Hamsterkäufe in München:Das geht rauf wie Öl

Lesezeit: 1 min

15.03.2022 Dortmund Vor leeren Regalen stehen die Verbraucher jetzt oft , wenn sie nach Sonneneblumenöl oder preiswerte

In manchen Supermärkten wird das Sonnenblumenöl knapp.

(Foto: IMAGO)

Sonnenblumenöl boomt wie nie. Bald können sich nur noch Dax-Vorstände und Youtuber das Wundermittel aus Blumenkernen leisten.

Glosse von Andreas Schubert

Das Olivenöl kann einem schon irgendwie leidtun. Jahrelang war es noch vor dem Wein das beliebteste Leitthema unter den Gourmets dieser Stadt. Über nichts ließ sich besser streiten als über die Herkunft des Öls und dessen Herstellung. Adressen und Telefonnummern von italienischen Olivenbauern und Ölmühlen waren schwieriger zu bekommen als Koks in Münchner Edeldiscos. Und wer jemanden kannte, dessen Schwippschwägerin zufällig ein Kind in derselben Kita hatte wie die angesagte Ölsommelière mit dem feinen Geruchssinn, brauchte sich um andächtige Zuhörer beim Tischgespräch nicht zu sorgen.

Seit Kurzem ist das völlig anders. Seit in München wieder eine Hamsterplage herrscht, ist das Olivenöl quasi über Nacht zum Novavax unter den Speiseölen mutiert. Es bleibt im Supermarkt links liegen - jeder und jede will plötzlich nur noch Sonnenblumenöl.

Der Boom ist durchaus verständlich: Das olio di semi di girasole, wie es die Gardaseefraktion unter den hiesigen Ölconnaisseuren nennt, ist sehr vielseitig: Geruch und Geschmack sind nur etwas für die wirklich empfindsamen Nasen und Gaumen von echten Kennern.

Da wundert es schon ein wenig, dass das Sonnenblumenöl so lange unterschätzt und viel zu billig abgegeben wurde. Nur vom Aussterben bedrohte Wirtshäuser, die den gemischten Beilagensalat nach Nachkriegszeitrezept in Ehren hielten, kannten noch das Geheimnis des fast vergessenen Wundermittels, das sich in einer Vinaigrette mit weinwürzigem Essig und Zuckerwasser mindestens genauso gut macht wie als Schmiermittel auf dem knarrenden Scharnier eines Toilettendeckels.

Jetzt bekommt das Sonnenblumenöl endlich wieder die Aufmerksamkeit, die es verdient hat. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Münchner Feinkostbuden erste Tastings veranstalten und die geriffelten Flaschen aus dünnem Plastik ihren Einzug in die Designmuseen dieser Welt finden. Das alles hat natürlich auch Nachteile. Weil der edle Stoff immer rarer wird, steigen die Preise derart, dass ihn sich bald nur noch Dax-Vorstände und Youtuber werden leisten können. Es ist deshalb höchste Zeit, endlich über eine Sonnenblumenölpreisbremse nachzudenken.

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