lindenschmit 1830/31 gemalt hat.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Fassade der Kirche ziert ein Bild der Schlacht, das Wilhelm Lindenschmit 1830/31 gemalt hat. Im Mittelpunkt des Freskos steht der heroisch kämpfende "Schmied von Kochel". Derselbe Recke ist auch auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu bewundern, diesmal als monumentale Bronzefigur, ein Werk von Carl Ebbinghaus, aufgestellt im Jahr 1911. Blöd nur: Den Schmied von Kochel gab es wohl gar nicht, er ist eine Sagengestalt, vielleicht entstanden an den Stammtischen des Oberlands. Wer von dem hünenhaften Helden dennoch nicht genug hat, geht ein paar Schritte weiter zum Harras. Ungefähr dort, wo das Hauptquartier der Aufständischen war, steht der Schmied als Steinfigur an einer Hausfassade - daneben der Kurfürst, der den Bayern die ganze Misere eingebrockt hat.

© SZ vom 15.01.2021/van
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