SZ-Adventskalender:"Viele alte Frauen sind ohnehin schon Weltmeisterinnen im Sparen"

Lesezeit: 4 min

Altersarmut, 2015

Würdig in der eigenen Wohnung zu leben, ist für viele Senioren mit geringer Rente oder Grundsicherung eine wahre Herausforderung.

(Foto: Catherina Hess)

Mehr als 18 000 Menschen in München sind auf Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung angewiesen. Ulrike Mascher vom Sozialverband VdK erklärt, warum Corona die Probleme noch verschärft.

Interview von Sven Loerzer

Die Corona-Pandemie hat viele Problemlagen verschärft, besonders auch bei Senioren und Menschen mit Behinderung. Mehr als 18 000 Menschen in München sind auf Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung angewiesen. Seit Langem warnt der Sozialverband VdK vor steigender Altersarmut und kämpft für Verbesserungen. Für Ulrike Mascher, 83, die seit 2006 an der Spitze des bayerischen Landesverbandes steht, gehört dazu auch eine Reform der Pflegeversicherung.

SZ: Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf das Leben von Senioren und Menschen mit Behinderungen aus?

Ulrike Mascher: Die Kontakte mit anderen Menschen sind dadurch erheblich eingeschränkt. Menschen, die pflegebedürftig sind und ja zu über 70 Prozent zu Hause von Angehörigen gepflegt werden, haben sich aus Angst und Sorge, dass sie sich anstecken, zurückgezogen. Aber auch die Angehörigen haben sich zurückgezogen, weil sie Angst haben, Pflegebedürftige anzustecken, sie sind völlig verschwunden aus der Öffentlichkeit, haben Kontakte mit Freunden und Bekannten eingestellt. Viele entlastende Angebote, wie Tagespflege oder Angehörigentreffen, sind ausgefallen. Ambulante Dienste haben ihre Tätigkeit erheblich reduziert. Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend.

Eine Studie des VdK hat ergeben, dass pflegende Angehörige besonders schwer betroffen waren.

Erschreckend war das Ausmaß an Sorge, Angst und der Befürchtung, sich bei einer Ansteckung die Pflege zu Hause nicht mehr leisten zu können. Das führte viele in die völlige Isolation, in totale Vereinsamung.

Unter dem Lockdown haben auch viele Menschen mit Behinderungen und Familien, die Kinder mit Behinderungen haben, sehr gelitten.

Wenn man sich entschließt, sich ganz zurückzuziehen, weil jeder Kontakt für die Gesundheit gefährlich sein kann, dann ist das etwas, was einen in einer sowieso schon eingeschränkten Lebenssituation auf ein totales Minimum zurückwirft.

Bei geringem Einkommen ...

... trifft das alles die Menschen noch viel härter. Menschen, die mit Grundsicherung gerade noch so über die Runden kommen, haben Strategien entwickelt, wie sie sich noch ein bisschen Spielraum verschaffen können. Viele alte Frauen sind ohnehin schon Weltmeisterinnen im Sparen. Es fängt damit an, dass sie das Licht ausdrehen, die Heizung herunterregeln. Sich mit jemandem zu treffen auf einen Kaffee, das ist - unabhängig von Corona - finanziell nicht machbar. Und eine Taxifahrt, um leichter irgendwo hinzukommen, ist erst recht nicht drin.

SZ-Adventskalender: "Die Grundsicherung im Alter müsste sich stärker am tatsächlichen Alltagsbedarf von alten Menschen orientieren", sagt Ulrike Mascher, Landesvorsitzende vom VdK Bayern.

"Die Grundsicherung im Alter müsste sich stärker am tatsächlichen Alltagsbedarf von alten Menschen orientieren", sagt Ulrike Mascher, Landesvorsitzende vom VdK Bayern.

(Foto: Monika Keiler)

Verschärft Armut die Auswirkungen der Pandemie?

