bedeckt München 30°

Hilfe in Notlagen:7000 Anrufer in den ersten sieben Wochen

So kann man in der Corona-Krise helfen

Wie genau funktioniert der Einkaufsservice? Viele ältere Menschen erkundigen sich beim Servicetelefon danach.

(Foto: dpa)

Das Sozialreferat hat genau zum richtigen Zeitpunkt ein Servicetelefon gestartet: Wegen der Corona-Krise suchen viele Münchner nach Hilfsangeboten - oder einfach nur nach einem offenen Ohr.

Eine zentrale, erste telefonische Anlaufstelle zu allen sozialen Notlagen sollte es werden, damit das Sozialreferat für die Bürger leichter erreichbar ist. Das war, wie sich inzwischen herausgestellt hat, ein hervorragender Plan von Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD). Dass das neue Servicetelefon dann einen rasanten Start hinlegen musste, war freilich noch nicht zu erahnen, als Ende vergangenen Jahres der Stadtrat das Konzept billigte. Denn damals kannte noch niemand das Coronavirus, geschweige denn seine Folgen. Am 24. März, nur drei Tage nachdem die Ausgangsbeschränkungen im Freistaat in Kraft getreten waren, startete schon das Servicetelefon des Sozialreferats - ein stark gefragtes Angebot in der Corona-Krise. Bis Mitte Mai suchten dort mehr als 7000 Anrufer Rat und Hilfe.

Karin Arnold-Bani hat das neue Angebot, das den Bürgern auch nach der Krise den Kontakt zu den Sozialbürgerhäusern, zum Jobcenter und zum Amt für Wohnen und Migration erleichtern soll, zusammen mit einem siebenköpfigen Team aufgebaut. Und vor allem ganz rasch in die Realität umgesetzt, als klar war, dass in Zeiten, in denen persönliche Kontakte stark eingeschränkt sind, ein Krisentelefon um so wichtiger ist. Besetzt mit Menschen, die ansprechbar sind für alle Sorgen und Nöte und herausfinden, um welches Anliegen es geht, dann aber auch in dringenden Fällen gleich dorthin verbinden können, wo es die benötigte Hilfe gibt.

Rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstärken zeitweise das Stammteam, alle haben sich für die Aufgabe freiwillig gemeldet. In der Anfangszeit war das Telefon sehr viel stärker gefragt als jetzt, die meisten Anrufe gehen am Montag ein. Oft waren es kurze Gespräche, in denen Menschen ihre schwierige Situation schilderten, in die sie durch die Einschränkungen zur Bekämpfung der Virusausbreitung geraten sind. Etwa wenn wegen Kurzarbeit das Einkommen nicht mehr reicht, um die teure Miete und den Lebensunterhalt zu decken. Oder wenn die Enkelin, die in einer anderen Stadt lebt, sich um ihre Oma sorgt. Rund 200 Mal war der Einkaufsservice für ältere Menschen gefragt, der über die Sozialbürgerhäuser vermittelt wird.

Was etwa ist zu tun, wenn jemand kein Geld hat, um sich Einwegmasken zu kaufen? Karin Arnold-Bani und ihre Kolleginnen wissen auch da Rat: Sie empfehlen, sich dann einen Schal vor Mund und Nase zu ziehen. Alles freilich können sie nicht auf Anhieb wissen: "Wir sind auch manchmal ratlos. Dann versuchen wir eine Lösung mit den passenden Informationen für die Anrufer zu finden und melden uns dann wieder bei ihnen." Niemand soll sich vorkommen, wie der Buchbinder Wanninger in Karl Valentins berühmtem Sketch, niemand immer weiter verwiesen werden, bis dann Büroschluss ist.

Denn die Idee hinter dem Servicetelefon war auch, eine Entlastung für die Infotheken der zwölf Sozialbürgerhäuser zu schaffen, durch eine Grundberatung, damit die Bürger mit ihren existenziellen Anliegen, seien es wirtschaftliche, familiäre oder erzieherische Probleme, Wohnungsverlust oder pflegerische Versorgung gleicht dort landen, wo sie die passgenaue Hilfe aus einem Angebot von rund 50 verschiedenen sozialen Dienstleistungen bekommen. Deshalb wird es das Servicetelefon auch nach der Corona-Krise weiter geben.

Nicht immer geht es nur um Informationen, um die richtige Stelle. "Einsame Menschen mit längerem Gesprächsbedarf muss man auffangen", das sei jetzt wieder gut möglich, nachdem der erste Ansturm nachgelassen hat. Auch um die "normale Angst" vor Corona, "die mit Informationen abgefangen werden kann", drehen sich Gespräche. Handelt es sich um ernste soziale oder psychische Probleme, verfügt das Telefonteam über Rufnummern zu Fachleuten, etwa zu Bezirkssozialarbeitern, um unmittelbar weiter verbinden zu können. Viele Fragen drehten sich um die Notbetreuung für Kinder, aber auch um Probleme zwischen Geschiedenen mit Kindern, etwa wegen Umgangsregelungen. Am Anfang erkundigten sich außerdem "sehr, sehr viele kleine Selbständige nach den Soforthilfen".

Die Corona-Krise habe viele Menschen hart getroffen, sagt Karin Arnold-Bani. Wie etwa eine ältere Frau, die in einer großen Wohnung lebt. Weil die kleine Rente nicht reicht, habe sie sich mit einem Nebenjob über Wasser gehalten - aber der fiel nun weg, weswegen sie Grundsicherung benötigt. Aber auch etliche Ausländer strandeten unfreiwillig in München, weil sie keinen Rückflug in die Heimat mehr bekamen. Dann geht es darum, was geregelt werden muss: Hat der Betroffene eine Wohnmöglichkeit, hat er noch Geld für Essen, ist das Visum abgelaufen? "Alle wichtigen Themen werden bearbeitet", sagt Karin Arnold-Bani. "Wir vermitteln den Ansprechpartner, der dann die umfassende Beratung übernimmt und weitere Hilfen vermittelt."

Sie selbst wechselte vor knapp fünf Jahren aus der freien Wirtschaft zur Stadt und war im Wohnungsamt tätig. Gefreut hat sich die 57-Jährige über die große Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen, das Servicetelefon, das ja eigentlich erst als Pilotprojekt starten sollte, zu unterstützen. Die Motivation, sich da zu engagieren, führt sie darauf zurück, dass allen sehr wichtig sei, für den eingeschränkten persönlichen Kontakt zu den Bürgern einen Ausgleich zu schaffen. Die Arbeit am Corona-Krisentelefon, sagt die Leiterin, habe ihr gezeigt, "wie gut es mir geht. Es ist schön, wenn ich einen kleinen Teil der Krise bei anderen Menschen abfangen kann."

Das Servicetelefon des Sozialreferats ist unter 089-233-96833 Montag bis Mittwoch von 8 bis 16 Uhr, am Donnerstag von 8 bis 17 Uhr und am Freitag von 8 bis 13 Uhr erreichbar.

© SZ vom 22.05.2020/huy
Mit Einzelkind durch die Corona-Zeit: Was Familien jetzt hilft

Corona-Krise in München
:Warum Kinder und Jugendliche besonders leiden

Gerade junge Menschen fühlen sich durch die Corona-Krise stark eingeschränkt. Dass sie andere Bedürfnisse haben als Erwachsene, wird oft übersehen.

Von Sven Loerzer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite