Energiewende in München:Neuer Schub für die Solarenergie

Lesezeit: 3 min

Energiewende in München: Die grün-rote Rathauskoalition will mehr Solaranlagen in München fördern, auf Dächern, aber auch auf Balkonen und Terrassen.

Die grün-rote Rathauskoalition will mehr Solaranlagen in München fördern, auf Dächern, aber auch auf Balkonen und Terrassen.

(Foto: Nick Frank/SWM)

Die Rathauskoalition will den Ausbau von Photovoltaikanlagen beschleunigen, die Grünen fordern sogar eine Pflicht bei neuen oder sanierten Gebäuden. Von Oktober an werden auch kleine Balkon-Anlagen von der Stadt gefördert.

Von Thomas Anlauf

Wer auf dem Olympiaberg steht und über München blickt, sieht noch nicht allzu viel von der Energiewende in der Stadt. Oben in Fröttmaning drehen sich zwei Windräder, im Süden ist das Heizkraftwerk der Stadtwerke zu erkennen, die seit Jahren die Geothermie vorantreiben. Auf Münchens Dächern sind jedoch nur vereinzelt Photovoltaikanlagen zu erkennen. Meist sieht man auf den höheren Gebäuden den üblichen Verhau an Technik, die freien Flächen sind oft triste Kiesflächen oder unansehnliche Betonplatten.

Zwar wurde 2021 ein großes Klimapaket geschnürt, fünf Jahre lang sollen jährlich mehr als 100 Millionen Euro für den Klimaschutz und den Umbau Münchens zu einer klimaneutralen Stadt ausgegeben werden. Doch an die Öffentlichkeit dringt von den Maßnahmen bislang nur wenig. Auch der Stadtrat hat im August Druck auf die Referate ausgeübt und gefordert, die Photovoltaik insbesondere auf städtischen Gebäuden deutlich stärker auszubauen als bisher. Jetzt geht die Grünen-Fraktion noch einen deutlichen Schritt weiter: Sie will eine kommunale Photovoltaikpflicht in München für neue Gebäude und solche, die saniert werden. Doch es gibt in Bayern dafür noch keine gesetzliche Grundlage vom Freistaat - und es gibt noch weitere Probleme.

Hemmnisse für den Photovoltaikausbau in München seien "der Fachkräftemangel, aber auch Lieferengpässe", teilt das Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU) mit. "Hinzu kommt, dass die finanziellen Rahmenbedingen für den Bau und Einsatz von Photovoltaikanlagen in den vergangenen Jahren nicht sonderlich attraktiv waren." Hier will das RKU gegensteuern. Im Oktober soll der zweite Teil des Förderprogramms für klimaneutrale Gebäude in Kraft treten, das der Stadtrat im Juli beschlossen hat.

Das Referat rechnet damit, dass dieses "einen starken Schub" bringt. So soll es bei reinen Wohngebäuden künftig zwischen 65 und 100 Euro Förderung pro Kilowatt-Peak einer Photovoltaikanlage geben. Außerdem soll die städtische Energieberatung deutlich ausgebaut werden. Die Maßnahmen sind dringend nötig, schließlich hat sich die Stadt zum Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu werden.

Die Investition lohnt sich

Zu diesem Ziel kann auch jeder Wohnungsmieter mit einer Kleinstphotovoltaikanlage beitragen. Angesichts der Energiekrise schaffen sich schon jetzt immer mehr Münchnerinnen und Münchner diese Balkon-Anlagen an. Bis zu 600 Watt Leistung dürfen die kleinen Photovoltaik-Kraftwerke haben und auf jedem Balkon oder jeder Terrasse aufgestellt werden. Waren es nach Angaben der Stadtwerke München (SWM) im Jahr 2020 noch 96 Balkon-PV-Anlagen, die der Stadt bekannt waren, stieg die Zahl 2021 auf 168 Anlagen. In diesem Jahr kauften sich Mieter und Wohnungseigentümer in München bis Ende August bereits 468 Anlagen.

Die SWM vermuten, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt, da die Geräte nicht genehmigungspflichtig sind. Sie müssen allerdings laut Umweltinstitut München bei der Bundesnetzagentur angemeldet werden (https://www.marktstammdatenregister.de). Die Stadtwerke gehen davon aus, dass "die Zahl der Anlagen je nach Verfügbarkeit am Markt" in den kommenden Wochen sprunghaft ansteigen wird. Denn von 1. Oktober an greift die städtische Förderung der Balkon-PV-Anlagen, dann werden wohl sämtliche geförderte Anlagen auch angemeldet werden.

Die Investition lohnt sich ohnehin. Die Anschaffung kostet häufig deutlich unter 1000 Euro, nach oben reichen die Preise aber auch bis zu mehreren Tausend Euro. Die Energie aus den kleinen Anlagen kann einfach über die Steckdose in den eigenen Haushalt eingespeist werden. Dazu wird lediglich noch ein Wechselrichter dazu geschaltet, aus Sicherheitsgründen sei auch ein sogenannter Wielandstecker sinnvoll, teilt das Umweltinstitut mit.

Das Referat für Klima- und Umweltschutz rechnet vor, dass eine Balkon-Anlage mit maximal 600 Watt jährlich 300 bis 400 Kilowattstunden Strom erzeugt. Bei einem durchschnittlichen Jahresstromverbrauch eines Haushalts von etwa 3000 Kilowattstunden kann ein einziges Modul auf dem Balkon also bereits zehn Prozent Strom einsparen. Das könnte bei stark steigenden Strompreisen im kommenden Jahr eine Ersparnis von etwa 120 Euro oder mehr pro Kleinanlage bringen.

Die Staatsregierung soll Grundlagen für den Ausbau schaffen

Auch die Zahl der Photovoltaikanlagen, die auf Dächern installiert sind, steigt. Derzeit sind es laut SWM 9306 mit einer Leistung von 159 Megawatt im Netz der SWM Infrastruktur (München, Moosburg, Ottobrunn, Aschheim, Feldkirchen, Garching und Kirchheim). Die installierte Leistung ermöglicht eine durchschnittliche Stromeinspeisung von bis zu 159 Millionen Kilowattstunden (kWh) pro Jahr. Bezogen auf den Münchner Strombedarf von sieben Milliarden kWh pro Jahr entspricht das bis zu rund zwei Prozent.

Der Stadtratsmehrheit von Grünen/Rosa Liste und SPD/Volt geht der Fortschritt dennoch nicht schnell genug. Oberbürgermeister Dieter Reiter soll nun die Staatsregierung auffordern, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, damit der Ausbau der Photovoltaik auf Münchner Dächern - sowohl bei Neubauten als auch bei Bestandssanierungen - deutlich an Fahrt aufnehmen kann. Die Landtags-Grünen unterstützen den Vorstoß: "Eine Aufforderung, dass die Staatsregierung endlich aktiv werden soll, kann ich nur begrüßen und hoffe, dass sie Gehör im Landtag findet", sagt Martin Stümpfig, Sprecher für Energie und Klimaschutz der Grünen. Seine Fraktion will nun ein Klimapaket, dass bereits erfolglos im Landtag eingebracht wurde, noch einmal neu auflegen. Schließlich "wollen wir unabhängig von fossilen Energieimporten werden".

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