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München:So will die Stadt mit belasteten Straßennamen umgehen

Ärger um Straßennamen

2010 wurde die Meiserstraße in Katharina-von-Bora-Straße umbenannt. Der Frau von Martin Luther werfen Kritiker aber eine antisemitische Einstellung vor.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)
  • Straßennamen haben oft eine historische Bedeutung, die vielen Menschen gar nicht bewusst ist.
  • Die Namen sind Produkte ihrer Zeit - und daher heute nicht immer unumstritten.
  • In München sollen sich Historiker des Problems annehmen und Straßennamen prüfen.

Franzosenviertel. Das klingt nett. Es gibt die Sedan- und die Bazeillesstraße, den Weißenburger und den Pariser Platz. Was frankophil klingt, ist in Wahrheit ein Beispiel für das nationalistische und militaristische Denken einer anderen Zeit - die Straßen in Haidhausen rühmen den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Soll das so bleiben? Bedarf es einer Umbenennung oder zumindest einiger historischer Hinweise? Oder akzeptiert man einfach, dass die meisten Passanten beim Anblick der Schilder ohnehin nicht an Kriegsschauplätze denken, sondern einfach nur an französische Städte?

Diese Fragen will das Stadtarchiv in den kommenden Jahren klären - im ganz großen Stil. Der Verwaltungs- und der Kommunalausschuss des Stadtrats haben kürzlich ein aufwendiges Paket zum Thema Straßennamen beschlossen. Demnach sollen Experten in den kommenden Jahren sämtliche Münchner Straßenbezeichnungen systematisch auf problematische Fälle durchleuchten, das historische Prozedere der Namensgebung klären und eine Empfehlung aussprechen, wie damit umzugehen ist.

Einfach wollen es sich die Historiker dabei keineswegs machen, das Ergebnis muss nicht immer zwangsläufig eine Umbenennung sein. Denn Straßennamen sind schließlich auch ein Stück Geschichte, ein "Ausdruck eines zeitgebundenen Werte- und Normensystems", wie das Stadtarchiv formuliert. Es dürfe nicht das Ziel der Aktion sein, eine "erinnerungskulturelle Flurbereinigung" zu betreiben und Zeugnisse einer anderen Zeit einfach aus dem Stadtbild zu tilgen. Die Historiker wollen deshalb ein "wirkungsvolles Instrumentarium" entwickeln, wie mit problematischen Straßennamen umzugehen ist.

Allerdings, das ist auch dem Archiv klar, wird es bei der Suche Treffer geben, bei denen eine rasche Umbenennung zwingend ist. Ehrungen aus der Nazizeit etwa oder auch für zweifelhafte Akteure in den deutschen Kolonien. In den vergangenen Jahren hat sich die Debatte über historisch vorbelastete Bezeichnungen deutlich intensiviert, diverse Straßen tragen bereits einen anderen Namen. So wurde 2007 die Von-Trotha-Straße in Hererostraße umbenannt, statt des Täters wird nun der Opfer gedacht. 2010 büßte Landesbischof Hans Meiser seine Straße in der Maxvorstadt ein, 2014 verschwanden der Leonhard-Moll-Bogen und die Paul-Lagarde-Straße. Jüngster Fall ist der Friedrich-Berber-Weg, der nun Brunnthaler Weg heißt.

Die Stadt gibt zu, bei der Namensgebung seit den Fünfzigerjahren nicht immer eine glückliche Hand gehabt zu haben. Zahlreiche Problemnamen wurden erst in jüngerer Zeit vergeben. Inzwischen stehen erneut mehrere Bezeichnungen in der Kritik: die Hilblestraße in Neuhausen, der Kißkaltplatz in Schwabing, die Treitschkestraße in Moosach, die Alois-Wunder-Straße in Pasing und der Georg-Freundorfer-Platz im Westend.

Straßennamen haben eine besondere Bedeutung

Die Bedeutung von Straßennamen ist nach Ansicht des Stadtarchivs nicht zu unterschätzen. "Straßennamen informieren, erinnern und ehren", so die Historiker. In ihnen spiegelten sich oft die regionalen und lokalen Besonderheiten einer Stadt wider. Die Benennung einer Straße nach einer Person verkörpere in München die höchstmögliche Form der Ehrung. Allerdings sei die Einschätzung dieser Person stets zeitgebunden. Spätere Generationen beurteilten den Geehrten oft ganz anders. Insofern seien Straßennamen auch ein "Fenster in die Vergangenheit".

Schilder mit Straßennamen gibt es in München erst seit 1810 - damals wurden an den Ecken der nur etwa 150 Straßen Holztafeln befestigt. Im Mittelalter waren Gassen und Plätze nicht offiziell benannt, die Bezeichnungen wurden lediglich mündlich verwendet. Schilder waren in der damals noch recht überschaubaren Stadt nicht üblich - schon deshalb, weil kaum jemand lesen konnte. Vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert, so das Stadtarchiv, wurden Straßennamen dann symbolisch aufgeladen und für patriotisch-nationalistische Zwecke genutzt.

Aus dieser Zeit stammen Sedanstraße und Co. Ein halbes Jahrhundert früher hatte bereits König Ludwig I. seine Abneigung gegen Frankreich in Straßennamen verewigt: Die Barer, Brienner und Arcisstraße erinnern an die Befreiungskriege gegen Napoleon. Von 1933 an widmete sich das Nazi-Regime akribisch der "Entjudung" der Straßennamen. Etwa 200 Straßen mussten nach dem Krieg erneut umbenannt werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite verschiedene Beispiele von Straßennamen, die unter die Lupe genommen werden.