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Kommentar:Mehr Mut zur Lebensfreude

Bemerkenswert, wie unkompliziert und schnell die Verwaltung das Konzept für den "Sommer in der Stadt" umgesetzt hat. Es ist ein kluges Vorhaben - und in dieser Zeit auch nötig

Von Heiner Effern

Wie sich die Lust zum Feiern und am Zusammensein im Freien nach dem Corona-Lockdown Bahn bricht, das erlebt man an der Isar, auf den Plätzen und in den proppevollen Gastgärten an jedem Tag, an dem es die Temperaturen einigermaßen zulassen. Muss die Stadt da noch ein eigenes Sommer-Programm organisieren und künstlich das Treiben im öffentlichen Raum noch anheizen? Die Antwort heißt ganz klar: Ja, das ist sogar sehr klug und in dieser Zeit auch nötig.

Eine Kommune muss auch einer anderen Klientel etwas ermöglichen als den meist jungen Leuten, denen ein Bier an der Isar oder ein Glas Wein auf dem Gärtnerplatz genügt, um glücklich zu sein. Viele Angebote richten sich an Familien mit Kindern, an unter Kulturarmut leidende Münchner und an Menschen, die ihren Urlaub zu Hause verbringen müssen oder wollen. Die Attraktionen sind zudem über das gesamte Stadtgebiet verteilt und könnten so für eine Entzerrung des Feiergeschehens im Zentrum sorgen. Was aber mindestens genau so wichtig ist: Mit dem Konzept "Sommer in der Stadt" erhalten traditionelle Wirtschaftszweige, die nach Corona besonders um ihre Existenz kämpfen, eine Möglichkeit, wenigstens ihre Verluste zu reduzieren: Gastronomen etwa oder die unter dem Ausfall von Volksfesten besonders leidenden Schausteller und Marktkaufleute.

Eines ist aber klar: Das Konzept soll und will in keiner Weise ein Ersatz für das Oktoberfest sein. Es wird auch nicht die Gäste anlocken, die sonst wegen der Wiesn aus der ganzen Welt anreisen. Wenn es zusätzliche Besucher anlockt, dann werden die aus dem Umland kommen. Bemerkenswert ist, wie unkompliziert und schnell das Konzept umgesetzt wird. Die Verwaltung hat dabei nicht blind jeden Vorschlag übernommen, sondern ein angemessenes, oft auch kostenloses Angebot geschaffen. Da muss man glatt darüber hinwegsehen, dass sie nicht in der Lage ist, auf der Theresienwiese temporär Tischtennisplatten oder Basketballkörbe aufzustellen. Ob das Konzept auch dafür taugt, künftige Sommer in der Stadt zu versüßen, wird man im Herbst prüfen müssen. Nicht jede aus der Corona-Not geborene Idee wird dafür geeignet sein, doch wenn der Mut zu mehr Spontanität und Lebensfreude im öffentlichen Raum auf Dauer in München bleibt, dann hat das Virus auch etwas Positives in die Stadt gebracht.

© SZ vom 08.07.2020
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