Sozialreferat:Das müssen wir uns leisten

Kinderschutzhaus.

Als Schulen und Kitas geschlossen waren, hatte das Kinderschutzhaus kaum noch Zulauf.

(Foto: Catherina Hess)

Schnelle Hilfe in existenziellen Fragen darf nicht gefährdet werden, ganz gleich, ob es um Kinderschutz oder Altenhilfe geht.

Kommentar von Sven Loerzer

Retten, was zu retten ist, das war die Devise des ersten Pandemie-Jahres. Helfen, das Überleben zu sichern - nicht nur im wörtlichen Sinne, sondern auch im übertragenen. Den Menschen auch das wirtschaftliche Überleben sichern, den Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, die entstandenen Defizite auszugleichen. Im ersten Jahr purzelten Millionen- bis hin zu mehrstelligen Milliardenbeträgen aus den Haushalten von Bund, Ländern und Kommunen, um die schlimmsten Folgen abzuwenden.

Im zweiten Jahr dieser Krise ist das Erstaunen darüber, wie viel Geld plötzlich locker zu machen war, allmählich dem Entsetzen gewichen. Denn nun tun sich riesige Löcher auf, selbst im Haushalt einer bislang gut situierten Stadt wie München.

Dabei ist die Krise noch nicht überwunden. Im Gegenteil: Im Sozialreferat stapelt sich geradezu die Arbeit, ganz gleich ob es um die Anträge auf eine günstige Sozialwohnung geht oder um Anträge auf Wohngeld, auch wenn es nur wenigen wenig Erleichterung bringt. Erst jetzt wird allmählich das Ausmaß familiärer Krisen im Bermudadreieck zwischen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, teuren, aber viel zu engen Wohnungen, Home-Office und -Schooling sichtbar.

Auf das stark belastete Sozialreferat, das für Menschen in ihren Nöten da ist, kommt also noch mehr Arbeit zu. Die zunehmend komplexeren Problemlagen zu lösen, erfordert mehr Zeit und damit letztlich mehr Personal - aber genau jetzt fehlt das Geld für einen weiteren Ausbau. Stattdessen wird auch das Sozialreferat angesichts der Finanzlage an Ab- und Umbau nicht vorbeikommen.

Das ist die bittere Langzeitfolge der Pandemie und eine schwere Bürde für die Politik. Denn hier geht es nicht darum, was können wir uns noch leisten, sondern darum: Was müssen wir unbedingt leisten? Schnelle Hilfe in existenziellen Fragen darf nicht gefährdet werden, ganz gleich, ob es um Kinderschutz oder Altenhilfe geht. Die nötige Akzeptanz dafür zu schaffen, dass deshalb nun vieles hintanstehen muss, was eigentlich schön wäre, ist keine leichte Aufgabe für die Politik. Aber daran wird sie nach der Bundestagswahl nicht mehr vorbeikommen.

© SZ vom 26.07.2021
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