Jahresempfang des Erzbistums:Söder mahnt Kirche: Verlust von Privilegien droht

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Jahresempfang des Erzbistums: Seite an Seite: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit Kardinal Reinhard Marx (rechts) beim Jahresempfang des Erzbistums München und Freising.

Seite an Seite: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit Kardinal Reinhard Marx (rechts) beim Jahresempfang des Erzbistums München und Freising.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

"Schon länger ein Dauertief": Demonstrativ zeigt sich der Ministerpräsident beim Jahresempfang des Erzbistums München und Freising. Doch er verkündet alles andere als frohe Botschaften.

Von René Hofmann

Markus Söder wäre nicht Markus Söder, wenn es ihm an diesem Abend nicht auch um Wirkung ginge. "Das Kommen ist ein Statement, es ist ein Bekenntnis, es ist Wertschätzung, und es ist ein Dankeschön", sagt er gleich zu Beginn seines viertelstündigen Grußwortes beim Jahresempfang des Erzbistums München und Freising, und gegen Ende flicht er noch in seine Rede ein: "An Fronleichnam bin ich auch bewusst mitgegangen, um ein Zeichen zu setzen." Seht her, hier bin ich, soll das wohl heißen, der Landesvater steht an der Seite der Kirche. Doch vieles, was der Ministerpräsident dazwischen sagt, klingt nicht nach Zustimmung. Söder verkündet wenige frohe Botschaften.

"Über der Kirche gibt es schon länger ein Dauertief", sagt er: "Es gibt Austritte. Viele." Und im Herbst könnte die Zahl noch steigen. "Wenn es finanziell eng wird", prophezeit er, "dann überlegt der eine oder andere: Kann ich mir das noch leisten, will ich mir das noch leisten?" Diese Entwicklung sei "sehr, sehr ernst zu nehmen".

"Ich bekenne mich ausdrücklich zur Institution Kirche", so Söder, "aber jedem muss klar sein, wenn die Mitgliederzahlen so weitergehen, werden diejenigen, die eine grundlegend andere Auffassung haben, besondere Stellungen und Privilegien infrage stellen und thematisieren, ob all dies noch zeitgemäß ist, ob man das nicht ändern muss."

Zweimal war der Jahresempfang zuletzt wegen der Corona-Pandemie ausgefallen. Um dem Virus weniger Verbreitungswege zu bieten, verzichtet Kardinal Reinhard Marx auf das sonst übliche Defilee. Das aber bringt den prominentesten der 500 Gäste nicht dazu, auf Abstand zu gehen zum aktuell drängendsten Thema.

Jesus trifft auf Kirchengremien: Für Söder eine lustige Vorstellung

Söder: "Wir alle wissen, was der Grund ist für diese schwere Zeit: natürlich die seit vielen Jahren anhaltende Missbrauchsdiskussion." In Einzelfällen blicke man bei dieser "in einen schweren Abgrund". "Manche stellen die Frage: Wurde zu spät reagiert? Wurde in zu vielen Einzelstimmen reagiert, nicht geschlossen genug? Waren die Entschädigungen am Anfang zu niedrig? Sind sie jetzt angemessen? Bräuchte es nicht mehr Respekt und Empathie und Mitfühlen mit den Betroffenen?" Söders Antwort: "Das alles kann man sagen."

Für einen an sich freundlich arrangierten Empfang mit in Dirndl und Lederhosen vorgetragenen A-cappella-Melodien ("Hoamat", "Es ist ned immer leicht I zum sei") waren das bemerkenswert klare Worte. Und noch deutlicher als das Vertrauensbekenntnis zum Gastgeber ("Ich möchte aber ausdrücklich auch Kardinal Marx persönlich meinen Respekt zollen, der in dieser Zeit viel auf sich genommen hat und der auch versucht hat, diesen Prozess nicht nur zu moderieren, sondern zu führen") fiel der Appell zu mehr Engagement aus: "Ich vermisse die Stimme der Kirchen", mahnte Söder, "sie ist leiser geworden."

Vielsagend auch sein Seitenhieb: "Ich glaube, wenn Jesus Christus heute zu uns kommen würde, würde er die Menschen begeistern wie ein Superstar", so der bekennende evangelische Christ, "eine Begegnung mit Kirchengremien würde aber wohl beide Seiten schocken."

Der Glexit, der Auszug der Gläubigen, hat auch die Hochengagierten erfasst

Dass Söder diese Meinung nicht exklusiv hat, belegte der Vortrag von Hans Tremmel. Nach zwölf Jahren gibt er den Vorsitz des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum München und Freising bald ab. "Unter unserem Dach ist wahrlich fürchterliches passiert. Die Kirche hat Menschen kaputt gemacht. Das lässt sich nicht mit guten Schulen, hochprofessionellen Sozialeinrichtungen und engagierten Seelsorgern aufrechnen oder relativieren. Die entsetzlichen Verbrechen im Raum der Kirche bleiben unentschuldbar. Punkt", formulierte er ohne Umschweife. "Der Glexit, der Auszug der Gläubigen, nimmt immer schmerzhaftere Dimensionen an. Zu viele sind einfach nur noch genervt von der Kirche. Inzwischen verlassen uns auch die Hochengagierten."

Die Institution sieht Tremmel an einem "toten Punkt". Was der Vorsitzende des obersten Laiengremiums im Erzbistum sich wünscht: "Dass die neue Grundordnung akzeptiert, dass Menschen sehr unterschiedlich sein und leben können und gerade in ihrer Diversität für die Arbeit im Weinberg des Herrn unverzichtbar sind. Dass die Kirche ganz vorne mitmarschiert, wenn es um Menschenrechte geht und um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, um faire und gerechte Strukturen."

Bevor es hinausging in den Garten der Katholischen Akademie, unter die einschlägig beschrifteten Bäumen (Eiche, Quercus turneri: "Euretwegen habe ich die Amoriter vernichtet. Sie waren so groß wie Zedern und so stark wie Eichen, aber ich habe sie mit Stumpf und Stiel ausgerottet." Amos 2,9), zu Lachs im Brickteig, Lasagne von Wald- und Wiesnpilzen und gefüllter Kalbsschulter, verteidigte Reinhard Marx noch einmal sein Vorgehen bei der Missbrauchsaufarbeitung: "Manche haben gesagt: Herr Kardinal, warum machen wir das, mit diesem Gutachten? Was soll das bedeuten? Da treten ja noch mehr Leute aus der Kirche aus. Aber soll ich es verschweigen, sollen wir die Aufklärung in dem Sinne machen: Am besten nicht mehr darüber reden, nicht zurückschauen, sondern nur nach vorne. Das ist nicht der Weg." Sondern: "Gehen wir den Weg der Aufklärung, der weh tut. Den Weg der Transparenz, der Prävention, der Zusammenarbeit mit dem Staat."

Das alles sei seit 2010 vorangetrieben worden. Alle Religionen bräuchten einen Prozess der Reinigung und des Neuaufbruchs. Nun gehe es darum herauszufinden, wie eine Religion in einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft aussehen könne. Das Wort Zeitenwende fiel oft. Aber es klang eher wie eine Predigt, weniger wie ein Versprechen.

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