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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:Der Park fürs Volk

Der Englische Garten war nicht dem Adel vorbehalten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Jahr 1789 wurde der Anfang des Englischen Gartens angelegt - gezielt für die normale Bevölkerung, denn der Hofgarten war dem Adel vorbehalten. Er sollte ein begehbares Gemälde sein, natürlich und künstlich zugleich.

Von Ekaterina Kel

Wie nähert man sich dem wohl bekanntesten Ausflugsziel der Münchner? Vielleicht so: Es gibt da einen Trampelpfad, er geht quer durch eine große Wiese im Südteil des Englischen Gartens, bis zum Kleinhesseloher See. Alle angelegten und umzäunten Wege ignorierend, hält sich dieser Pfad so hartnäckig, dass er mittlerweile bei Google Maps eingezeichnet ist. Ein Dorn im Auge jedes Landschaftsarchitekten, der sich an der Naturmalerei dieses Parks ergötzen will.

Ein Verwalter soll sogar mal demjenigen, der es schafft, ihn wegzubekommen, 500 Deutsche Mark Belohnung versprochen haben. Fast 30 Jahre später sagt sein Nachfolger, der heutige langjährige Verwalter Thomas Köster: "Unmöglich!"

Dabei gehört dieser Trampelpfad da streng genommen nicht hin. Egal? Ist ja bloß eine Wiese? Es ist verzwickt. Der Englische Garten ist als Volkspark angelegt, zur Erholung der Münchner aller Klassen, die ohne exaktes Ziel darin lustwandeln mögen und sich an den Schaubildern der Natur erfreuen können. Jedes mal anders sollen die Bilder sein, die durch einen Spaziergang entstehen - abhängig vom Licht, von der Jahreszeit, von der Perspektive, schlicht von der Zeit, mit der die Bäume und Sträucher wachsen. Lässt man sich auf dieses Konzept aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert ein, kann der Garten zu einem begehbaren Gemälde werden. Ein Freiluftmuseum, dessen Exponate die vergänglichen und darum noch wertvolleren Augenblicke der Natur sind. Ein Ort zum Atmen - und ein Ort der Freiheit.

Warum also sollte man sich auf die biedermeierlich angelegten Pfade beschränken? Und überhaupt könnte man erwidern: Wer einen Park dem Volk erbaut, muss mit dem Volk vorlieb nehmen.

Und das Volk kommt in Scharen. Mehr als fünf Millionen Menschen tummeln sich in Nicht-Corona-Zeiten jährlich dort. Das Corona-Zeitalter hat wieder andere Probleme mit sich gebracht: Tonnenweise To-go-Becher füllen die Mülleimer des Gartens. Verwalter Köster berichtet davon, dass sie im Moment den großen Müllcontainer zweimal wöchentlich leeren müssten, obwohl dies sonst im Winter nur einmal in zwei Wochen gemacht werde.

So liegen die 376 Hektar des Englischen Gartens - eine der größten Parkanlagen in einer Stadt weltweit - heute mitten in München da, zerrissen zwischen der romantischen Idee eines Lustwandlers, der Realität eines Parks für eine Millionenmetropole und der kopfschüttelnden Klage über einen ballermannschen Overtourismus.

Da kann nur ein ausgedehnter Spaziergang helfen. Am besten man beginnt ganz am Anfang. Dort, wo die Statue des Genius der Gärten steht, im Volksmund unter "Harmlos" bekannt. Der Jüngling aus Kalkstein versteckt sich zurzeit unter einer hölzernen Kälteschutz-Konstruktion. Aber wenn er wieder zu sehen ist, kann man auf seiner Tafel lesen: "Harmlos. Wandelt hier. Dann kehret. Neu gestärkt. Zu jeder. Pflicht zurück." Zum Zeitvertreib also, aber ohne Harm, so soll der Spaziergänger sich im Park bewegen. Hier an dieser Stelle wurde 1789 der Anfang des Englischen Gartens angelegt. Eine Art Fortschreibung des Hofgartens, und seine gleichzeitige Überwindung. Denn der alte, im Stile des Barocks entstandene Hofgarten, der lange Zeit nur dem Adel vorbehalten war, sollte nach den Plänen des Gärtners Friedrich Ludwig von Sckell von einer neuen, offenen, natürlichen Parkanlage im englischen Landschaftsstil ergänzt werden - von Anfang an für das ganze Volk gedacht.

