Silvestermeile in München„Es ist halt keine Partystimmung“

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Um Mitternacht strahlt eine Light- und Lasershow über die Ludwigstraße.
Um Mitternacht strahlt eine Light- und Lasershow über die Ludwigstraße. (Foto: Florian Peljak)

Die Münchner Silvestermeile ist zurück, mit beeindruckenden Lichtinstallationen und einer eher kurzen Lasershow. Die Meinungen darüber gehen auseinander. Viele finden die Nacht auf der Ludwigstraße zu teuer für das, was dort geboten ist.

Von Jacqueline Lang

Der Himmel über der Ludwigstraße leuchtet. In einer dynamischen Formation ziehen anfangs vor allem weiße, breite Lichtstrahlen durch die Nacht, später werden sie auch mal in die Farben des Regenbogens getaucht. Einmal leuchten sie in einer schnellen Abfolge immer wieder in Rot auf, sodass es aussieht, als würde die Bühne in Flammen stehen. Dazu läuft Elektromusik, die weniger zum Mitsingen, als viel mehr zum leichten Wiegen im Takt einlädt.

Es ist Mitternacht in München, ein paar Tausend Menschen feiern nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder auf einer Silvestermeile – und zum allerersten Mal überhaupt mit einer Licht- und Lasershow, statt Feuerwerk.

Bleibt die Frage: War es eine „gelungene Premiere“, wie die Pressesprecherin des Veranstalters, Katrin Strauch, noch in der Nacht sagt, oder doch eher „absolut grottig“, wie ein Besucher kopfschüttelnd resümiert?

Offiziell los geht es auf den etwa 800 Metern zwischen Siegestor und Odeonsplatz schon um 19 Uhr, erst gegen 22 Uhr füllt sich die Ludwigstraße jedoch so langsam, während in der Ferne bereits fleißig geböllert wird. Die Menschen, die sich vor den vier Bühnen tummeln, für Bier, Glühwein, Smashburger und Donuts anstehen, sind dick eingepackt, manche tragen über ihren Mützen zum Anlass passende Haarreifen, gelegentlich werden ihre von der Kälte geröteten Gesichter von den Lichtinstallationen und Video-Mappings erleuchtet, die mehrere Gebäude in virtuelle Kunstwerke verwandeln. An der Hip-Hop-Bühne tanzen sich die ersten zu Beyoncé warm, andere wärmen sich in der Ludwigskirche bei einem Orgelkonzert auf.

In der Ludwigskirche wärmen sich Menschen bei einem Orgelkonzert auf.
In der Ludwigskirche wärmen sich Menschen bei einem Orgelkonzert auf. (Foto: Florian Peljak)
Von außen wird das Gotteshaus mittels Video-Mapping bunt angestrahlt.
Von außen wird das Gotteshaus mittels Video-Mapping bunt angestrahlt. (Foto: Florian Peljak)

Zeit für einen ersten Stimmungstest: „Miserabel“, ist Brigitte Veiz' vernichtendes Urteil. Wobei man sagen muss: Es geht ihr gar nicht nur um die Veranstaltung, sie findet generell, dass München es nicht versteht, zu feiern. Nach 25 Jahren habe sie der Stadt noch mal eine Chance gegeben, aber den nächsten Jahreswechsel werde sie definitiv wieder anderswo feiern. Irgendwo, wo sie keine 40 Euro hinblättern muss für ein Event, das sie schlecht geplant und noch dazu überteuert findet. Überhaupt, warum organisiere die Stadt so was nicht kostenlos?

Ähnlich sieht das ein Mutter-Tochter-Gespann, das etwas unschlüssig neben der großen Bühne am Siegestor steht: Sie hätten sich das Ganze größer vorgestellt, mit mehr Leuten gerechnet, eher so wie den „Corso Leopold“. „Es ist halt keine Partystimmung“, sagt die Mutter. Nachdem auch noch der Weißwein „grässlich“ schmeckt, überlegen die beiden heimzufahren, den Sekt aus dem Kühlschrank zu holen – auf das Festgelände durfte man ja nichts mitbringen – und sich das Feuerwerk am Königsplatz anzuschauen.

Auch zwei Freundinnen, beide 22 Jahre, überlegen, noch vor Mitternacht weiterzuziehen: Mit der Musik von Moop Mama können sie überhaupt nichts anfangen, generell kämen nirgends Lieder, die man kennt, sagt eine der beiden.

Um Mitternacht sieht man nicht nur die Lasershow, sondern in der Ferne auch Feuerwerk.
Um Mitternacht sieht man nicht nur die Lasershow, sondern in der Ferne auch Feuerwerk. (Foto: Florian Peljak)
Je später die Stunde...
Je später die Stunde... (Foto: Florian Peljak)
...desto ausgelassener wird getanzt.
...desto ausgelassener wird getanzt. (Foto: Florian Peljak)

Zwei andere junge Frauen, die man am Professor-Huber-Platz trifft, wollen der Sache indes eine Chance geben, auch wenn sie sich in den Beat noch reinfühlen müssen, und ein älterer Mann, der sich, wie man an dem schwarzen Turnbeutel, auf dem „Silvestermeile“ steht, erkennen kann, ein „Sekt-Upgrade“ mit zwei Sektdosen und Mehrwegbechern gegönnt hat, ist sogar „sehr zufrieden“ mit dem bisherigen Abend, seiner Frau hat vor allem der Auftritt der Schwuhplattler gefallen.

