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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:Prunk zum Trost

Barock-Bauten München

Selbst die Vergänglichkeit ist vergoldet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Zeit des Barock war für viele Münchner von Leid und Tod geprägt, die Architektur hingegen wirkt verspielt, üppig, sogar protzig. Dabei war es eine fromme Katholikin, die der Stadt den Glanz brachte.

Von Ekaterina Kel

Das Leben liegt in fremden Händen. Eine Skulptur im Eingang der Asamkirche an der Sendlinger Straße trägt diese Botschaft. Dort wacht ein Engel über einen Lebensfaden, daneben hockt ein Skelett. Mit einer Schere durchschneidet es jeden Moment den kostbaren Faden, seit mehr als 250 Jahren. "Fürchtet euch vor dem Tod!", soll dieses Werk dem Besucher zurufen. Grausam? Die Botschaft ist immerhin komplett in Blattgold gehüllt. Der Engel, das Skelett, der Faden, die Schere - alles ist golden. Der Bildhauer Ignaz Günther hat es um 1760 so gestaltet. Der Prunk ist hier Trost.

Dies könnte die Maxime einer ganzen Epoche sein. Der Barock lebt vom Prunk, von vergoldeten Engelsfigürchen, andächtigen Heiligen-Antlitzen, von abgerundeten Kanten, wellenförmigen Verzierungen aus Stuck, all dem, was für das moderne Auge überflüssig scheint, architekturgewordene Zuckerglasur. Die Asamkirche entsteht auf dem Höhepunkt dieser Epoche. Jedes der Bauwerke aus dieser Zeit, die in München die Jahrhunderte überdauert haben, erzählt seine eigene Geschichte. Auf recht kleinem Raum in der Innenstadt kann man mehr über sie erfahren. Und vielleicht etwas besser verstehen, wie ein goldener Engel Ehrfurcht lehren kann.

Der Barock lebt vom Prunk, was in der Asamkirche gut zu sehen ist.

(Foto: Catherina Hess)

Der Spaziergang beginnt im Hofgarten. Mitte des 17. Jahrhunderts lag der damals private Garten am Rand der Stadt, hinter der Residenz, zugänglich ausschließlich für den Adel. Bayern war nach dem gerade zu Ende gegangenen Dreißigjährigen Krieg verarmt, die Pest hatte gewütet. Das Leid lauerte an jeder Ecke und im Bewusstsein der Menschen der Gedanke: Das Leben kann jederzeit zu Ende sein. Erbauung war bitternötig.

Dadurch allein lässt sich der Prunk aber nicht erklären. Die absolutistische Staatsmacht der Kurfürsten, gestützt von der omnipräsenten katholischen Kirche, vermittelte die Botschaft: Fürchtet den Tod, lebt gottgefällig! Gleichzeitig trug die Hofmode dick auf - wer einen Machtanspruch erhob, musste protzen. Leiderfahrung, Frömmigkeit, absolutistische Macht: Aus dieser Dreifaltigkeit formte sich der Zeitgeist. So kam es, dass eine fromme Katholikin, die als Kind davon träumte, Nonne zu werden, barocken Prunk nach München brachte.

Henriette Adelaide von Savoy war gerade 14 Jahre alt, als sie 1650 mit dem gleichaltrigen Ferdinand Maria, dem Thronfolger des Kurfürsten von Bayern, verheiratet wurde. Erst zwei Jahre nach der Vermählung bekam sie ihren Gatten zu Gesicht und lernte ihr neues Reich kennen. Ihre wichtigste Aufgabe: dem Kurfürsten einen männlichen Thronfolger zu liefern. 1660 kam eine erste Tochter zur Welt. Den heiß erwarteten Sohn, Max Emanuel, gebar sie zwei Jahre darauf, mit mittlerweile 25.