Hier endete damals die Stadt, die letzte Wallanlage ist noch im Finanzgarten zu erkennen. Danach erstreckten sich die Isarauen, die mehrmals im Jahr vom wilden Alpenfluss überschwemmt wurden. Erst als ein Damm die Fläche trockenlegte, konnte mit dem Aufbau des Englischen Gartens begonnen werden. Heute gelingt der Blick in den Garten von hier aus leider nicht mehr so gut - das Prinz-Carl-Palais, die laute Von-der-Tann-Straße und der monumentale Nazi-Bau des Hauses der Kunst versperren den Blick darauf. Man muss also den Weg Richtung Tunnel nehmen.

Am kleinen Bach und seinen Entchen entlang, kommt man sehr schnell zur Abzweigung des Militärgartenwegs - der Name ist kein Zufall. Tatsächlich befand sich genau hier, wo heute die Schönwiese anfängt und sich im Sommer die Nacktbader ausbreiten, ein sogenannter Militärgarten, in dem die Soldaten Fähigkeiten in Landwirtschaft erwerben und sich so auch in Friedenszeiten nützlich machen sollten. Eine Idee des einfallsreichen Benjamin Thompson, später Graf Rumford, eines britischen Offiziers, der in Boston unter britischer Krone zur Welt kam und dort den Kampf gegen das aufmüpfige Volk und seine Bestrebungen nach Unabhängigkeit verlor. Mit dieser Erfahrung im Gepäck - und mit dem zusätzlichen Feuer der gerade erst ausgebrochenen französischen Revolution unterm Hintern - regte er beim bayerischen Kurfürsten Karl Theodor, bei dem er in Dienst trat, dem Volk doch etwas Erfreuliches anzubieten.

Ab 1792, als der Park offiziell eröffnet wurde, konnte das Volk also die Blicke, die sich dort auf die scheinbar natürliche Landschaft boten, genießen. So wie jetzt, wenn man mit dem Rücken zum Japanischen Teehaus Richtung Monopteros schaut. Weiter geht es an der Eisbachwelle vorbei zum nächsten Postkartenmotiv: Von der Brücke über dem Schwabinger Bach blickt man auf einen - natürlich künstlich angelegten - Wasserfall. Am besten, man denkt dabei an die wilden Exemplare in den Alpen. Damit das möglich ist, müssen Gärtner regelmäßig die Steine von Algen und Moos befreien. So ist es auch dieses Paradox, das den Garten wirklich ausmacht: natürlich künstlich. Oder, wie Köster es mit den Worten des Gartenphilosophen Hirschfeld ausdrückt: "Alles erscheint Natur, so glücklich ist die Kunst versteckt."

Um zu begreifen, was das heißt, muss man auf den Monopteros steigen. Von dort aus erschließen sich einem die verschiedenen Grüntöne der Wiesen, die in der Weite immer heller werden, gerahmt von einzelnen Baumgruppen, ergänzt von dunklen Sträuchern, in der Mitte ein kleiner Farbtupfer, wieder aus Bäumen, aber bloß nicht zu hoch wachsend, damit sie den Horizont nicht unterbrechen. Nichts davon ist Zufall. Und doch ist es Natur, mit der Hand des Menschen liebevoll geformt. Und manchmal vielleicht vor lauter Liebe kaputtgetrampelt.

Den Weg fortsetzen lässt sich auf vielfache Weise. Zum Beispiel am Chinesischen Turm und am Rumfordschlössl vorbei zum Kleinhesseloher See. Besonders empfehlenswert: An einem sonnigen Tag eine der Bänke am Rand zu ergattern. Am besten, man bringt sich Kopfhörer mit - das Rauschen des Isarrings lässt sich nur schwer ausblenden. Und wer es etwas wilder mag, kann hinüber in den Nordteil des Englischen Gartens. Dort, wo nicht mehr jeder einzelne Baum eine Nummer hat.

© SZ vom 19.02.2021/van/vewo
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