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Sommerbühne im Olympiastadion:Und jetzt alle, die da sind!

Auf den ersten Blick sieht alles normal auf: Django 3000 stehen auf der Bühne im Olympiastadion...

(Foto: Catherina Hess)

Nicht erschienene Zuschauer und Tanzen bitte nur mit Maske: Trotz erschwerten Bedingungen machen "Django 3000" beim Auftakt der "Sommerbühne" im Olympiastadion gute Laune.

Von Michael Zirnstein

Man kann sich vorstellen, dass Benedikt Wagensonner, Frontmann der Regensburger Band Brew Berrymore, sein Musikerleben lang auf diese Ansage hingefiebert hat: "Hey, Olympiastadion, was geht!?" Er steht endlich am mächtigsten der legendären Pop-Spielorte Münchens. Ein Auftritt hier ist den Allererfolgreichsten vorbehalten von den Rolling Stones über Simon & Garfunkel bis zu Rihanna. Es sei denn, es ist Corona. Und da erscheinen nicht wie geplant Guns'n Roses, sondern es ist viel Platz für die zumindest durch ihre Gold-Höschen glänzende Regensburger Partycombo, die das Genre "Alpaka-Rock" für sich erfunden hat und deren Karriereziel es ist, bei der Google-Suchliste vor der Schauspielerin Drew Barrymore zu stehen. Also, Humor haben die.

Ironie schwingt immer genauso viel mit wie echter Stolz, wenn einige Lokalhelden gerade in sozialen Netzwerken tönen, sie würden bald im ausverkauften Olympiastadion spielen. Das relativiert sich freilich, wenn man die dort gerade installierte Sommerbühne sieht: Die befindet sich nämlich nicht in der großen Arena, sondern erhebt sich - durchaus in imposanter Größe - auf dem Wurstbudenplatz hinter der Nordtribüne. Und von den hier etwa 1000 aufgestellten Stühlen dürfen derzeit hygienetechnisch nur 400 besetzt werden, immer paarweise, dazwischen drei rot be-x-te frei.

Mit viel Luft nach oben und zu allen Seiten feiern die Fans beim ersten Konzert auf der Sommerbühne.

(Foto: Catherina Hess)

Schon ein, zwei Tage nach der ersten Präsentation der "Sommerbühne im Olympiastadion" waren die meisten Tickets für die ersten 27 angekündigten Konzerte vergriffen. So auch beim Eröffnungsabend, was allerdings nicht an der Vorband Brew Berrymore liegt, sondern an der Hauptattraktion Django 3000, die in ihrem zehnten Band-Jahr normalerweise vor weit größeren Mengen auftreten. Dennoch bleiben am Samstag etwa 100 Stühle unbesetzt, und das sind nicht die mit dem X.

Da fragt man sich, ob das Konzept zielführend ist, die Karten kostenlos zu vergeben. Zwar ist dies ein nobles Geschenk der Stadt, die dieses Festival aus dem Kulturtopf von "Sommer in der Stadt" bezahlt, an ihre kulturell unterzuckerten Bürger. Aber offenbar hat das Gratis-Angebot viele verleitet, sich einfach mal Plätze auf dem Portal muenchenticket.de zu reservieren, um dann abends doch zu Hause zu bleiben, was man sich bei einer Schutzgebühr, vielleicht im Austausch gegen einen Verzehrbon, zwei Mal überlegen würde. Die Situation verlangt Fingerspitzengefühl von den Hauptorganisatoren Christian Kiesler und Danny Kufner. Denn die dürfen eigentlich die Reservierungen aller Nicht-Erschienenen eine halbe Stunde vor Konzertbeginn aufheben und die Karten an der Abendkasse neu vergeben.

