Münchner LebensgefühlEin Loblied auf den Sommergrantler

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Im Sommer herrscht an der Isar reger Betrieb – das findet nicht jeder gut.
Im Sommer herrscht an der Isar reger Betrieb – das findet nicht jeder gut. Robert Haas

München kommt gerade aus dem Feiern nicht mehr raus. Das geht ganz zulasten einer selten gewordenen Spezies - ohne die die Stadt nicht dieselbe wäre.

Glosse von Christian Mayer

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Keine Wolke am Himmel, Temperaturen wie in der Toskana, beste Voraussetzungen also, um sich einer seltenen Münchner Spezies zu widmen. Einer Spezies, die vielleicht vom Aussterben bedroht ist, wenn das weiter geht mit der guten Laune.

Gerade hat es diese Gruppe besonders schwer, denn die meisten Menschen in dieser vergnügungssüchtigen Stadt sind jetzt immerfort in Aktion. Sie bevölkern die Isarauen, die Open-Air-Tribünen, die Dachterrassen und die Biergärten, sie drängeln sich auf dem Tollwood, um beim „Rudelsingen“ möglichst weit vorne dabei zu sein. Manche feiern sich selbst im Abendsonnenschein auf der Stufenbar vor der Staatsoper, jeder Abend ist eine einzigartige Inszenierung, mit oder ohne „Don Giovanni“. Andere fahren noch schnell auf dem Rennrad zum Starnberger See, natürlich nie alleine, sondern im Pulk mit hundert Mitrasern. Aus der Bahn, wir kommen!

Daneben aber gibt es noch die anderen, die lieber im Schatten bleiben. Gute Laune ist ihnen ein Graus, allzu fröhliche Menschen bringen sie zur Verzweiflung, und besonders gereizt reagieren sie, wenn die Nachbarn endlich mal eine Party im Garten machen wollen. Natürlich möchte auch der Sommergrantler nicht die ganze Zeit alleine zu Hause sitzen. Er möchte durchaus ein wenig schimpfen über die viel zu hohen Temperaturen, den verbrannten Rasen, die unverschämten Preise für die Weinschorle, die rücksichtslosen Nachbarn, die vielen Baustellen und den ganzen Lärm dieser unerträglichen Jahreszeit. Dafür braucht er Publikum.

Neulich konnte man einen dieser Münchner beim Versuch beobachten, den Fußweg zwischen Auer Mühlbach und der Schrebergartenanlage vor dem Tierpark Hellabrunn trockenen Fußes zurückzulegen. Es war ein Mann mittleren Alters in einer beigen langen Freizeithose, ein Grantler alter Schule, der so gar nichts anfangen konnte mit dem Badespaß, den spritzenden, kreischenden Jugendlichen, die sich im Wasser treiben lassen, und den Erwachsenen, die ihren Kindern durch Sprünge von der Brücke zeigen wollten, wie jung sie noch immer sind.

Okay, der Mann mit der beigen Hose wurde ein paar Mal unsanft angerempelt von den triefnassen Spaßvögeln und einem etwas verpeilten Gravelbiker. Aber er schaffte es dann doch noch in die sichere Zone hinterm Schrebergarten. „Jetzt reicht’s aber mal so langsam“, das waren seine letzten Worte. Sie klangen eher etwas resigniert, auch ein wenig trotzig. Man sollte ihn unter Artenschutz stellen. Denn was wäre München ohne Sommergrantler? Das wäre ja kaum auszuhalten.

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