Sound Of Munich Now 2021:Wut ist rot. Melancholie ist blau

Sound of Munich Now

"Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich ein Fass an Kreativität habe. Und wenn es dann losgeht, wird der Hahn aufgemacht und es läuft alles auf einmal raus", sagt Lichtdesigner Jonas Schweighöfer.

(Foto: Friedrich Bungert)

Was das Licht betrifft, so orientiert sich Jonas Schweighöfer mal an den Kostümen der Acts, mal an den Emotionen. Er ist erst 23 Jahre alt, hat aber bereits zehn Jahre Erfahrung am Licht-Pult

Von Clara Löffler, München

Hochkonzentriert steht Jonas Schweighöfer hinter seinem Lichtpult. Vor ihm unzählige Knöpfe und Regler, die der 23-Jährige gleichzeitig bedient. Hinzu kommen fünf Bildschirme, über die er während der Aufnahme immer wieder seinen Blick schweifen lässt. Manchmal wirft er alle der mehr als 40 Lichter gleichzeitig an, lässt sie wild blinkend über die Bühne tanzen - passend zur schnellen Musik, die darauf gespielt wird. Dann wieder, in ruhigen Momenten, reicht ein einzelner Lichtstrahl, um in der Kranhalle die passende Atmosphäre zu schaffen. Unterstützend wirken die zwei Beamer, mithilfe derer Jonas Videos auf den runden weißen Teppich unter den Füßen der Künstler projiziert. Mal scheinen diese auf Wasser zu gehen, dann im Weltraum zu schweben.

Jonas ist in diesem Jahr für das Lichtkonzept beim Festival "Sound Of Munich Now" verantwortlich. Stressige fünf Tage liegen hinter ihm, in denen er 20 Bands technisch begleitet hat. Was nach monatelanger Vorbereitung aussieht, improvisiert Jonas oft während des Drehs, wie er verrät, als er sich zwischen zwei Auftritten im Schatten der Bäume vor dem Feierwerk niederlässt. Obwohl Jonas in den vergangenen Tagen wenig geschlafen hat, ist ihm das Grinsen noch immer nicht von den Lippen gewichen, unterhält er mit seinen Späßen die gesamte Crew.

Beim Soundcheck spricht er kurz mit den Bands über deren Vorstellungen, hört sich an, welche Musik sie spielen. Der Rest entwickelt sich live. "Das ist wie ein Bild zu malen für mich. Da wird nichts vorprogrammiert", sagt Jonas. Die größte Herausforderung sei dabei, schnell genug auf das zu reagieren, was auf der Bühne passiert. Fast jedes Video ist ein One-Take, es wird also kein Song ein zweites Mal aufgenommen. Außerdem kennt Jonas den genauen Ablauf des Auftritts vorher nicht. Klingt nach Chaos, für Jonas ist es eine Herausforderung. Dafür sei vor allem ein Verständnis für diverse Musikrichtungen von Vorteil, sagt er. Stets wippt er mit dem Kopf im Takt der Musik, ist derjenige, der am Ende am lautesten applaudiert.

Was das Licht betrifft, so orientiert er sich bei den Farben mal an den Kostümen der Acts, mal an den Emotionen, die sie transportieren. Wut ist rot. Melancholie ist blau. Erklären kann er diese Verknüpfung aber nicht in allen Punkten. "Weil es sich einfach so anfühlt."

Trotz seines jungen Alters bringt Jonas bereits zehn Jahre Erfahrung am Licht-Pult mit. Das meiste hat er sich selbst beigebracht, mit YouTube-Tutorials etwa. Nur die Affinität zur Technik stamme von seinem Vater. "Das hat mich dazu bewegt, mir im riesigen Conrad-Katalog Sachen anzuschauen. Irgendwann bin ich bei der Licht- und Tonabteilung hängen geblieben."

Nach dem Schulabschluss entschied er sich zunächst für eine Ausbildung zum Elektriker. Er war damals zu jung, um bei Veranstaltungen nach 20 Uhr dabei zu sein. Während Corona machte er seinen Meister, "um berufliche Sicherheit zu haben", sagt er. Im Oktober wird er sich als Lichtdesigner selbständig machen, mit einer Band auf Touren gehen, 60 bis 80 Konzerte begleiten. Doch jetzt braucht Jonas erstmal eine kurze Pause vom "Lichtrausch".

"Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich ein Fass an Kreativität habe. Und wenn es dann losgeht, wird der Hahn aufgemacht und es läuft alles auf einmal raus." Dieses Fass gilt es nun schnell wieder aufzufüllen. Bereits in wenigen Minuten steht die nächste Band auf der Matte.

© SZ/mbr
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