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Altersarmut:Warum beantragen so wenige Seniorinnen Hilfe?

Ursula P. in den Räumen der Seniorenhilfe Lichtblick: Die 81-Jährige hat lange gearbeitet, aber eine Rente, die unterhalb der Armutsgrenze liegt.

(Foto: Gino Dambrowski)

In München gelten 30 Prozent der alten Menschen als armutsgefährdet. Doch vor allem Frauen tun sich schwer damit, Sozialleistungen zu beantragen. Eine Studie soll nun die Gründe dafür klären.

Von Sven Loerzer

Gearbeitet hat Ursula P. nicht gerade wenig in ihrem Leben, von frühester Jugend an. Für nichts war sie sich zu schade, und auch nach der Geburt ihres Sohnes blieb sie nicht lange zu Hause. Seit der letzten Rentenerhöhung hat sie nun knapp 1200 Euro monatlich. Sie hat damit keinen Anspruch auf Grundsicherung im Alter, aber das macht ihre Lage auch nicht wirklich besser. Die 81-Jährige führt mit ihren knapp 1200 Euro Rente ein Leben unterhalb der Armutsgrenze, die der letzte Münchner Armutsbericht bei 1350 Euro festsetzte. Nach Abzug von Miete und Nebenkosten für eine Sozialwohnung bleiben Ursula P. rund 500 Euro zum Leben. Da ist nichts übrig für ein fideles Rentnerdasein, wie es die Werbung für Senioren zeigt.

In München leben aber nicht nur einzelne ältere Menschen unterhalb der Armutsgrenze: "Fast 30 Prozent der Münchnerinnen und Münchner über 65 Jahre gelten als armutsgefährdet", sagt SPD/Volt-Fraktionschefin Anne Hübner, eine der Mitverfasserinnen des vorletzten Armutsberichts. "Nur ein Fünftel dieser Menschen erhält Sozialleistungen zur Unterstützung." Um die Ursachen zu ermitteln und Abhilfe zu schaffen, setzt sich die SPD/Volt-Fraktion in einem Antrag dafür ein, in einem Münchner Stadtviertel mit hoher Altersarmut eine Feldstudie durchzuführen. Mit einer Befragung jedes älteren Haushalts in einem ausgewählten Gebiet soll ermittelt werden, wie viele Seniorinnen und Senioren in unentdeckter Armut leben.

Auch Ursula P. gehörte dazu, erst vor zehn Jahren ging sie zum Sozialamt. Geboren wurde sie 1939 in Penzig, das damals zum Kreis Görlitz gehörte. Als Flüchtlinge kamen sie und ihre Mutter 1945 nach Niederbayern. Die Mutter verrichtete Männerarbeit in einer Ziegelei, "ich war von Kind auf gewohnt, allein zu sein". Mit 15 Jahren fing Ursula P. in einer Münchner Gaststätte mit angeschlossener Metzgerei als Küchenmädchen an, arbeitete dann schon bald als Schankkellnerin. In den Sechzigerjahren war sie in einer Firma tätig, die Leuchtstoffröhren produzierte. 1967 heiratete sie, bekam einen Sohn. Nach einem Arbeitsunfall ihres Mannes "ist es uns schlecht gegangen". Die Ehe scheiterte, 1975 ließ sie sich scheiden: "Ich kriege nichts von ihm. Er ist ja krank, da nimmt man nichts."

Auch als alleinerziehende Mutter arbeitete sie weiter, "ich habe zwar keinen Beruf gelernt, aber immer gearbeitet". Bei einem Telefonbauunternehmen war sie die erste Frau, die für Prüffeldaufgaben eingestellt wurde. Danach wechselte sie zu einem Veranstaltungsdienst, war als Garderobenfrau bei Messen tätig. Weil die Rente nicht reichte für den Lebensunterhalt, hat sie ihr Konto überzogen. Auch der Gang zum Sozialamt konnte daran nichts ändern - die Grundsicherung gibt es erst von Antragstellung an, sie kommt nicht für Schulden auf. Rund 2000 Euro Schulden seien das gewesen, "die ich zehn Jahre mitgezogen habe. Von dem bisserl Rente konnte ich nichts zurückzahlen. Nervlich packt man das nicht." Erst durch die Hilfe der städtischen Schuldnerberatung "ist es wieder gegangen, jetzt sind die Schulden weg".

Die Schuldnerberatung gab ihr außerdem einen wertvollen Tipp: "Sie hat mich zur Lichtblick Seniorenhilfe geschickt." Vor allem die Veranstaltungen, die der Verein bis zum Beginn der Corona-Pandemie regelmäßig für Rentner organisierte, haben es ihr angetan: "Was ich schon alles Schöne erleben durfte, das habe ich schon Jahrzehnte nicht mehr gehabt. Ich kann ja nirgendwo hingehen, weil ich mir nichts leisten kann." Sie schwärmt von der Weihnachtsfeier bei Lichtblick: "Ich habe vor Freude geweint, so viel Gutes ist mir noch nie passiert. Richtig geheult, so ergriffen war ich."

