Wie ein Häuflein Mensch kauert Brigitte W. in ihrem Rollstuhl. Mit ihren 90 Jahren dürfte sie eine der ältesten Frauen sein, die jemals vor der 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht München I angeklagt waren, und das zudem noch wegen Mordes. Die hochbetagte Seniorin sitzt aktuell in der Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim in Untersuchungshaft. Gemäß der demografischen Entwicklung steigt tatsächlich auch hinter Gittern die Zahl der alten Leute. Aber ist man, salopp gesagt, auf alte Knacker im Knast überhaupt eingestellt?
Wie man mit älteren Leuten in Haft umgeht, das Thema ist laut Merten Neumann auch stärker in den Fokus der Vollzugsforschung gerückt. Der Diplom-Psychologe vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen verweist auf einen „deutlichen Anstieg“ von Senioren im Strafvollzug: 1994 machte die Gruppe der über 70-Jährigen noch 0,1 Prozent der Inhaftierten aus, 2024 waren es schon 1,3 Prozent. „Der Anteil ist zwar immer noch gering, aber steigend“, erklärt Neumann. Der Vollzug stehe da vor einer besonderen Herausforderung. Es gebe verschiedene Ansätze, mit älteren Personen in Haft umzugehen, „aber das steckt alles noch in den Kinderschuhen“.
Seniorengymnastik, höhenverstellbare Betten, rollstuhlgerechte Hafträume: Das Leben hinter Gittern soll zwar kein Ponyhof sein, aber doch den Bedürfnissen von alten Menschen entsprechen. Man biete in Bayern „geeignete Einzellösungen“ an, erklärt Marina Schreier, Pressesprecherin im Justizministerium. In der JVA Würzburg etwa gebe es eine eigenständige kleine Abteilung mit elf Haftplätzen für über 60-Jährige, die körperlich eingeschränkt oder pflegebedürftig seien.
In Bayern zähle man 58 behindertengerechte Haftplätze, verteilt auf 14 Einrichtungen. Und der JVA-Neubau in Marktredwitz beinhalte eine eigene geriatrische Abteilung, die neben altersgerechten baulichen Besonderheiten eine entsprechende Betreuung mit Gruppen- oder Sportaktivitäten anbiete. Im Jahr 2024 saßen in Bayern 535 Männer und Frauen im Alter von 60 bis 90 in Gefängnissen ein. 2007 waren es mit 362 erheblich weniger.
Der Kriminalitätsschwerpunkt liege generell immer noch in der Altersgruppe zwischen etwa 17 und 35 Jahren, sagt der Leiter der JVA Stadelheim, Clemens Schmid, „auch wenn die Gesellschaft altert“. Wobei man nach seiner Erfahrung das Alter nicht mit dem Grad der Fitness gleichsetzen könne: „Manch 70-Jähriger will noch arbeiten in der JVA, während Jüngere, die auf der Straße leben und vielleicht auch noch drogenabhängig waren, dies gar nicht schaffen würden.“ Der Umgang mit alten Menschen in Haft sei wenig standardisiert, man bemühe sich um Einzellösungen, etwa die Aufnahme in der Krankenstation in Stadelheim. Dort gibt es zwei Plätze, wo Insassen bis Pflegegrad 3 betreut werden könnten.
Die Gesundheitsversorgung, so sagt Forscher Neumann, sei im Strafvollzug eine große Herausforderung. Alterstypische Probleme wie Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten, Arthritis, Atemwegserkrankungen oder Demenz benötigten „intensive Versorgung und Diagnostik“. Allein bei Letzterem werde es aber in Haft problematisch: Die Justizvollzugsbeamtinnen und -beamten seien für die Sicherung und Resozialisierungsförderung verantwortlich, „aber das ist kein Pflegepersonal, das entsprechende Aufgaben übernehmen kann“.
Zudem müsse man auch bei den Älteren differenzieren: Zum einen gebe es die Gruppe der Menschen, die in Haft gealtert seien, also oft Personen, die eine lebenslange Haftstrafe verbüßen oder in Sicherungsverwahrung genommen wurden. Dann gibt es Menschen, für die der Vollzug so eine Art On- und Off-Heimat ist, die also immer wieder straffällig werden. Und dann noch die Gruppe derer, die im Alter erstmals weggesperrt werden. Für die sei die Situation psychisch besonders belastend. Aber um überhaupt ein psychisches Leiden zu diagnostizieren und zu behandeln, bedürfe es wieder entsprechenden Personals und zusätzlicher Ressourcen.
Gefangene können auf eine Palliativstation draußen verlegt werden
Oft setzt man bei der Versorgung von älteren Menschen im Vollzug auf kleine spezialisierte Abteilungen oder auf Unterbringung in den Krankenstationen der Justizvollzugsanstalten. Aktuell, so sagt Marten Neumann vom kriminologischen Institut, werde immer wieder debattiert, wie man die Herausforderungen bewältigen könnte: mit reinen Seniorenknasts oder speziellen Abteilungen innerhalb des Gefängnisses.
„Alte, gebrechliche Menschen laufen Gefahr, im Vollzug von anderen Insassen viktimisiert zu werden“, weiß Neumann, sprich: Sie sind für andere leichte Opfer. Spezielle Einrichtungen für Senioren hingegen wären dann zentralisiert an wenigen Standorten in Deutschland – und würden somit Besuche von Angehörigen erschweren. Und, wie Clemens Schmid schon erwähnte, sei Senior nicht gleich Senior: „Der eine ist pflegebedürftig, der andere will noch aktiv sein.“
Was aber vielen alten Menschen in Haft zusetzen dürfte, ist die Aussicht, hinter Gittern zu sterben, ohne Perspektive. Wenn sich das Lebensende abzeichne, könne der Gefangene auf eine Palliativstation draußen oder in den Familienkreis verlegt werden. Da könne die Haft ausgesetzt werden. Es gebe aber auch Ältere, die einen Großteil ihres Lebens in Haft verbracht hätten und das Gefängnis als ihre Heimat ansehen. „Die wollen dann manchmal im Gefängnis sterben“, erzählt Merten Neumann, „und weigern sich, rauszukommen.“ Auch hier würde man aber die medizinischen Mittel für eine palliative Begleitung sowie Fachpersonal benötigen. Im Übrigen sei die Suizidrate bei älteren Inhaftierten höher als bei jüngeren, sagt Psychologe Neumann.
Zurück zu Brigitte W., die während der Gerichtsverhandlung zusammengesunken in ihrem Rollstuhl sitzt. Barrierefreie Hafträume gebe es im Frauengefängnis in Stadelheim nicht, sagt Leiter Clemens Schmid im Allgemeinen. Besonders alte und schwache Seniorinnen werden deshalb in Stadelheim gar nicht aufgenommen, sondern in Vollzugsanstalten mit speziellen Abteilungen verlegt. „Aber viele ältere Insassinnen sind ja auch noch rüstig.“