Über die Geburt des Sohnes war man sehr froh. Der Blick vom Dianatempel im Zentrum des Hofgartens Richtung Innenstadt verrät, wie sehr. Aus Dankbarkeit ließen Adelaide und ihr Gemahl Ferdinand Maria die Theatinerkirche errichten. Angeblich legten sie ein Gelübde ab, ein Gotteshaus zu errichten, sobald ihr Wunsch nach einem Erbprinzen wahr werden würde. Gleich nach der Geburt im Jahr 1662 erhielt der italienische Baumeister Agostino Barelli aus Bologna den Auftrag für die erste Barockkirche Bayerns.

Der Architekt entwarf bereits in seiner Heimatstadt eine Kirche für den Theatinerorden, nun sollte er eine in München bauen, und zwar nach dem Vorbild der Mutterkirche in Rom, der Sant'Andrea della Valle. Zusätzlich entstand ein ganzes Klostergelände für den mächtigen Orden, dem Adelaide sehr verbunden war. Bis heute steht eine Außenmauer des Klosters am heutigen Salvatorplatz, wo der Spaziergang später noch hinführen wird.

Dafür, dass sie ihm einen Thronfolger schenkte, bekam Adelaide von ihrem Mann überdies ein eigenes Lusthaus auf dem Land geschenkt, etliche Kilometer vom kleinen München entfernt, das man Nymphenburg nannte. Barelli war auch für den anfänglichen kleinen Bau verantwortlich, nicht zu vergleichen mit der Riesenanlage von heute. Wer seinen Spaziergang ausdehnen möchte, kann einen Abstecher zum heutigen Schloss machen, das mehrere Generationen von bayerischen Regenten prägten.

Jedoch gibt es allein im Zentrum noch viel zu erkunden. Von der Theatinerkirche, in der man unbedingt verweilen sollte um all die verspielten und liebevollen Details aus hellem Stein zu bestaunen, geht es weiter zur Salvatorstraße, die den Spaziergänger ins ehemalige Kreuzviertel führt.

Ganz in der Nähe der Residenz haben sich im 17. Jahrhundert die Adeligen der Stadt angesiedelt. Und alle anderen, die es durch Verstrickungen mit dem Hof zu Ansehen, Geld und Titel gebracht haben. Zur Manifestation der eigenen Macht ließ man sich ein Palais nach der neusten Mode errichten, einige davon sind bis heute in den Straßen zwischen Promenade- und Salvatorplatz erhalten.

Zum Beispiel das Palais Holnstein an der Kardinal-Faulhaber-Straße 7. Das Haus wurde 1737 für den unehelichen Sohn des damaligen Kurfürsten und Kaisers Karl Albrecht erbaut, der aus seiner Verbindung mit der Hofdame seiner Mutter entstand. Den Titel Graf von Holnstein bekam der junge Mann gleich mit. Auch das Wappen der Wittelsbacher durfte er tragen, allerdings mit einem sogenannten roten Bastardbalken. Heute lebt der Erzbischof von München und Freising Reinhard Marx in diesem Palais.

Auch das Palais Porcia direkt daneben, das schon 1693 für die Fugger-Familie entstand, ist eine Augenweide. An der Prannerstraße um die Ecke stehen ebenfalls einige Privatpaläste, eins davon, das Palais Neuhaus-Preysing mit Hausnummer 2, wird gerade zusammen mit dem Gebäude der Bayerischen Staatsbank zum Luxushotel umgebaut. Der heutige Betrachter muss sich mit den Außenfassaden begnügen.

Palais Porcia / Portia

Auch das Palais Porcia ist eine barocke Augenweide.

(Foto: Veronica Laber)

Vom damaligen Leben bleiben fast immer nur die Jahreszahlen der Entstehung, die Namen des Bauherrn und die Titel der Auftraggeber. Doch man muss sich nur vorstellen, was das für Menschen waren, die da durch das Kreuzviertel spazierten. Sie waren treue Kirchgänger, wenn auch ihre Tugendhaftigkeit mitunter fragwürdig war. Sie luden sich Musiker in ihre Säle ein oder gingen ins Theater.

