Es ist ruhig an diesem Dienstagmittag im sonst trubeligen Bahnwärter Thiel, etwas zu ruhig nach dem Geschmack von Daniel Hahn. Er läuft stets lächelnd durch das Kreativquartier, das er nun seit zehn Jahren mit einem 100-köpfigen Team betreibt, vorbei an U-Bahn-Bars mit inzwischen zentimeterdicker Graffiti-Beschichtung, vorbei an wuchernden Hochbeeten und an Eidechsen, die ebenso Herbstsonne tanken wie ein paar Kunsttöpfer vor ihrem Container-Atelier.
Hahn grüßt zwei seiner Handwerker, die Bretter sägen, denn zu bauen gibt es hier immer etwas. Beschaulicher Alltag in dieser Oase mitten in der Stadt. Nur wünscht es sich ihr Erschaffer etwas „lebendiger“ Anfang der Woche, die Nutzer des Atelierparks sollten tagsüber immer was zu essen finden. Und es ziehen auch immer wieder Touristen-Gruppen durch, die klopfen dann auch mal an die Scheibe seines Büro-Busses und fragen, wo sie einen Kaffee bekommen. Zumindest am Montag und Dienstag, die sich als „Ruhetage“ etabliert haben. Das Wort spricht Hahn aus, als sei es ihm fremd.


Er weiß, mittwochs erwacht das sympathische Monster wieder zum Leben, da machen um 16 Uhr die Bars, Cafés, Imbisse in den diversen ausrangierten Waggons auf. Neu ist die „Favela“, ein von brasilianischen Wirten indoor im Bahnwagen und draußen im Biergarten betriebenes Restaurant, das auch mit Konzerten eine große, weltoffene Community anlockt. Überhaupt gibt es jetzt mehr Gastronomie, etwa die neue Holzofen-Pizzeria, die sich auch schon mit einem selbst gezimmerten Pavillon und Biertischen auf dem Gelände ausgebreitet hat, obwohl Hahn dringend drum gebeten hatte, dies nicht zu tun. Er zuckt mit den Schultern, nimmt es hin – zumindest tut sich was.
Nachts ohnehin, da sperrt – mittwochs bis sonntags – das Ur- und Herzstück seine Gittertore auf: der Club. Diese Woche wird der Bahnwärter Thiel drei Tage lang überhaupt nicht zur Ruhe kommen, denn man feiert groß seine ersten zehn Jahre. Zum Jubiläum wird durchgetanzt von Freitagabend bis Sonntagnacht, drei Tage lang „ohne Pause, ohne Halt“. Gespielt wird „beste Musik“, also vor allem Elektronisches von externen DJs wie Frida Darko, Esther Silex, Oberst & Buchner, The Journey und den vielen Haus-DJs, die den Bahnwärter zu einem der bedeutendsten Clubs in München, ja im ganzen Land gemacht haben.
All die Namen müssen Techno-Unkundigen nichts sagen, aber wer mitfeiern möchte, sollte sie sich vielleicht merken. Das wäre Daniel Hahns Tipp für Einlassbegehrende. Denn auch wenn „alle Styles willkommen sind“ (mal abgesehen von Pelzbesatz jeglicher Art – mit dem Verbot hat der Club deutschlandweit Aufmerksamkeit erregt), und einen meist schon ein „freundliches, offenes Auftreten“ hineinbringe, es könne schon sein, sagt Hahn, dass sich der Türsteher erkundige, ob man denn explizit wisse, was an diesem Abend hier kulturell geboten sei. Grölende Party-Hopper passen einfach nicht in die „Bahni“-Familie, die jeden Abend bis zu 440 Mitglieder drinnen und ein paar mehr auf den Open-Air-Flächen aufnimmt.
Aber man kann und soll gerne mal schauen, was da abgeht: Neu im Club gibt es etwa einen lichten Wintergarten mit Spielplatzrutsche beim Eingang, oder einen zwielichtigen Mini-Disco-Schuppen namens „Unterschlupf“. Zur Zehn-Jahre-Feier gibt es im ganzen Club-Labyrinth Performances, Lagerfeuer, eine Lkw-Reifenschaukel, Fotoboxen und mehr. „Ein Bahnwärter-Besuch soll immer wie ein Festival-Erlebnis sein“, sagt Hahn. Der 36-Jährige steht bisweilen immer noch an der Kasse oder hinter der Bar, er sieht sich immer zuerst als Kulturveranstalter – auch wenn er in diesem „Dorf in der Stadt“, ja überhaupt in dieser Stadt München noch einige andere Aufgaben innehat.