Aber dann wären freilich jene enttäuscht, die das Kleingedruckte nicht gelesen haben und kurz vor knapp eintrudeln. Außerdem will man ja durch die Internetregistrierung eine Belagerung und ein Zettelchaos an der Abendkasse vermeiden. Jedenfalls: Wer bei den diese Woche anstehenden Shows etwa von Friends of Gas, Gudrun Mittermeier, Pam Pam Ida oder Bernadette La Hengst bislang leer ausgegangen ist, hat gute Chancen, mit etwas Anstehen doch ins Stadion zu kommen.

An die neuen Konzertabläufe wird man sich gewöhnen. So wie man längst Leibesvisitation am Einlass und das Taschenverbot hinnimmt, wird man wegen Corona nun grüne Weg-Pfeile und rote Kreuze auf dem Boden beachten und beim Klogang Maske tragen. Und dass einem der miefende Hintermann nicht zu nah auf die Pelle rückt und "Heit samme wuild, heid samme laut" in seinen Viren-Airbag und nicht in den Nacken bläst, ist durchaus ein Gewinn. Auch für die Musiker gehört es nun dazu, die Spielregeln zu erklären. So erklärt Django-3000-Sänger Kamil Müller: "Wer aufstehen will und tanzen, darf das natürlich - mit Mundschutz." Wobei es ihm mehr darum geht, die Fans zum Tanzen anzutreiben. Dazu braucht es keine große Aufforderung, sondern nur die nahtlos aneinandergereihten Hopsasa-Hits "We wanna party like a Bonaparte" und "Heidi", die die Menge schon früh im Set aufspringen lassen. Es sei das Wichtigste, betont Müller später noch mal, "jeden Tag die Liebe und die Freiheit zu feiern".

Nicht nur die Stühle mit dem X blieben leer.

(Foto: Catherina Hess)

Die Chiemgauer Gypsy-Stenze um Chef-Geiger Flo Starflinger können ja selbst kaum stillhalten. Sie organisierten gleich zu Beginn der Corona-Flaute ein Wohnzimmer-Streaming-Festival mit befreundeten Bands; sie gaben ein Autokonzert in Dachau und auf dem Segelflugplatz in Unterwössen das erste Konzert in Bayern vor echtem Sitz-Publikum, das damals noch als Versammlung getarnt war. Aber inzwischen trickst ja sogar die Staatsregierung: Markus Söder persönlich soll jüngst die Tournee von La Brass Banda durch 27 Biergärten protegiert haben, die als "Begleitmusik" so vor größerem Publikum auftreten durften. Man macht sich wieder locker.

Freilich, die vielen abgesagten Veranstaltungen drinnen kann die Open-Air-Schwemme in der Stadt nicht ausgleichen. "Aber es geht wenigstens a bisserl was, und das Live-Gefühl ist wichtig für uns alle", sagt Müller und dankt den 100 Veranstaltern, die allein die "Sommerbühne" mit ihren Künstlern bestückt haben: "Sie verdienen damit zwar kein Geld, aber sie sind immer noch für uns da und helfen, dass wir alle Menschen bleiben."

Großen Worten folgen große Gefühle in Liedern, die "gypsy-mäßig" alles feiern: das neue Leben, wenn ein altes zu Asche zerfällt; das Teilzeitrebellentum, das selbst dem Maskentragen Räuberromantik verleiht: "I bin da Golddigger, I bin der Bandit, I bin da Gangster. Mit mir ist net gut Kirschen essen, zum Frühstück tu I Hendl fressen"; die Lust am Abtanzen, wie sie Jan-Philipp Wiesmann und Korbinian Kugler allein mit Drums und Bass bei einem Disco-Intermezzo entfachen (und wie sie die Sommerbühne noch mit Freiluft-Raves etwa von der Gomma Gang befriedigen wird); und das Miteinander quer durch alle Haut- und Augenfarben, wie in der Herzenshymne "Heimat" beschworen. Dazu singen die Publikumschöre so viel "Wooohooohooo" wie sonst nur bei Coldplay-Konzerten, und Kamil Müller deutet zurecht auf die Stadionschüssel: "Ihr seid's so gut drauf, da hätt' ma locker drüben spielen können."

© SZ vom 03.08.2020/imei

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