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Altersarmut:So will die Stadt älteren Menschen gezielter helfen

Mittagstisch im Alten- und Servicezentrum Sendling, Daiserstraße 37. Lela Aptsiauri (roter Rock) macht hier für ein Jahr Bundesfreiwilligendienst, Hanna Holzbauer (weiße Bluse) macht ein Praktikum hier. Foto:Alessandra Schellnegger

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ältere Menschen haben oft Hemmungen, um Unterstützung zu bitten - und bleiben mit ihren Problemen allein. Nun testet die Stadt ein neues Angebot.

Wenn Notdienste alte Menschen verwahrlost oder mitunter erst Wochen nach ihrem einsamen Tod in ihrer Wohnung auffinden, fragen sich viele, wie es soweit kommen konnte. Um Senioren zu erreichen, die von sich aus keine Hilfe suchen und auch niemanden haben, der sich um sie kümmert, testet die Stadt jetzt ein neues Angebot: Sozialpädagogen gehen an Orte, wo sich ältere Menschen aufhalten. Sie sprechen in Parks oder auf öffentlichen Plätzen Senioren gezielt an, um ihnen Hilfe und Beratung anzubieten.

Mitte Mai hat die Sozialpädagogin Anna Kunkel mit ihren Rundgängen vom Sendlinger Alten- und Servicezentrum (ASZ) aus begonnen. In vier Altenzentren hat die Stadt jeweils eine halbe Fachkraftstelle für diese neue Aufgabe vorgesehen, insgesamt 131 600 Euro jährlich kostet das Projekt mit dem programmatischen Kurztitel "Save" (Seniorinnen und Senioren aufsuchen im Viertel durch Experten).

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Kunkel ist jeweils dienstagnachmittags und freitagvormittags unterwegs, um sich am Harras und einigen anderen Plätzen im Viertel als Ansprechperson für ältere Menschen vorzustellen. Sie verlässt sich dabei auf ihr "Bauchgefühl", achtet auf den körperlichen Zustand und die Kleidung. "Es sollen aber nicht nur die Auffälligen erreicht werden, sondern gerade auch die Unauffälligen", beschreibt Renate Seibt, Leiterin der offenen Altenhilfe bei der Arbeiterwohlfahrt, die Aufgabe.

Kunkel will diesen Menschen, die oft Hemmungen hätten, ihren Unterstützungsbedarf zu formulieren, helfen, "Schwellenängste" zu überwinden. Oft seien die alten Leute überrascht, wenn sie ihnen erklärt, "dass ich für ihre Sorgen und Nöte da bin", dass Kunkel passende Einrichtungen vermitteln und die Senioren auch dorthin begleiten kann. Sie versuche, "Türöffner für das allgemeine Hilfesystem" zu sein. Kunkel hat bisher insgesamt 75 Frauen und Männer angesprochen, mit rund 25 von ihnen hat sie immer wieder Kontakt.

Ein großes Thema sei dabei Armut im Alter, wobei die Angesprochenen zunächst eher ausweichend antworten: "Ich habe davon gehört", sagen sie beispielsweise. Oder sie lassen offen, um wen es geht: "Da hat man sein Leben lang gearbeitet und muss jetzt knapsen." Über den regelmäßigen Kontakt aber baut sich das Vertrauen auf, alte Menschen berichten über die große Einsamkeit in ihrer Wohnung, aus der sie sich auf eine Parkbank flüchten. Die Geschichten, die Kunkel dort erfährt, sind oft geprägt von Trauer, körperlichen und psychischen Beschwerden. Manche Menschen konsumieren Alkohol als eine "Art Lebensbewältigung, um über den Tag zu kommen".

"Es gibt Leute, die sich nie melden, aus Scham und Unwissen"

Viele tun sich damit schwer, Hilfen anzunehmen, manche haben Angst davor, dass damit Kosten verbunden sind. Dennoch konnte Anna Kunkel in 15 Fällen Menschen beraten, wie sie zum Beispiel finanzielle Hilfe, hauswirtschaftliche und pflegerische Versorgung oder Sozialhilfe erhalten können. Manchmal stehen Menschen vor Schwierigkeiten, die vielen kaum vorstellbar erscheinen. Ein älterer Mann, den Kunkel immer wieder im Park trifft, spricht wenig Deutsch und hört auch sehr schlecht. Ihm riet die Sozialpädagogin dazu, sich ein Hörgerät verschreiben zu lassen: "Das kannte er nicht."

Obwohl das Konzept der inzwischen 32 Münchner Alten- und Servicezentren in diesem Jahr 40 Jahre alt wird, kennen nicht alle Menschen "unsere niederschwelligen Angebote", sagt der Leiter des Sendlinger Zentrums der Arbeiterwohlfahrt, Kai Weber. Mit präventiven Hausbesuchen seien nur diejenigen zu erreichen, die sich melden. "Es gibt Leute, die sich nie melden, aus Scham und Unwissen."

An sie richtet sich das Save-Projekt, aber auch der kostenlose Mittagstisch für Senioren. Dank eines Zuschusses der Stadt und des "Adventskalenders für gute Werke der Süddeutschen Zeitung" können seit Jahresbeginn Frauen und Männer, die nur wenig mehr zur Verfügung haben als Grundsicherung im Alter, kostenlos im Alten- und Servicezentrum essen. Alleinstehende, deren Einkommen unter 1350 Euro monatlich liegt und deren Vermögen weniger als 20 000 Euro beträgt, bekommen an drei Tagen in der Woche eine kostenlose Mahlzeit. Im Tagesschnitt profitieren davon zwölf Senioren mit geringem Einkommen und 15 Bezieher von Grundsicherung, weitere 13 Personen zahlen den regulären Preis von 5,30 Euro pro Mahlzeit.

"Wenn einer nicht kommt, dann schauen wir nach, was los ist"

Irmgard Wohlefeld, 85, geht regelmäßig zum Essen ins ASZ. "Ich habe Grundsicherung, da macht das finanziell doch was aus." Aber eigentlich sei sie wegen der Gesellschaft dort, "da bin ich ganz ehrlich". Weber sagt, "die Leute kommen mit einem großen Kommunikationsbedarf. Es entstehen soziale Kontakte. Wenn einer nicht kommt, dann schauen wir nach, was los ist." Der Mittagstisch sei ein guter Türöffner für viele Hilfen - zum Beispiel um gemeinsam den Antrag auf Grundsicherung im Alter zu stellen.

Das Save-Projekt wiederum trägt dazu bei, auch Senioren, die noch keine Hilfe brauchen, zu zeigen, wo sie später einmal Unterstützung finden. Nach einem Besuch im ASZ waren Bürgermeisterin Christine Strobl und SPD-Stadträtin Anne Hübner überzeugt, dass der von der Stadt mit großem politischen Konsens eingeschlagene Weg richtig ist. "Wir wollen die Menschen finden, die hilflos und in schlechter Lebensqualität altern", erklärte Hübner. Würden dadurch zusätzliche Hilfebedarfe aufgedeckt, "dann müssen wir das Personal stellen, um den Bedarf zu befriedigen". Strobl ergänzte, "dazu werden wir auch ehrenamtliche Kräfte brauchen".

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