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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:Die Kulissen einer Stadt

Die Kirche St. Georg auf dem Bogenhausener Friedhof, 2011

Die kleine Kirche St. Georg auf dem Bogenhausener Friedhof spielte eine wichtige Rolle in dem Film "Beruf Reporter" - Schauspieler Jack Nicholson verhalf der Film zum Durchbruch.

(Foto: Catherina Hess)

In München wurden in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Filme gedreht - mancher Schauspieler hatte gar seinen Durchbruch an der Isar und erlangte Weltruhm.

Von Karl Forster

Die Frage kommt überraschend. "Dad'n Sie eventuell mit mir vögeln?" Die Antwort: ein ratloses Gesicht. "Oiso ned, oder?" Frau Dorstreiter hat also keine Lust, mit Sebastian Schneider zu vögeln, vielleicht, weil dieser erstens erst elf Jahre alt und sie zweitens seine Lehrerin ist. Man kann davon ausgehen, dass sich die Hälfte der Leser jetzt schon erinnert, aus welchem Film diese Szene stammt. Und viele werden auch wissen, dass Markus H. Rosenmüllers wunderbares Werk "Wer früher stirbt, ist länger tot" aus dem Jahr 2006 größtenteils beim Kandlerwirt in Oberbiberg und auf dem Wendelstein gedreht wurde.

Dass sich aber der Halbwaise Sebastian Schneider auf der Suche nach der Unsterblichkeit in ein Musikgeschäft im Tal, gleich beim Isartor, verirrte, weil er dort eine Gitarre klauen wollte, um Rockstar zu werden, und dass dieses weit mehr als hundert Jahre alte Musikgeschäft Rauscher kurz nach den Dreharbeiten wegen münchentypisch drastischer Mieterhöhung aufgeben musste, das dürfte den wenigsten bekannt sein. Heute findet sich die Hausnummer Tal 58 überhaupt nicht mehr.

Das ist eines der Erkenntnisse, wenn man sich auf eine Kulturwanderung durch die Stadt macht, um München als Filmkulisse zu erkunden. Eine andere ist die, dass Zahl und Bandbreite cineastischer und fernsehgerechter Werke, für die, wenn oft auch nur kurz, München als Drehort diente, gewaltig ist.

Natürlich gibt es Szenen, die ikonografische Bedeutung erlangt haben und die einem sofort einfallen, wenn man eine solche Stadtreise plant. Da wäre "Beruf Reporter" von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1973, in dem sich Jack Nicholson in dem Bogenhausener Kirchlein St. Georg mit Waffenhändlern getroffen hat, was letztendlich für ihn schlecht ausgeht. Also für die Rolle, die er spielt. Für Nicholson selbst war das der Durchbruch.

Da wäre, ebenfalls vor ihrem Durchbruch, die dürftig bekleidete, aber sehr fröhliche Uschi Glas als Barbara in "Zur Sache Schätzchen" ("... mach keine Mätzchen..."), ein Film, der vornehmlich in der Türkenstraße 72 spielt und nur deswegen kein tödliches Ende hat, weil während der Dreharbeiten der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde und sich Regisseurin May Spills von dieser Realität etwas entfernen wollte.

Und da ist natürlich die legendäre Szene, in der Tscharlie mit seinen zwei Mitstreitern, angeleitet von dem legendären Regisseur Helmut Dietl, durchs Siegestor reitet. Für Günther Maria Halmer Durchbruch und Fluch zugleich, weil er seinen "Tscharlie" fast nicht mehr los wurde. Diese "Münchner Geschichten" sind die vielleicht sinnesschärfsten Beschreibungen dieser Stadt.

Doch will man München wirklich als überraschende Drehortstadt erkunden, sollte man sich am besten aufs Fahrrad schwingen und vielleicht in der Großmarkthalle anfangen. Dort befindet sich das sogenannte Kontorhaus Zwei, ein eher schmuckloser Bau aus dem Jahr 1953. Dort aber hat sich zu Drehzeiten der Rita-Falk-Krimis wie "Sauerkrautkoma" oder "Dampfnudelblues" das Polizeirevier eingenistet, in dem Sebastian Bezzel als Franz Eberhofer Dienst tut.

