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Sendling:Ein Baum für den Frieden

Friedenseiche an der Isar, 2021

Ein geschichtsträchtiger Baum - doch viele gehen ahnungs- oder achtlos an der Friedenseiche in den Flaucheranlagen vorbei.

(Foto: Robert Haas)

Eine 150 Jahre alte Eiche am Flaucher erinnert ans Ende des Deutsch-Französischen Krieges. Die meisten Spaziergänger gehen an der unscheinbaren Gedenkstätte jedoch ahnungslos vorbei.

Von Jürgen Wolfram

12 000 Schulkinder in den Sendlinger Flaucheranlagen, das muss man sich einmal vorstellen. Angetreten sind die festlich gekleideten Buben und Mädchen nicht etwa zu Partyzwecken, was heutzutage vermutlich der Fall wäre, sondern zu einem symbolischen Akt: Die Münchner Jugend pflanzt am 15. Mai 1871 an der Isar einen Baum, eine "Friedenseiche". Der Deutsch-Französische Krieg, erst wenige Tage zuvor per Vertragsunterzeichnung in Frankfurt am Main beendet, ist noch frisch in Erinnerung, die Friedenssehnsucht groß. Die Süddeutsche Post wird am nächsten Tag unter "Bayerische Angelegenheiten" über das Ereignis in den Isarauen berichten, an dem auch Mitglieder des Magistrats sowie "zahlreiche Ehrengäste" teilnahmen.

Allzu lang währte der Frieden zwischen Frankreich und dem gerade gegründeten Deutschen Reich bekanntlich nicht, nachdem der Konflikt um die spanische Thronfolge (Stichwort "Emser Depesche") beigelegt worden war. Aber der Setzling, den die Schülerinnen und Schüler vor 150 Jahren in der Erde versenkt haben, der hat sich prächtig entwickelt. Gesäumt von ein paar Felsbrocken unterschiedlicher Größe, ragt er fein verästelt in den Himmel. Auf einem der Gesteinsbrocken daneben, dem mächtigsten, verwittert allmählich die Inschrift: "Reichsfriedenseiche - gepflanzt von der Jugend der Stadt München".

Die allermeisten Spaziergänger, die nahe der Friedenseiche unterwegs sind, gehen an der unscheinbaren Gedenkstätte ahnungs- oder achtlos vorbei. Ihr Ziel ist eher der Biergarten "Zum Flaucher" oder das Flussufer mit seinem Erholungsversprechen. Dabei lohnt hier, etwa hundert Meter nördlich der Brudermühlbrücke, ein Stopp im Grün der Flaucheranlagen durchaus. Nicht weil die Schornsteine des Heizkraftwerks Süd frontal in Sicht kommen oder wegen des Verkehrslärms des Mittleren Rings, versteht sich, sondern wegen dieses besonderen Zeugnisses der Friedensliebe. Signale dieser Art waren in Zeiten nationalistischer Muskelspiele keine Selbstverständlichkeit.

Wenn man so will, hat die 1871 gepflanzte Eiche, deren Existenz lange in Vergessenheit geraten war, später, sehr viel später doch noch die schönsten Früchte getragen. Nach der politischen Annäherung zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle kam es zu engeren Kontakten zwischen München und Bordeaux, aus denen sich schließlich eine offizielle Städtepartnerschaft entwickelte. Besiegelt wurde sie am 30. Mai 1964 von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und seinem Amtskollegen Jacques Chaban-Delmas. Vogel hielt damals eine bewegende Rede im Rathaus von Bordeaux. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die Delegation aus München anschließend tagelang lebte wie Gott in Frankreich. Alsbald kam ein reger Jugend- und Lehreraustausch in Gang. Und in Haidhausen wurde eine öffentliche Verkehrsfläche auf den Namen "Bordeauxplatz" getauft.

Die "Friedensfeier" vom 15. Mai 1871, der "Festplatz, wo Buben und Mädchen ein kleines Eichenbäumchen pflanzten", sind in den Annalen des Stadtarchivs vermerkt, aber im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent. Zwar kam auch Christine Rädlinger in ihrer 2014 erschienenen Broschüre "175 Jahre Flaucheranlagen und Stadtgärtnerei" noch einmal darauf zurück, doch sonst erinnert wenig an das spektakuläre Ereignis von damals. Mancher Sendlinger mit Geschichtsbewusstsein könnte sich eine feierliche Auffrischung des öffentlichen Gedächtnisses durchaus vorstellen.

Nicht alle Teilnehmer des Festakts von 1871 sind übrigens mit dem gebotenen Ernst bei der Sache gewesen. Oder wie soll man Einlassungen jenes Reporters deuten, der in seinem Beitrag über die "Friedenseiche und ihre Pflanzungsgeschichte" die Rede des "protestantischen Schulmeisters Weißmann" seziert? Dieser habe die Frage aufgeworfen: "Warum sind wir hergekommen, warum haben wir die Kinder hierher geführt?" Des Reporters Antwort lautete: "Um eine Menge Blech zu schwatzen und um die armen Kinder ein paar Stunden lang in Staubwolken und im Gedränge einer rohen Menge unnöthig quälen zu können." Ob's die 12 000 Jungen und Mädchen, die sich diszipliniert zum Friedensgelübde in den Isarauen formiert hatten, ebenso empfanden, ist nicht überliefert.

© SZ vom 15.05.2021/syn
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