Ursula P. bekam auch finanzielle Unterstützung von Lichtblick, damit sie sich nach einer Krebsoperation spezielle Unterwäsche leisten und für den Reha-Aufenthalt nach einer weiteren Operation die nötige Kleidung besorgen konnte. Sonst brauche sie doch nichts, "solange mir meine alten Sachen passen", sei das doch in Ordnung. "Es gibt Ärmere als mich", meint sie. "So lange, wie es geht, mache ich alle Sachen zuhause selber. Nur auf die Leiter kann ich nicht mehr, um die Vorhänge zum Waschen abzunehmen." Lichtblick überweist ihr regelmäßig 35 Euro monatlich. Diese Senioren-Patenschaften, die aus Spenden finanziert werden, sollen Rentnern ermöglichen, sich wenigstens mal kleine Wünsche zu erfüllen, erklärt die Vorsitzende Lydia Staltner, die den Verein 2003 gegründet hat.

Allein im letzten Jahr hat der Verein mehr als 1,1 Millionen Euro für Patenschaftshilfe ausgegeben. Auf fast zwei Millionen Euro summierten sich die Soforthilfen, die Rentnerinnen und Rentner schnell und unbürokratisch erhielten. Wobei durchaus genau geprüft wird, ob Bedürftigkeit vorliegt. Zuwendungen gibt es für Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Haushaltsgeräte, wie Waschmaschinen, Kühlschränke oder Herde, und Möbel, Zuzahlungen für Medikamente, Brillen und vieles mehr, wie etwa auch eine Tierarztrechnung oder die Fußpflege.

Jeden Tag kommen bis zu zehn neue Anträge, allein in den letzten drei Jahren hat Lichtblick rund 16 000 Bedürftige im Seniorenalter registriert. Seit März hat der Verein rund 13 000 Lebensmittelkisten an alte Menschen mit geringer Rente verteilt und mehr als 1000 Masken verschickt. Gegründet hat Lydia Staltner den Verein, weil ihr alte Leute aufgefallen waren, die keine "gescheiten Schuhe und nichts zum Anziehen hatten". In den Räumen des Vereins an der Schweigerstraße 15 in der Au haben die Mitarbeiterinnen immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte. Nach ihren Erfahrungen seien "Frauen gschamiger als Männer", wenn es darum geht, Grundsicherung beim Sozialamt zu beantragen, sagt Lydia Staltner. Oft hört sie Antworten wie, "es geht schon noch" oder "dann gibt es halt eine Woche nur Kartoffeln". Gerade die vielen Diabetiker unter den alten Leuten könnten aber ohne finanzielle Unterstützung eine gesunde Ernährung kaum aufrecht erhalten.

Um Einsamkeit und Unterversorgung abzubauen, hat die Stadt das Angebot für eine günstige oder kostenfreie warme Mahlzeit in den Alten- und Servicezentren erheblich ausgeweitet. Anne Hübner, die sich für den Ausbau der Hilfen im Alter schon seit Jahren engagiert, ist das nicht genug. "Es gibt Hinweise, dass bis zu zwei Drittel der Seniorinnen und Senioren mit Anspruch auf Grundsicherung diesen aus Unkenntnis oder Scham nicht wahrnehmen", sagt die SPD/Volt-Fraktionschefin. Eine Feldstudie soll deshalb Aufschluss geben, wie hoch der Anteil unentdeckter Armut tatsächlich ist. Und der Frage nachgehen, warum Frauen trotz im Schnitt deutlich niedrigerer Renten seltener Grundsicherung bekommen als Männer. Die Erkenntnisse daraus sollen genutzt werden, "um Zugangshürden zur Grundsicherung im Alter abzubauen".

Anne Hübner und ihr Fraktionskollege Christian Köning, wollen - vom unkomplizierten Zugang zur Seniorenhilfe Lichtblick bei einem Besuch beeindruckt - dabei auch die städtischen Sozialbürgerhäuser in den Blick nehmen. "Wir müssen sie deutlich offener gestalten", sagen die beiden Rathauspolitiker. Denn bislang sind viele Schwellenängste zu überwinden, vom Sicherheitspersonal über die Infothek, die Orientierungsberatung bis hin zur Terminvereinbarung.

Bei Lichtblick, sagt Lydia Staltner, können alte Menschen einfach vorbeikommen, auch ohne Termin, bekommen einen Kaffee angeboten - und, wenn nötig, die neue Waschmaschine noch in der gleichen Woche geliefert.

© SZ vom 21.09.2020/vewo
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