Vor der Ludwigskirche werden unterdessen im Dauertakt Blasebälge gedrückt: Mit ihnen lassen sich virtuelle Bällchen die Türme des Gebäudes hochjagen, während im Wechsel bunte Mosaike und Weihnachtssterne darauf projiziert werden. Diese Installationen von fünf Lichtdesignern und Projektionskünstlern, die neben der Ludwigskirche das Siegestor, die U-Bahnausgänge, den Professor-Huber-Platz erstrahlen lassen, sind dann am Ende vielleicht auch die geheimen Stars der Silvestermeile: Sie sind so bunt, so leuchtend, so vielschichtig, dass man sich gar nicht sattsehen mag.

Dann endlich läuft der Countdown, es schlägt 12 Uhr, der Himmel über dem Siegestor beginnt zu leuchten. Aber war es das schon? „Die Lasershow eskaliert noch nicht so“, stellt jemand fest, einige filmen dann auch statt der Lichtkegel direkt über ihnen lieber das Feuerwerk, das in der Ferne in die Luft geht, wieder andere zünden sich ihre mitgebrachten Wunderkerzen an. Als die Show nach wenigen Minuten dann definitiv vorbei ist, ruft einer: „Das war das Schlechteste und Lahmste, was ich je gesehen habe.“ Wie viele andere bewegt er sich danach recht schnell Richtung Ausgang; die minus vier Grad, die das Thermometer anzeigt, tun vermutlich ihr Übriges. Ulrich van Douwe und seine Freunde sind noch geblieben, aber auf die Frage, wie ihm die Lightshow gefallen habe, antwortet auch er nur lachend mit einer Gegenfrage: „Welche Lightshow?“

Zwei, die die Kritik nicht verstehen können, sind Johann Rausch und Liliane Stadler, beide Mitte 60: Er ist allein aus Petershausen mit der S-Bahn angereist und findet, es hat sich gelohnt, mal was anderes jedenfalls. Klar, ein paar mehr Farben wären schön gewesen, „aber mei“.  Sie tanzt fröhlich grinsend zu „Let’s get loud“ von Jennifer Lopez und sagt, toll sei’s gewesen: „Es muss ja nicht immer der Superlativ sein.“ Wobei man sagen muss: Einen ebensolchen hatte Moderator Thomas Gierling mehrmals angekündigt –  besonders nachhaltig, besonders bunt, besonders toll.

Zwischen den Bühnen ist nun immer mehr Platz, auch wenn es richtig voll ja den ganzen Abend über nicht war: Die GRAL GmbH, die Platz für doppelt so viele Besucherinnen und Besucher gehabt hätte, konnte eigenen Angaben zufolge letztlich nur um die 10 000 Tickets verkaufen, lässt man selbst den Blick schweifen, scheint eine mittlere vier- statt fünfstellige Zahl am wahrscheinlichsten. Wobei jemand wie van Douwe das wiederum gut findet: So sei es nicht so eng und es gebe – vermutlich auch wegen des recht hohen Preises – keine unangenehmen Gäste. Tatsächlich verzeichnen Johanniter wie Sicherheitskräfte keinen einzigen Zwischenfall – ganz im Gegensatz zu den 680 Einsätzen, die die Polizei am Neujahrsmorgen vermeldet. „Richtig schön, richtig friedlich“, fasst Pressesprecherin Strauch den Abend zusammen.

Dreht man gegen halb 1 Uhr noch eine Runde, läuft man durch eine weitgehend leere „Genussmeile“. Fragt man an einem Würstelstand nach, wie das Geschäft lief, sagt die Frau: „Es war ok.“ Sie hätten allerdings mit mehr gerechnet, außerdem sei offenbar nicht ausreichend kommuniziert worden, dass man nur mit Karte zahlen kann. Auch Gäste hatten zuvor schon unzureichende Infos zum Programm beklagt. Foodtruck-Betreiber Daniel Mraz, ist indes „begeistert“. Es habe sich auf jeden Fall gelohnt, er komme 2026 gerne wieder.

Befragt man Strauchs Kollegin Shoshannah Peter am Neujahrsmorgen zu der vorgebrachten Kritik, sagt die, eine solche habe sie noch nicht erreicht, aber klar, alle glücklich machen, das gehe nie bei einem solch großen Event. So hätten zum Beispiel auch einige mit Unverständnis darauf reagiert, dass Kinder erst ab sechs Jahren aufs Gelände gelassen wurden. Man habe aber, glaubt sie, in allen Fällen „sehr offen kommuniziert“. Und sie jedenfalls habe am Ende des Abends in viele glückliche Gesichter geblickt.

Und damit noch einmal zurück auf die Silvestermeile: Es ist kurz vor halb 2 Uhr. Jene, die die Kälte zu diesem Zeitpunkt noch nicht vertrieben hat, tanzen ausgelassen zu Hits wie „Wannabe“ von den Spice Girls, umarmen einander und das neue Jahr bis Moderator Gierling sie mit den Worten „Vielleicht sehen wir uns ja schon in einem Jahr wieder“ in die Nacht verabschiedet.

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