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München:Welche Straßen kritisch sein könnten

Von-Erckert-Straße, Von-Erckert-Platz

Zwei Orte, eine Straße und ein Platz, sind Friedrich von Erckert gewidmet: Es sind zwei Orte von vielen in München, die Militärs der deutschen Kolonialgeschichte ehren. Von Erckert war ein Offizier aus Pommern. Er meldete sich 1904 freiwillig, um in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika gegen die aufständischen Herero und Nama in den Krieg ziehen zu dürfen - in einen Krieg, den die Bundesregierung heute als Völkermord bezeichnet. Zeitgenossen dagegen galt von Erckert als "Vater der Kamelreiter-Truppe": Als Bezirkskommandeur rüstete er seine Soldaten mit Kamelen aus, um Aufständischen in die Wüste folgen zu können; 1908 wurde er im Kampf erschossen. In der Heimat war von Erckert ein literarischer Held, die Nazis stilisierten ihn weiter zum Vorbild. Die Straßenschilder in Waldtrudering tragen mittlerweile Tafeln, die auf die Geschichte hinweisen.

Leonhard-Moll-Bogen

Diese Benennung hat der Stadtrat bereits rückgängig gemacht: Der frühere Leonhard-Moll-Bogen im Stadtteil Sendling-Westpark heißt seit 2014 Landaubogen, nach der niederbayerischen Stadt an der Isar. Der zuvor geehrte Moll war ein Münchner Bauunternehmer, dessen Firma ganz unterschiedliche Aufträge erfüllte. Sie errichtete ebenso einen Dachstuhl für die Synagoge an der Reichenbachstraße, wie sie 1938 im Auftrag der Nazis die Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße abriss. Mit einem Straßennamen geehrt wurde Moll unter anderem deswegen, weil er nach Kriegsende Geld für Altenheime gespendet hatte. 1989 widmete ihm der Stadtrat die vorherige Tübinger Straße. Doch dann ergaben Studien, dass der Mann in seinen Fabriken viele Zwangsarbeiter beschäftigt hatte - und die Stadt schwenkte um.

Hella-von-Westarp-Straße

Sie galt erst als Opfer der Revolutionswirren, dann als völkische Märtyrerin: Hella von Westarp war eine von zehn Geiseln, die am 30. April 1919 im damaligen Luitpold-Gymnasium an der Müllerstraße von Rotarmisten erschossen wurden. Doch wie die anderen Ermordeten, etwa Franz von Teuchert, Fritz Linnenbrügger und Walter Deike, nach denen ebenfalls Straßen benannt sind, war von Westarp Mitglied der Thule-Gesellschaft. Der 1918 als Münchner Ableger des völkisch-antisemitischen Germanenordens gegründete Bund nahm viele Ideen der Nazis vorweg. Sein Emblem war das Hakenkreuz, sein Gruß lautete "Heil und Sieg". In der Rätezeit finanzierte er das paramilitärische "Freikorps Oberland", dessen Nachfolger, der "Bund Oberland", mit den Nazis zusammenarbeitete. Die Straßenbenennungen veranlasste NS-Oberbürgermeister Karl Fiehler 1936.

Sedanstraße

Nach Sedan, einer Kleinstadt in den Ardennen, sind viele Straßen benannt: in Berlin, Köln, Regensburg oder auch München. Denn im Kaiserreich war Sedan ein Symbol für die Überlegenheit über Frankreich. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erlitt Frankreich dort eine folgenreiche Niederlage; Kaiser Napoléon III. geriet in Gefangenschaft, Frankreich rief die Republik aus. Im Deutschen Reich wurden daher an den Jahrestagen am 2. September "Sedantage" als provisorische Nationalfeiertage gefeiert. Und häufig ergoss sich der Hass auf den "Erbfeind" Frankreich in Straßennamen, auch in München. Wie die Sedanstraße erinnern zum Beispiel die Balan-, die Bazeilles- und die Weißenburger Straße sowie der gleichnamige Platz - im Grunde das ganze "Franzosenviertel" in Haidhausen - an jenen Krieg.

Georg-Freundorfer-Platz

NSDAP-Mitglied war er nicht, aber eine Nähe gab es offenbar doch. Georg Freundorfer, gelernter Bierbrauer und gebürtiger Münchner, machte Anfang des 20. Jahrhunderts als Zitherspieler und Komponist Furore und wurde zu einem der beliebtesten Unterhaltungskünstler der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Lange lebte er an der Westendstraße; seiner Heimat widmete er den "Schwanthaler Höher Marsch". Auf dieser liegt auch der nach Freundorfer benannte Platz. Zuletzt aber ergaben Recherchen des "Kulturladens Westend", dass sein "Freundorfer Trio" gerne bei "bunten Abenden" der Nazi-Partei auftrat. Freundorfer selbst komponierte 1935 den Marsch "Gruß an Obersalzberg". Der heute zu Berchtesgaden gehörende Ort war Hitlers langjähriger Ferienort und wurde seit 1933 immer mehr ausgebaut. Der Marsch wurde später gewissermaßen entnazifiziert: Er heißt heute "Gruß an Oberbayern".