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"Silent Protest":25 000 Münchner demonstrieren gegen Rassismus

Demo gegen Rassismus: Black Live Matters. Auf dem Königsplatz.

Unter dem Motto "Silent Protest - Nein zu Rassismus" haben am Samstag 25 000 Menschen auf dem Münchner Königsplatz demonstriert.

(Foto: Florian Peljak)

Der Tod von George Floyd treibt auch die Münchner auf die Straße. Geplant war ein kleiner, stiller Protest. Doch dann strömen deutlich mehr Menschen auf den Königsplatz als erwartet.

Für acht Minuten und 46 Sekunden herrscht Stille über dem Königsplatz in München. Acht Minuten und 46 Sekunden knien die Demonstranten nieder und schweigen. Acht Minuten und 46 Sekunden - so lange hatte ein amerikanischer Polizist in Minneapolis Ende Mai sein Knie in den Nacken von George Floyd gepresst. Erst als ihn einer der herbeigerufenen Sanitäter dazu aufforderte, ließ er von dem bewusstlosen Mann ab. In der Notaufnahme des Krankenhauses wurde Floyd dann wenig später für tot erklärt. Es war eine Tat, die ohne Rassismus nicht zu erklären ist. Und die in ganz Deutschland zahlreiche Menschen auf die Straße treibt. Auch in München sind es deutlich mehr als von den Veranstaltern erwartet.

200 Teilnehmer hatten die Organisatoren angemeldet. Am Nachmittag meldet die Polizei in einer ersten Schätzung knapp 20 000 Demonstranten. Am frühen Abend korrigiert sie ihre Schätzung noch einmal nach oben. Auf 25 000. Die strengen Abstandsregeln sind da nur schwer einzuhalten, auch wenn die Polizei, mit 600 Beamten im Einsatz, mehrfach darum bittet.

Bereits um 14 Uhr, eine Stunde vor Beginn der Kundgebung, hatte sie die Zugänge zum Königsplatz sowie den nahegelegenen Karolinenplatz für den Verkehr gesperrt, um zusätzlichen Platz für die Veranstaltung zu schaffen. Obwohl der Mindestabstand "insbesondere im vorderen Drittel" mehrfach unterschritten wird, schreitet die Polizei nicht ein. Sie begründet dies später in einer Mitteilung so: "Ein polizeiliches Einschreiten war insbesondere durch die erheblichen Teilnehmerzahlen und den erwartbaren gruppendynamischen Effekten mit Blick auf die Verhältnismäßigkeit nicht geboten."

Demo gegen Rassismus: Black Live Matters. Auf dem Königsplatz.

Der Münchner Königsplatz ist am Samstag so voll, dass es schwer ist, die Abstandsregeln einzuhalten.

(Foto: Florian Peljak)

Nach acht Minuten und 46 Sekunden erheben sich die Demonstranten, und aus dem stillen Protest wird ein lauter. "Black lives matter!", skandieren sie. Oder "No justice, no peace!" Auf den Schildern, die sie in die Höhe recken, liest man: "Rassismus tötet" oder "Its not black vs. White - it's everyone vs. Racists".

"Dass man dafür überhaupt auf die Straße gehen muss, ist eigentlich schon traurig"

Auf der Bühne steht das Topmodel Papis Loveday, der als erster Schwarzer für Luxusmarken wie Gucci und Armani über den Laufsteg lief, und berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen mit Rassismus. "Ich habe in den USA, in Frankreich, Italien und Deutschland gelebt", ruft er. "Und überall habe ich Hass erlebt." Die Vorstellung einiger Menschen, nur wegen ihrer Hautfarbe mehr wert zu sein als andere, das sei größte Missverständnis der Menschheit. "Das muss aufhören!"

Demo gegen Rassismus: Black Live Matters. Auf dem Königsplatz.

Topmodel Papis Loveday am Samstag in München.

(Foto: Florian Peljak)

"Dass man dafür überhaupt auf die Straße gehen muss, ist eigentlich schon traurig", findet die Studentin Antonia Margart. Sie ist mit ein paar Freundinnen auf den Königsplatz gekommen. Der Tod von George Floyd durch das brutale Vorgehen der Polizei ist für sie ungeheuerlich. "Aber man hört davon ja immer wieder", sagt sie, "zumindest in den USA kommt es ja häufiger vor."

Auch Fabian Sofsky haben die Ereignisse der letzten Tage aufgewühlt. Der Tod Floyds habe ihn schockiert, sagt er. Doch auch die Geschehnisse danach haben ihn beschäftigt: erst die Erklärung der Polizei von Minneapolis, es habe sich um Notwehr gehandelt, dann die Aussagen von US-Präsident Trump. Ein rein amerikanisches Problem sei Rassismus jedoch nicht: "Das gibt es definitiv auch bei uns." Natürlich nicht so ausgeprägt wie in den USA, findet et, wo die Unterdrückung von Minderheiten eine lange Tradition habe.

Unmenschlich sei das Vorgehen der Polizisten gegen George Floyd gewesen, findet auch der Demonstrant Bamadou Kongira. Doch Rassismus sei schon lange ein Problem. Fast alle seiner schwarzen Freunde hätten bereits Erfahrungen mit Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe gemacht, auch er selbst sei deswegen schon beleidigt worden. "Lange konnte man dagegen aber nichts machen", sagt er. Dass nun so viele Menschen auf dem Königsplatz stehen und dagegen demonstrieren, macht ihm Mut. "Das ist Liebe", sagt er. "Und Liebe kennt keine Farben."

© SZ.de/tba
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