Der Bahnwärter Thiel und seine Geschwister-Orte aus der Familie Hahn (der „Minna Thiel“-Schienenbus vor der Filmhochschule, das „Gans am Wasser“ im Westpark, das „Gans woanders“-Hexenschloss in Giesing) sind tatsächlich Parade-Projekte und alternative Wahrzeichen der Stadt geworden. Hier zeigt die Dame München, wo sie Subkultur kann, frisch, spannend und visionär ist. Über das Kuriositäten-Sammelsurium-Dorf hat die New York Times ebenso berichtet wie über die Alte Utting ein Gleis weiter, den Ausflugsdampfer auf der alten Eisenbahnbrücke.
Wie schafft man das? Das fragen viele Daniel Hahn, den schon als 15-Jähriger ein Bahnwärter-Häuschen am Weg zur Waldorfschule vom eigenen Kulturzentrum träumen ließ. Wie er und sein Team dann die Stadt überzeugten, seit 2015 auf dem brachliegenden alten Viehhof ein ganzes Subkultur-Viertel samt Atelierpark für Keramiker, Polsterer, Brotbäcker, Maler, einem Surfshop, Imkerei, zehn Band-Probenräumen sowie viel Freiraum für die Graffiti-Szene sprießen zu lassen – dazu interviewen ihn Stadtplanungsstudenten für Doktorarbeiten.
Gleichgesinnte Kollektive suchen seinen Rat, und neulich fragte eine Stuttgarter Gesellschaft an, man habe da ein altes Boot, ob man nicht gemeinsam etwas damit machen wolle? Hahn schüttelt den Kopf. Er habe viele Angebote, viele irre Ideen, aber momentan keine Kapazitäten. Er muss alle Energie in sein Herzensprojekt stecken, den Bahnwärter. Und der ist nie fertig, „Transformation ist meine Lebensaufgabe“, sagt er.

Dabei läuft der Mietvertrag mit den Märkten München nur noch bis 2027. „Aber wir haben große Hoffnung, dass wir länger bleiben“, sagt Hahn. Denn die Stadt hat 2024 beschlossen, das alte Viehhofareal doch erst 2040 zusammen mit dem dann geschlossenen Schlachthof zu bebauen. Bis dahin sei der Bahnwärter für die Zwischennutzung erste Wahl: „Wir zahlen solide Miete und haben bewiesen, dass wir es auch unternehmerisch geschafft haben, und das ohne Förderung.“
Und selbst im dann entstehenden Quartier mit 600 Wohnungen könnte der Bahnwärter Thiel nahtlos eine zentrale Rolle am Rand übernehmen. Eine Delegation des Planungsreferates habe sich Hahns Konzept bei zwei Besuchen schon angeschaut und sei angetan gewesen von seinen „spannenden Impulsen“.
Die Ausgangslage sei Ideal, weil man hier einmal so ein Quartier nicht am Reißbrett von Architekten planen lassen müsse, sondern direkt mit Menschen, die dort schon arbeiten und sich auskennen. Noch ein Vorteil: Das neue Viertel liegt an Bahngleisen, Zugrattern ist den neuen Anwohnern aber nicht zuzumuten. Der Bahnwärter könnte eine Pufferzone sein, ein quirliger Stadtpark, für den die Stadt nicht mal etwas bezahlen muss. Dafür bräuchte es noch mehr Grün, etwa Nachbarschaftsbeete auch an den alten Bahnrampen.
Und natürlich müsse man noch mehr Kleingewerbe aufnehmen und auch baulich etwas tun, sagt Hahn. Denn die See-Container allein seien auf Dauer nicht ideal. Andererseits hätten die sich vor allem als das bewährt, wofür sie von Anfang an gedacht waren: als Lärmschutzwand. Bis zu vier Stockwerke hoch schirmen sie den Bahnwärter nach innen ab – und nach außen. „Es gab in den zehn Jahren nahezu keine Beschwerden“, sagt Hahn, und das sei ein Teil des Erfolgsgeheimnisses: „Wir machen das ja für die Anwohner, und die dürfen nicht genervt sein. Dieser spezielle Aufbau macht es möglich, dass hier drinnen das Leben pulsieren kann.“ Und das künftig gerne auch Anfang der Woche.