Jetzt könnte man Richtung Norden fahren und schauen, ob man Spuren findet von Baby Schimmerlos, dem sympathischsten Klatschreporter der Filmgeschichte. Klar, da wäre ja unweit die Bavaria an der Theresienwiese, die fürs Finale der zweiten Folge als Kulisse diente, als Babys Mutter zu Hause starb, während Franz Xaver Kroetz beim großen Empfang mit dem Ministerpräsidenten auf Stoffsuche ist. Oder das Wappenhaus in der Nymphenburger Straße 73, wo die Mama zu Beginn ins Penthaus zum Putzen kommt und "so a Schlampn" in Babys Bett vorfindet. Die Schimmerlos-Wohnung wurde übrigens unlängst für gut fünf Millionen Euro verkauft. Aber sehr München-typisch ist auch die Sache mit Kay's Bistro. Der Nightlife-Laden war zu Schimmerlos' Zeiten auch in Echt Treff der örtlichen Schampusgesellschaft und wurde von Regisseur Helmut Dietl zum Olymp des Hedonismus hochgefilmt. Heute bietet hier das Restaurant "Zum Goldenen Kalb" in der Utzschneiderstraße, Ecke Blumenstraße das Angus Prime Ribeye Steak für 54,50 Euro. Das ist kein Ersatz für Champagner von Kay Wörsching.

Auch der Dianatempel wie der gesamte Hofgarten dient immer wieder als Filmort.

(Foto: Stephan Rumpf)

Weiter geht es grob Richtung Norden, mit einem wichtigen Schlenker über den Stachus, benannt nach dem Wirt Matthias Eustachius Föderl. Der Stachusbrunnen, sicher nicht der schönste der Stadt, wird zum zentralen Motiv für einen der berühmtesten München-Filme: "Männer" von Doris Dörrie. Da liegt ein weiterer Drehortschatz fast gleich ums Eck: Die Tour zum Hofgarten wird zur Reise in die Vergangenheit. 1958 kam "Wir Wunderkinder" von Kurt Hoffmann in die Kinos, ein Sittengemälde Nachkriegsdeutschlands, eine Charakterstudie mit Herzschmerz, in der nicht nur der Hofgarten mit seinem berühmten Dianatempel als Kulisse dient, sondern auch der damals schon legendäre Chinesische Turm. Für Hansjörg Felmy als Hans Boeckel (also der Gute) war das der Start zu einer große Karriere, die ihn unter anderem zum Tatort-Kommissar machte.

Der Hofgarten, wie überhaupt die ganze Residenz, war natürlich wegen der ganzen Pracht und Herrlichkeit dort als Drehort in der internationalen Filmwelt berühmt und beliebt. Nur ein Beispiel: "Die drei Musketiere" in der Verfilmung von Paul W. Anderson aus 2011 mit Christoph Waltz als Richelieu. Hier wurde das Antiquarium in Szene gesetzt und der Hofgarten samt Pavillon als Ort der Liebe.

Apropos Liebe. Man könnte jetzt einen größeren Abstecher nach Westen machen, nach Pasing in die dortige Villenkolonie, wo der hauptberufliche Spediteur Alois Brummer in den späten Sechzigern nebenberuflich als Pornoproduzent wirkte und mit "Dr. Fummel" oder "Xaver Strammsackl" viel Geld verdiente, manchem späteren Star das Überleben sicherte und so Filmgeschichte schrieb. Ähnlich weit wäre es nach Neuperlach, wo das Schulzentrum an der Quiddestraße für Teil 3 von "Fack ju Göhte" als Ersatz für das zu diesen Drehzeiten eingerüstete Lisa-Meitner-Gymnasium in Unterhaching diente. Da war aber Elyas M'Barek schon längst ein Star. Von da wäre es auch nicht mehr weit in den Perlacher Forst, wo sich 1968 Hollywoods männliche Stars ein Stelldichein gaben für die Dreharbeiten zu "Gesprengte Ketten" und Steve McQueen in Grünwald ein paar Strafmandate kassierte wegen zu schnellen Fahrens, wie Achim Zeilmann in seinem Buch "Drehort München" anschaulich beschreibt.

Aber es treibt uns stattdessen weiter Richtung Maxvorstadt und Schwabing, wo selbst der in Wahrheit untypische Münchner Typ, der Monaco Franze, sein Wesen trieb. Mit seinem Schpatzl ("Schau, wia i schau") wohnte er in der Agnesstraße 16, wo heute, unter anderem, ein Institut für Haarentfernung residiert (Kennenlernangebot Herren Brust und Bauch: 169 Euro). Und das Antiquitätengeschäft dieser Annette von Soettingen befand sich in der Fürstenstraße 10. Dort lebte, wie es die Hausinschrift vermeldet, einst der Kammervirtuose Johann Petzmayer aus Wien, gewidmet ist ihm die Tafel an der Hausfront vom Süddeutschen Zitherbund, weil er sich um das namensgebende Instrument aufs Höchste verdient gemacht hat.

Johann Petzmayer also schaffte es dank der Zither, zum internationalen Star zu werden. Unser Sebastian Schneider, der ganz am Anfang dieser Geschichte gerne mit seiner Lehrerin gevögelt hätte, wurde berühmt mit einer frechen Frage. Und dank einer Gitarre - auch ein Saiteninstrument.

© SZ vom 18.12.2020/infu
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