Süddeutsche Zeitung

Solaranlagen auf dem Balkon:Stromsparen dank Sonnenschein - Stadt leistet finanzielle Hilfe

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Auch mit vergleichsweise günstigen Photovoltaikanlagen auf dem Balkon können viele Münchner einen Beitrag zur Energiewende leisten. Eine private Initiative hilft bei der Umsetzung - und die Stadt übernimmt einen Teil der Kosten.

Von Patrik Stäbler

Der Weg zur Energiewende führt über Karl Valentin. Dessen hagere Silhouette ziert ein Poster an jener Tür, hinter der es auf den schmalen Erdgeschossbalkon von Hildegard Weinberger-Battis hinausgeht. Draußen empfängt einen der Torso einer Schaufensterpuppe, die sie unter anderem aufgestellt habe, um Einbrecher abzuschrecken, erzählt die Münchnerin und lacht. Geht man vor dieser Ganovenscheuche in die Knie, sieht man auf Wadenhöhe eine Steckdose mit Zähler. Und der erfüllt Hildegard Weinberger-Battis mit tiefer Zufriedenheit - wenn die Sonne scheint.

"Ich schaue dann immer wieder mal auf den Zählerstand", sagt die 68-Jährige, die seit 2003 in einer Mietwohnung in Neuhausen lebt. "Und dann freue ich mich." Warum? "Weil es mir zeigt, dass ich mit meinem Balkonkraftwerk einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz leiste." Denn jene Steckdose ist mit einem Photovoltaikmodul verbunden, das die Energie der Sonne, die hier im Hinterhof zwischen und über den Nachbarhäusern auf den Südbalkon hinabscheint, in Strom umwandelt.

Wie viel sie mit ihrer Anlage im Detail einspart, wisse sie nicht, sagt Hildegard Weinberger-Battis. "Mein Stromanbieter hat meine Abschlagszahlungen reduziert, seit ich das Balkonkraftwerk habe. Aber ums Geld oder um die Frage, wann sich das amortisiert, geht es mir gar nicht." Was für sie zähle, sei vielmehr das befriedigende Gefühl, ihr Scherflein zur "Energiewende von unten" beizutragen, so nennt sie das.

Diese Formulierung ist der Leitsatz der Initiative "München Solar 2030". Sie hat Hildegard Weinberger-Battis den Anstoß für ihr Balkonkraftwerk gegeben und sie auf dem Weg zur Inbetriebnahme begleitet. Wobei anfangs der Zufall im Spiel war: Weil ihr Schwiegersohn im Mai 2022 einen Vortrag der Initiative nicht besuchen konnte, ging Weinberger-Battis an seiner Stelle hin. "Das Thema waren Balkonkraftwerke. Und da ist bei mir das erste Mal die konkrete Idee aufgekommen, mir so etwas anzuschaffen", sagt sie. Schon wenige Monate später konnte sie das Solarmodul in die Steckdose stöpseln. "Das ganze war wirklich kinderleicht", betont sie. Zumal, wenn einem die Expertinnen und Experten von "München Solar 2030" zur Seite stünden.

Wobei Bernd Bötel bei dieser Formulierung zusammenzuckt und sogleich anmerkt: "Wir sind streng genommen keine Experten, sondern Ehrenamtliche, die sich in die Themen eingearbeitet haben." Angefangen habe alles im Herbst 2019, als er bei einer Veranstaltung von "Parents for Future" Ulrike Schwarz kennenlernte. Gemeinsam hätten sie gegrübelt, erzählt Bötel, "was wir noch machen können außer Plakate malen und auf Demonstrationen gehen".

Schnell sei man auf das Thema Solarenergie gekommen, worauf der 52-Jährige zu recherchieren begann und manch alte Vorstellung über Bord werfen musste. "Ich hatte noch die Denke aus den 1990er-Jahren, dass sich Photovoltaik nicht lohnt, dass die Module zu teuer sind und dass damit zu wenig Energie erzeugt wird. Aber das ist alles falsch", betont Bötel. "Photovoltaik ist die günstigste Art der Stromerzeugung. Und sie ist überall in Deutschland möglich."

