Sozialreferat:Gefährliches Sparen beim Kinderschutz

Sozialreferat in München, 2016

Das Geld für mehr Personal fehlt im Sozialreferat.

(Foto: Robert Haas)

Immer mehr Kinder brauchen Hilfe. Doch wegen Einsparungen fehlen dem Sozialreferat und dem Jugendamt Personal. Im nächsten Jahr könnte es noch schlimmer werden.

Von Sven Loerzer

Um die Folgen der Corona-Pandemie zu bewältigen, brauchen immer mehr Kinder und Jugendliche Unterstützung, immer mehr Menschen in Not sind auf Hilfe durch das Sozialreferat angewiesen. Gleichzeitig aber nimmt die Krise der Stadt die finanziellen Spielräume. "Sparmaßnahmen gefährden den Kinderschutz und die sozialen Leistungen", warnt Verdi. Zwar ist die Zahl der dem Jugendamt gemeldeten Kinderschutzfälle im vergangenen Jahr um 63 auf 3020 gesunken, das dürfte aber damit zusammenhängen, dass Schulen und Betreuungseinrichtungen oft zu waren und von dort Meldungen ausblieben. Schutzstellen und Heime meldeten Anfang dieses Jahres mehr freie Plätze als üblich und sorgten sich, wo die Kinder geblieben sind, die Hilfe brauchen. Doch inzwischen, sagt Sozialreferentin Dorothee Schiwy, sei die "Bugwelle der Pandemie" angekommen.

Die Schutzstellen nähern sich ihren Kapazitätsgrenzen. Die sozialen Probleme hätten sich unter Corona verschärft, "wir haben hochkomplexe Fälle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie", so Schiwy. Die Pädagoginnen in der Bezirkssozialarbeit, schreibt Philipp Heinze von Verdi, "berichten von Priorisierungen in Gefährdungsfällen ähnlich der medizinischen Triage, da kaum mehr Möglichkeiten bestehen, alle Klientinnen zeitnah zu sprechen und Hilfen einzuleiten". Die Kolleginnen täten ihr Möglichstes, die Stadtgesellschaft gut zu versorgen, "stoßen aber nun ganz klar an ihre Leistungs- und Belastungsgrenzen".

Der Druck sei enorm, sagt auch Sozialreferentin Schiwy. Die Aufgaben wachsen, neue kommen hinzu. Zudem müssen alle Referate Personal für die Pandemiebekämpfung abordnen, in der Spitze waren das 157 Mitarbeiter aus allen Bereichen ihrer Behörde. Das wiederum führte dazu, dass einige Dienststellen nicht mehr alle Aufgaben bewältigen konnten.

So teilte beispielsweise das Sachgebiet Jugendsozialarbeit im April mit, dass nach Abzug anderer Abwesenheiten und unbesetzter Stellen nur 75 Prozent des regulären Personals zur Verfügung stehe. So kam es zu einer Reihe von Einschränkungen, etwa bei der telefonische Erreichbarkeit. Vertretungen konnten nur in "absoluten Krisensituationen und Notfällen" einschreiten. Für Andrea Wimmer, die das Kinderschutzhaus München leitet, eine Katastrophe: "Jetzt brauchen wir mehr denn je Fachleute in allen Bereichen, um den Kindern und Jugendlichen zu helfen." Und vor allem dafür, um "den Zuwachs an Gewalt in den Familien zu entdecken und im Sinne des Schutzes der Kinder zu handeln".

Von den rund 4500 Stellen im Referat sind Schiwy zufolge etwa 500 offen. Aber das Personalkostenbudget sei trotzdem überzogen, weil bei dessen Bemessung bereits davon ausgegangen wird, dass im Schnitt nur 80 Prozent der Stellen besetzt sind. Durch die Fluktuation und die Dauer bis zur Wiederbesetzung wird erheblich weniger Geld ausgegeben, als für alle Stellen nötig wäre. Weil das Sozialreferat mehr Personal hatte, als finanziert war, hat die Stadt Anfang Juli einen Besetzungsstopp verhängt. Wenn es dabei bleibt, dürften bis Ende des Jahres weitere 270 Vollzeitkräfte fehlen. Für Schiwy bedeutet das bei gleichzeitig gestiegenen Fallzahlen zum Beispiel in der Grundsicherung und beim Jobcenter "die Quadratur des Kreises" - also Prioritäten setzen, Personal umschichten, um die dringlichsten Aufgaben zu erfüllen. "Es tut in allen Bereichen weh."

Im kommenden Jahr wird sich die Situation sogar noch weiter zuspitzen, denn zur Sicherung des Haushalts haben Personalreferat und Kämmerei weitere Kürzungen angekündigt. Wie das ihre Behörde treffen wird, weiß Schiwy noch nicht - aber Illusionen, von Millionenkürzungen verschont zu bleiben, macht sie sich nicht. Denn: "Zusammen mit dem Referat für Bildung und Sport stellen wir ungefähr die Hälfte der Mitarbeitschaft."

Dass das nächste Jahr sehr schwierig für den sozialen Bereich werden wird, verhehlt auch SPD-Rathausfraktionschefin Anne Hübner nicht. Dennoch dürften die sowieso schon belasteten Familien nicht allein gelassen werden: "Der Kinderschutz hat höchste Priorität." Sie betont: "Wir werden deshalb mit Trägern und Referat gemeinsam klären, welche Aufgaben vorübergehend verzichtbar sind, um Pflichtaufgaben zuverlässig erfüllen zu können".

© SZ vom 26.07.2021/vewo
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