Ganz sicher. Wer versucht hat, sich etwas Spielraum zu verschaffen, etwa indem er die Angebote der Tafel nutzt und so Ausgaben für Lebensmittel reduzieren kann, konnte zeitweise in München nur auf eine zentrale Ausgabestelle zurückgreifen. Wer am anderen Ende der Stadt wohnte, für den war es schwer, das Angebot noch zu nutzen. Es funktioniert auch nicht, einer alten Frau zu sagen, sie solle sich bemühen, ein gebrauchtes Fahrrad zu bekommen.

Warum bedeutet Alter und Behinderung oft auch, in Armut leben zu müssen?

Bei Menschen mit Behinderung hat das oft damit zu tun, dass sie häufig nur eine eingeschränkte Tätigkeit haben, etwa in einer Werkstätte oder in Form einer Teilzeitbeschäftigung. Von den Erwerbseinkünften lassen sich dann kaum Rücklagen bilden. Bei Frauen ist es häufig so, dass sie ihre Erwerbstätigkeit unterbrochen haben, nur teilzeitbeschäftigt waren oder Minijobs hatten, weil sie zu Hause für die Familie gearbeitet haben. Das rächt sich irgendwann.

Dann wird es im Alter knapp, vor allem in München.

Die hohen Wohnungskosten in München kommen noch hinzu. Selbst wenn man schon lange in einer Wohnung wohnt und einen alten Mietvertrag hat, sind die Kosten ja über die Jahre hinweg gestiegen, dazu kommen noch die immer höheren Strom- und Heizkosten. Die Wohnungskosten sind eine der größten Belastungen, sie schränken alle anderen Handlungsmöglichkeiten ein. Dann bleibt nicht mehr viel von einer liebenswerten Stadt übrig.

Was müsste geschehen, um Armut im Alter zu verhindern?

Die Grundsicherung im Alter müsste sich stärker am tatsächlichen Alltagsbedarf von alten Menschen orientieren. Ich halte es nicht für sinnvoll, alte Menschen und Menschen, die noch erwerbsfähig sind, in eine einheitliche Berechnung zu zwingen.

Also höhere Regelsätze für die Grundsicherung im Alter als für Langzeitarbeitslose?

Im Alter sind die Kosten für die Gesundheit und die Mobilität höher, Einschränkungen fallen schwerer. Man müsste da stärker differenzieren, statt für jedes Alter und alle Lebenssituationen das Gleiche zu berechnen. Wenn man jünger ist, hat man mehr Möglichkeiten, durch Eigeninitiative seine Situation zu verbessern, etwa durch Hinzuverdienst. Eine 80-jährige Frau hat diese Möglichkeit nicht. Wir werden weiter für eine Erhöhung der Grundsicherung kämpfen. Es kann nicht sein, dass in einem so reichen Land, in einer so reichen Stadt Menschen nicht einigermaßen ordentlich leben können.

Erwarten Sie sich von der neuen Bundesregierung mehr Unterstützung?

Ich erhoffe mir das schon, wenn ich mir Äußerungen von SPD und Grünen anhöre. Und ich erwarte auch, dass die FDP begreift, dass man nicht gut in einem Land leben kann, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich sich so dramatisch auf die Lebenssituationen von alten Menschen, Menschen mit Behinderungen sowie Kindern und Jugendlichen auswirken.

Wer auf Pflege angewiesen ist, muss trotz Pflegeversicherung damit rechnen, dass die Heimunterbringung Erspartes schnell aufzehrt.

Wir müssen bei der Pflegeversicherung zu einer ganz grundsätzlichen Neuregelung kommen. Die Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten ab, inzwischen sind monatliche Zuzahlungen von 2000 Euro und mehr zu leisten. Wir müssen zu einer Vollkostenversicherung kommen. Gerade bei Demenz ist die Versorgung zu Hause oft nicht mehr zu schaffen. Die Entscheidung, in ein Heim umzuziehen, muss unabhängig von den Kosten getroffen werden können.

Was kann die Stadt tun?

Man muss das Angebot an Treffpunkten und die Möglichkeiten, etwas gemeinsam zu machen, wie etwa in den Alten- und Servicezentren, noch sehr viel mehr ausbauen und besser nutzen, um Isolation und Vereinsamung zu verhindern. Und dann ist die große Frage: Wo kommen die bezahlbaren Wohnungen her?

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