Myra:Große Küchenkultur aus Kleinasien

Lesezeit: 3 min

An Vorspeisen satt essen? Warum eigentlich nicht, fragt man sich bei diesem Teller. (Foto: Catherina Hess)

Im türkischen Restaurant Myra in Sendling sind nicht nur die Vorspeisen ein Gedicht. Auch die übrige Karte kann mit äußerst Empfehlenswertem aufwarten.

Von Iwan Lende

Zur Türkei hat Iwan Lende aus ganz persönlichen Gründen ein höchst disparates Verhältnis. Da ist zum einen die Wut darüber, dass man schon vor Jahrzehnten seinen Lieblingsankerplatz im Golf von Gülük (nördlich von Bodrum) aufs Hässlichste mit Ferienwaben zugebaut hat, was eine romantische Nächtigung mit Lagerfeuer dortselbst völlig unmöglich macht.

Und da ist zum anderen diese wunderbare, unauslöschliche Erinnerung an einen Abend in Istanbul vor gut zwei Dutzend Jahren, als Lende von einem Taxifahrer in ein Restaurant irgendwo in der Stadt gebracht und nach drei Stunden, zehn Vor-, drei Haupt- und zwei Nachspeisen wieder abgeholt wurde. Nie wieder hat Lende köstlicher gespeist.

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Wenn Lende also mit Freundesanhang in das Restaurant Myra an der Thalkirchner Straße zur Überprüfung seiner so positiven Vorurteile bezüglich der türkischen Küche marschiert, hängt die Messlatte hoch. Und es wird im Verlaufe auch dieses Abends eine Frage unbeantwortet bleiben: Warum, beim heiligen Bischof aus Myra, gibt es in München gefühlt tausend Griechen-Lokale und kaum eine Hand voll türkische? Denn was von Antalya bis zum Bosporus auf der einen und von Korfu bis Kastellorizon auf der anderen gilt, beweist sich auch in München: Viele griechische und türkische Gerichte ähneln sich im Prinzip.

Hier wird gerade ein Lammfiletspieß serviert. (Foto: Catherina Hess)

Aber was Liebe und Raffinement angeht, liegt die kleinasiatische Küche kulinarisch meist weit vorne. Vielleicht liegt's daran, dass schon der Koran, der ja die Lebenskultur der Türkei maßgeblich beeinflusst, dem kontrollierten Genuss Zeilen wie diese gewidmet hat. "Esst und trinkt! Aber schweift nicht aus. Denn er liebt die Ausschweifenden nicht." (Sure 7:31).

Jedenfalls herrschte nach der ersten Runde mit diversen kalten und warmen Vorspeisen (20,90 Euro) eitel Fröhlichkeit am Tisch und Bewunderung, was man mit ein bisschen Blätterteig, Joghurt, Spinat und Kräutern so alles zaubern kann. Ein Sonderlob gab es für Zeytinyagli Enginar, was gefülltes Artischockenherz bedeutet (6,50) und wieder einmal zu der Erkenntnis verhalf, dass man in Restaurants wie dem Myra sich eigentlich an Vorspeisen satt essen könnte (und vielleicht sollte). Dass übrigens diese Appetizer nahezu allesamt als zumindest vegetarisch, meist aber auch als vegan ausgewiesen werden, liegt nicht daran, dass man hier einem Trend nachlaufen wollte, sondern dass der Trend hier auf eine alte, stolze Küchenkultur trifft. Das nur für die Freunde des Schubladendenkens.

Es folgt nun eine dramaturgische Fehlleistung der Myra-Küche. Und zwar dergestalt, dass schon jetzt, als Zwischengang, ein Gericht auf den Tisch kam, welches alles, was noch folgt an durchaus Köstlichem, in den Schatten stellen wird: Es heißt Hatay Cigeri (12,90), wobei man bei der Recherche erfährt, dass die Küche von Hatay, im Süden der Türkei bei Antakya beheimatet, sogar von der Unesco ausgezeichnet wurde. Das können Lende und die seinen nur bestätigen: Es handelt sich dabei um (perfekt) gebratene Kalbsleberwürfelchen auf lauwarmen Humus mit Butterjus. Nicht mehr, nicht weniger. Aber ein einzigartiges Gaumenerlebnis.

Bis auf wenige ornamentale Accessoires ist der Innenraum des Myra dämmrig schmucklos. (Foto: Catherina Hess)

Da hat es zum Beispiel Ali Nazik schwer mitzuhalten, schon weil die in Butter gebratenen Kalbfleischstreifen mit Spitzpaprika auf wunderbar sanftem Auberginen-Joghurt nicht ganz so zart sind (19,90). Oder die hübsch im Kreis drapierten Sardellen Hamsi Tavar: alles perfekt, aber halt nur frittierter Fisch (16,50). Dem Höhepunkt am nächsten kamen die Kalamari Izgara, was gegrillt bedeutet und auch den absolut frischen Kopffüßlern zu verdanken war (18,50). Beim Kuzur Tandir, dem Lamm aus dem Ofen, ging die Küche der Gefahr, es könnte etwas zu trocken geraten sein, dadurch aus dem Weg, als sie das Fleisch, fein zerrissen, auf Joghurt platzierte, guter Trick (19,90)!

Überhaupt der Joghurt. Er ist, obwohl nur Garnierung oder Beilage, irgendwie Zentrum der türkischen Küche. Er dämpft etwaige Schärfen der Gewürze, intensiviert aber auch den Geschmack der sanftesten Kräuter. Man weiß hier im Myra um dessen Kraft, unterliegt aber nie dem Versuch, sie übertrieben einzusetzen. Überwürzt wird hier nicht, ja, manchmal wünschte man sich sogar etwas mehr Mut, auch zu Knoblauch, zum Beispiel bei der geschmorten Lammhaxe Incik Kebab, die zwar saftig war und zart, aber durchaus mehr Wumms vertragen hätte können (18,90). Und warum die Küche bei der ein paar Sekunden zu lang gebratenen albanischen Kalbsleber zum herrlich fluffigen Reis keine Sauce mitlieferte, blieb ein Rätsel.

Das Myra hätte, für den Fall, dass die Sonne scheint, einen großzügigen, mit einer Markise überdachten Außenbereich zur allerdings heftig befahrenen Thalkirchner Straße, der trotzdem gerne genutzt wird, oft auch nur für eine Halbe Bier aus Hohenthann (sehr gepflegt, 4,20) oder ein Glas Doluka (0,2 Liter für 7,20), den recht angenehmen Gebrauchswein aus der Türkei.

Der Innenraum ist, bis auf ein paar ornamentale Accessoires und eine gewaltige, aber selten genutzte Bar, dämmerig schmucklos. Der Service arbeitet bar jeglicher Hektik und mit dezenter Freundlichkeit und ist auch nicht (pseudo-) böse, wenn man, weil zu satt, auf den Nachtisch verzichtet. Man will ja, siehe Koran, nicht zu den Ausschweifenden gehöre. Manchmal gibt's dann noch einen Raki, manchmal auch nicht.

Myra, Thalkirchner Straße 145, 81371 München, Telefon: 089/26018484, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 17 bis 1 Uhr, Samstag 12 bis 1 Uhr, Sonntag und Feiertag 9 bis 1 Uhr.

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