Die gleichermaßen dem Glauben und dem Vergnügen frönende Kurfürstin Adelaide ließ schon 1657 am Salvatorplatz ein Opernhaus errichten - das erste freistehende auf dem Gebiet, das später Deutschland heißen sollte. Heute ist davon allerdings nichts mehr übrig, das Literaturhaus steht an seinem Platz. Etwa 100 Jahre später löste das nach seinem Gestalter ernannte Cuvilliéstheater in der Residenz das Opernhaus ab. Der üppige Theatersaal, vergoldet, verschnörkelt, wuchtig und bezaubernd, ist ein Prachtexemplar des Rokoko, eine Stilrichtung, die dem verspielten Barock noch eins draufsetzte.

Um die Sünden zu beichten, musste der Adel des Kreuzviertels ebenfalls nicht weit gehen. Die Dreifaltigkeitskirche war ganz nah. Sie wurde 1711 bis 1718, im sogenannten Spätbarock, nach den Plänen des Hofbaumeisters Giovanni Antonio Viscardi erbaut. Man sollte die Straßenseite wechseln, um mit etwas mehr Distanz auf das Gebäude zu blicken. Es will heute nicht so wirklich dazugehören zum architektonischen Ensemble drumherum, auch die davor parkenden Autos verschleiern die Sicht. Die Gefahr ist groß, dass man an der Dreifaltigkeitskirche einfach vorbeispaziert. Dabei muss unbedingt das große goldgeschmückte Eingangstor geöffnet werden - und wem es gelingt, den Blick hoch in die Kuppel zu richten, wird ein wunderschön zartes Fresko von Cosmas Damian Asam bestaunen können.

Die Dreifaltigkeitskirche hat eine Besonderheit, die sie von allen anderen Kirchenbauten dieser Stadt unterscheidet: Sie hat als einzige komplett unversehrt den Zweiten Weltkrieg überstanden. Man munkelt, es könnte an der Prophezeiung liegen, der sie überhaupt zu verdanken ist: Eine Mystikerin hatte wohl vorhergesagt, dass ein Kirchenbau die Bayern vor der Verwüstung im Zuge des Spanischen Erbfolgekrieges verschont. Man baute also zügig eine. Der Krieg wütete auch in München. Der Kurfürst Max Emanuel musste sogar ins Exil für einige Jahre. Aber die Kirche blieb stehen, wie auch im Zweiten Weltkrieg.

Vorbei am Promenadeplatz, wo früher Salzhandel betrieben wurde, führt der Spaziergang weiter zum ehemaligen Augustinerkloster und heutigen Jagdmuseum, das im frühen 17. Jahrhundert barockisiert wurde. Unweit steht die riesenhafte St. Michael Kirche, die die Kunsthistoriker sowohl der Renaissance als auch dem Barock zuordnen.

An der Grenze zum Rokoko und am Ende dieses Spaziergangs steht die samtene Schönheit der Asamkirche. Die beiden Asam-Brüder, der eine Architekt, der andere Maler, haben das schmale Gotteshaus 1733 bis 1746 selbst gebaut, finanziert aus eigener Tasche. Daneben steht das Asamhaus, in dem sie gelebt hatten. Obligatorisch ist der Gang ins Innere, ins höhlenartige Kirchengewölbe mit seinen überdurchschnittlich vielen - sieben an der Zahl - Beichtstühlen.

Kurfürstin Adelaide, mit der der Barock in Bayern Einzug hielt, hat dieses Kunststück nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie war einer schweren Erkältung erlegen, nachdem sie zwei Jahre zuvor barfuß aus der brennenden Residenz geflüchtet ist. Ihren Lebensfaden schnitt der grausame Tod nach 39 Jahren durch. Es war ihr Enkel, Karl Albrecht, der mittlerweile regierte und zwischenzeitlich sogar den Kaisertitel trug. Die Liebe zur schnörkeligen Kunst, die er an vielen Stellen voran trieb, erbte er wohl von ihr.

© SZ vom 01.12.2020/van/syn
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