Siedlung Ludwigsfeld:Von Angesicht zu Angesicht

Landwirtschaft am Stadtrand von München, 2018

Der Umbruch naht: Bislang ist die Siedlung Ludwigsfeld noch in einem sehr ländlich geprägten Umfeld eingebettet. Das dürfte sich mit den Erweiterungsplänen ändern, welche die Stadt für das Quartier entwickelt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Lokalpolitiker fordern die Verwaltung auf, die Eckdaten zur Erweiterung der Siedlung Ludwigsfeld den Bürgern in Präsenzveranstaltungen vorzustellen

Von Jerzy Sobotta

Wenn es eine Sache gibt, die die Ludwigsfelder nicht mögen, dann sind es Entscheidungen, in die sie nicht eingebunden sind. Sie haben um das Schicksal ihres Viertels schon so manchen Kampf zusammen ausgetragen und wollen auch bei den künftigen Planungen über eine Nachverdichtung und Erweiterung ihrer Siedlung mitreden. Die privaten Eigentümer hatten den Ausbau der Siedlung vor zwei Jahren angekündigt, seither diskutieren die Anwohner über Nutzen und Nachteile des Projekts. Allerdings ohne die konkreten Dimensionen zu kennen. Denn von Stadtplanern und Investoren waren bislang nur wenige vage Zahlen aus der Verkehrsplanung bekannt, die aber keinen sicheren Anhaltspunkt für die Anzahl möglicher neuer Wohnungen bieten.

Das könnte sich bald ändern. Das städtische Planungsreferat hat einen Entwurf fertiggestellt, in dem die Eckdaten für die Siedlungserweiterung ausgearbeitet sind. Noch wird er zwischen den Referaten abgestimmt. Aber es dürfte nicht mehr lange dauern, dass der Entwurf der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Wegen Corona möglicherweise online, hat das Planungsreferat vorgeschlagen.

Dass die Stadt die Bürger über den Livestream durchaus professionell informieren kann, hat sie erst diesen Monat beim Lerchenauer Feld, einem Feldmochinger Bauprojekt einige Kilometer weiter östlich, unter Beweis gestellt. Die Moderation der Veranstaltung war professionell, Planer und Investoren haben verständlich ihre Entwürfe erklärt und viele Fragen der Zuschauer beantwortet. Diese konnten sich per Chat beteiligen, allerdings nur mit Nachrichten bis zu 320 Zeichen.

Der Erfolg der Veranstaltung, die auch im Chat viel Zuspruch bekommen hat, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Online-Formate weniger ein "Dialog mit den Bürgern" sind, als eine Infoveranstaltung, in der Entwürfe weitgehend einseitig kommuniziert werden. Letztlich haben die Veranstalter es in der Hand, welchem Thema wie viel Raum gegeben wird und welche Fragen letztendlich unbeantwortet bleiben.

Was bei einem schon weit in der Planung fortgeschrittenen Projekt sinnvoll ist, muss bei frühen Planungen wie in Ludwigsfeld nicht unbedingt ratsam sein. Insbesondere, wenn viele der Adressaten bereits betagter sind und schon technisch an der Teilnahme scheitern könnten. So sehen es die Lokalpolitiker und fordern Verwaltung und Investoren dazu auf, die Ludwigsfelder Bürger lieber im Freien auf der Wiese zu informieren, sobald die Pandemie es zulässt. Der Bürgerverein Interessensgemeinschaft Ludwigsfeld (Iglu) hatte zuvor gegen eine Online-Veranstaltung protestiert. Er wünscht sich zudem eine unabhängig moderierte Podiumsdiskussion, an der Vertreter aus der Bürgerschaft, Stadträte und sogar Bundestagskandidaten teilnehmen sollen.

Eine Präsenzdiskussion mit Teilnahme von Stadträten möchte auch der Bezirksausschuss (BA). "Die Leute sollen auch zu Gesicht bekommen, wen sie wählen", sagt Markus Auerbach (SPD). Der Kommunalpolitiker war in der vergangenen Amtsperiode Vorsitzender des BA, als der Stadtrat unter anderem die Bebauung des Eggartens auf den Weg gebracht hat. "Wir waren nur der Prellbock", sagt Auerbach über diese Zeit. Aufgebrachte Bürger konnten ihren Frust nur im BA Luft machen, der ohnehin gegen die Bebauung war und keine Entscheidungskraft in der Sache hatte. Die Stadträte waren vor Ort nur selten anzutreffen. Und seit der Kommunalwahl im vergangenen Jahr hat der Stadtbezirk keine Vertretung mehr in einer der großen Fraktionen im Stadtrat. Der einzige Stadtrat ist Dirk Höpner von der wachstumskritischen München-Liste.

Dass es keine offene Diskussion zwischen Bürgern und Entscheidungsträgern über die Zukunft des Stadtviertels gebe, hatte Auerbach schon damals wiederholt bemängelt. Zur Bürgerbeteiligung wählen Investoren und Stadtplaner immer häufiger Formate, in der ein offener Meinungsaustausch tendenziell gemieden wird: Experten informieren an so genannten Themeninseln über ihre Fachgebiete, Anregungen soll es geben, aber nur auf Pinnwänden oder wie jüngst in Chatlogs. Online-Formate könnten diese Tendenz weiter verstärken, befürchten die Lokalpolitiker.

In Ludwigsfeld haben Stadt und Investoren bislang durchaus ernsthaft die Bevölkerung eingebunden, etwa in Informationsspaziergängen durch den Stadtteil, bei denen auch der Stadtrat Paul Bickelbacher (Grüne) anzutreffen war. Eine Herausforderung wird sein, diesen Maßstab trotz Corona auch bei der kommenden Runde von Gesprächen nicht zu unterschreiten. Die Reaktionen aus der Siedlung zeigen, dass das Interesse am Austausch weiterhin sehr groß ist. Zumal in diesem kritischen Punkt der Planungen, bei dem es über Größe und Umfang des Bauvorhabens geht.

© SZ vom 27.04.2021/van
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