Im Jahr 2020 präsentierte das Duo seine Idee für "München Solar 2030" einigen Bekannten - "und danach waren wir schon zu fünft", erzählt Bötel, der im Hauptberuf Gitarrenlehrer ist. 2021 ging ihre Webseite online, mit umfangreichen Informationen zu Balkonkraftwerken, Photovoltaik auf Mehrfamilienhäusern, Mieterstrom und der "Energiewende von unten". Im gleichen Jahr organisierte die Initiative ihre erste Veranstaltung, der später zahlreiche Workshops folgten.

Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der daraus resultierenden Energiekrise habe "München Solar 2030" dann so richtig Fahrt aufgenommen, erzählt Bötel. "Im Herbst sind wir fast überrollt worden von all den Anfragen." Ganz konkret können sich Interessenten für eine Photovoltaikanlage per Online-Formular an die Initiative wenden, die ihnen dann eine Mentorin oder einen Mentor zur Seite stellt. Anhand von Fotos gibt es eine erste Empfehlung, die später in einem Workshop zum Thema Ertragsprognose vertieft wird.

Im Rathaus verfolge man "sehr ambitionierte Pläne"

Anschließend folgen - bei Bedarf - Vernetzungstreffen und ein Seminar zur Montage der Solarmodule, die wiederum als Sammelbestellung über die Initiative gekauft werden können. Laut Bötel engagieren sich inzwischen mehr als 50 Menschen bei "München Solar 2030" - rein ehrenamtlich. Mittelfristig soll diese Zahl deutlich ansteigen, hofft der Gründer. Eine Vereinsgründung sei in Planung, und auch thematisch wolle man sich breiter aufstellen.

Im Zentrum dürfte aber das Thema Photovoltaik bleiben - zumal die Stadt München hier, je nach Sichtweise, deutlich hinterherhinkt oder über großes Potenzial verfügt. So könnte angesichts von 2000 Sonnenstunden im Jahr theoretisch ein Viertel des Münchner Strombedarfs durch Solarenergie gedeckt werden; aktuell sind es kaum vier Prozent. In den vergangenen Jahren sei in puncto Photovoltaik "viel zu wenig passiert", räumte Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) unlängst ein. Inzwischen jedoch verfolge man im Rathaus "sehr ambitionierte Pläne". Zwar blieb die Stadt 2022 beim Bau neuer Photovoltaikanlagen hinter der im grün-roten Koalitionsvertrag anvisierten Gesamtleistung von 15 Megawatt Peak zurück. Doch mit 1501 neuen Anlagen und 11,2 Megawatt Peak setzte man immerhin neue Rekordmarken und überbot den Vorjahreswert um 15 Prozent.

Um diese Bilanz zu verbessern, hat die Stadt das Förderprogramm Klimaneutrale Gebäude gestartet. Dieses ist bis 2025 mit 127 Millionen Euro ausgestattet und bezuschusst unter anderem Gebäudedämmung und Wärmepumpen, aber auch Solaranlagen, Mieterstrom und Balkonkraftwerke. Letztere werden mit bis zu 240 Euro gefördert, wodurch die Anschaffungskosten für eine typische Anlage mit zwei Modulen auf unter 600 Euro fallen. Rein rechnerisch könne ein solches Balkonkraftwerk den Stromverbrauch eines Durchschnittshaushalts um 20 Prozent reduzieren, sagt Andreas Horn, der städtische Solarkoordinator. Er betont: "Photovoltaik ist wirtschaftlich, und bei den aktuellen Energiepreisen sowieso."

Angelaufen ist das Förderprogramm, das laut Habenschaden "deutschlandweit einzigartige Anreize setzt, sich an der lokalen Energiewende zu beteiligen", im Oktober - zwei Monate, nachdem Hildegard Weinberger-Battis ihr Balkonkraftwerk in Neuhausen in Betrieb genommen hatte. Dass sie den Zuschuss so knapp verpasst hat, reue sie jedoch nicht, sagt die 68-Jährige. Nach ihren Erfahrungen mit "München Solar 2030" engagiert sie sich inzwischen selbst bei der Initiative. "Ich finde das eine total gute Sache", betont Hildegard Weinberger-Battis. "Weil das eine Gemeinschaft ist, die nicht nur herumpolitisiert, sondern wirklich etwas Konkretes unternimmt."

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