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Verpflichtung von Simon Rattle:Drei Säle trotz knapper Kassen

Im neuen Konzertsaal soll Sir Simon Rattle das BR-Symphonieorchester dirigieren. Simulation: Cukrowicz Nachbaur Architekten

Zweifel am Bau des Konzerthauses gibt es nun kaum noch

Von Heiner Effern

Was die Verpflichtung des Dirigenten Sir Simon Rattle für München bedeutet, ist auch am Dienstag unbestritten. "Das ist der Wahnsinn", sagte etwa die kulturpolitische Sprecherin der SPD im Stadtrat, Julia Schönfeld-Knor. Doch nach der ersten Freude hat sich mancher Politiker in der Stadt gefragt, was dieser gelobte Coup für die Finanzen Münchens bedeutet. Denn nicht nur Grünen-Fraktionschef Florian Roth hatte gehofft, dass der Freistaat wegen seiner leeren Kasse irgendwann seine eigenen Pläne für einen neuen Konzertsaal doch noch einstellen und bei der Stadt anklopfen würde, ob man sich nicht deren zwei Konzertsäle teilen könnte. Nach dem Motto: gemeinsame Nutzung, gemeinsame Kosten. Der Saal im Gasteig wird schließlich bald saniert, das Ausweichquartier in Sendling wird dieses Jahr fertig.

Doch ob Simon Rattle mit der Aussicht nach München gelockt wurde, als Untermieter bei der Stadt zu dirigieren? Glaubt man eher nicht in der grün-roten Koalition. "Die Wahrscheinlichkeit ist gestiegen", dass der Freistaat wirklich selbst baut, vermutet Grünen-Fraktionschef Roth. Dann hätte München tatsächlich vier Konzertsäle, von denen außer dem Herkulessaal alle auf modernstem Stand wären. Wenn er sich das aus seiner Sicht immer kleiner werdende Zielpublikum ansieht, zweifelt Roth, ob das sinnvoll ist. Könne schon sein, dass Rattle auch mit der Aussicht auf einen neuen Konzertsaal eingekauft wurde, spekuliert auch SPD-Stadträtin Schönfeld-Knor. Doch für die Stadt ändere sich wenig. "Wir bauen sowieso." Das Einstiegsangebot an den Freistaat könne man ja "trotzdem aufrechterhalten".

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat an seiner Haltung nie Zweifel aufkommen lassen. Er steht zum neuen Konzertsaal, den der Freistaat für das BR-Symphonieorchester im Werksviertel bauen will. Aus seiner CSU-Fraktion kamen schon immer wieder mal kritische Stimmen, ob München unbedingt noch eine solche Großinvestition nötig habe. In der Münchner Rathaus-Koalition glaubt man, dass viel von Söders persönlichen Karriereplänen abhängt. Bleibt er in Bayern, werde er den eigenen Konzertsaal durchsetzen, so die Vermutung. Sollte er sich Richtung Bundespolitik bewegen, könnte etwas gehen.

Erst im Dezember hatte der Stadtrat die 450 Millionen Euro teure Sanierung des Gasteig beschlossen. Kernstück ist der Konzertsaal, in dem die Münchner Philharmoniker zu Hause sind, das Orchester der Stadt. Für den perfekten Klang soll der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota sorgen, ein Top-Mann seiner Branche. Den hat die Stadt dann auch noch für das Interim in Sendling engagiert, in dem das städtische Orchester während der Gasteig-Sanierung spielen soll. Dass dieser Saal danach abgerissen wird, glaubt in München kaum mehr jemand.

© SZ vom 13.01.2021/van
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