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Bürgerdialog in Bogenhausen:Ein neues Stück Stadt im Nordosten

SEM Nordost

Bis zu 30 000 Menschen könnten in dem neuen Quartier zwischen Riem und Johanneskirchen einmal wohnen. Simulation: Rheinflügel Severin, BBZ landschaftsarchitekten

Bis zu 30 000 Menschen könnten in dem neuen Quartier zwischen Riem und Johanneskirchen einmal wohnen. Doch der Auftakt zum Bürgerdialog zeigt, dass die Kommunikation der Verantwortlichen mit Grundstückseigentümern und Anwohnern verbesserungswürdig ist

Von Thomas Kronewiter, Bogenhausen

Versprechungen gab es reichlich beim Auftakt einer erneuten Dialogreihe zum geplanten Siedlungsquartier im Münchner Nordosten am Dienstagabend. Viel reden will man in den kommenden Monaten mit Lokalpolitikern, Anwohnern und Eigentümern, möglichst viele einvernehmlich ins Boot holen, für das neue Viertel werben mit viel Grün, wenig Verkehr und einem Badesee. Allerdings bleiben die Planer der Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) am nordöstlichen Stadtrand auch bei der umstrittenen Größenordnung der Siedlung. Zwar muss letztlich der Stadtrat entscheiden, ob tatsächlich 30 000 Bewohner und 10 000 Arbeitsplätze angesiedelt werden, doch für möglich hält die Behörde von Stadtbaurätin Elisabeth Merk solche Zahlen allemal.

Wie sehr das Thema die Menschen gerade im Nordosten bewegt, zeigten einmal mehr bis zu 320 Zuhörer im digitalen Stream, zeigten 500 Chat-Beiträge, die nicht angezeigt wurden, sondern allenfalls - so die Zusage - auf der Homepage der Stadt (www.muenchen.de/nordosten) nachgelesen werden können. So blieb das Forum vor allem dem Dutzend Experten und Politiker überlassen, deren Äußerungen die Streitfragen jedoch ebenfalls offenlegten. Einig waren sich die Diskutanten in der Forderung, als Grundlage jeder sinnvollen Verkehrserschließung die bestehende Bahn- und S-Bahn-Trasse in einen Tunnel zu legen. Wie sich letztlich die Bahn dazu verhält und wie die Politik mit den sich dann stellenden Finanzierungsfragen umzugehen gedenkt, blieb am Diskussionsabend offen.

Nicht nachvollziehen wollte Stadtbaurätin Merk die Rechnung von Dirk Höpner (München-Liste), wonach statt 10 000 Arbeitsplätzen aufgrund von Begehrlichkeiten aus Unternehmen am Ende eher 15 000 entstehen dürften - was dann statt einer Entspannung auf dem Wohnungsmarkt neue Defizite auslösen könnte. "Da entsteht Mietdruck, auch auf das restliche München, es drohen Preissteigerungen, Gentrifizierung", warnte Höpner. Merk aber zog eine rote Linie. So habe man dem städtischen Wirtschaftsreferenten Clemens Baumgärtner (CSU) im Hinblick auf Wünsche nach mehr Arbeitsplätzen auch schon "die gelb-rote Karte gezeigt".

Die Stadtbaurätin rückte vielmehr die Vorteile des Siegers im Ideenwettbewerb, des Büros Rheinflügel Severin (Düsseldorf) mit BBZ Landschaftsarchitekten (Berlin), in den Vordergrund. Die kleinen, kompakten und flächensparenden Siedlungscluster erlaubten über die kommenden fünf Jahrzehnte eine evolutionäre Entwicklung, die Bildung von Nachbarschaften, soziale Verknüpfungen und die Stärkung von Identität - etwa durch die Erhaltung von Dorfkernen, von grünen Achsen etwa entlang des Hüllgrabens und der alten Salzstraße und den immer wieder beschworenen Badesee.

Die Botschaft vernahm Jörg Hoffmann, Fraktionschef der FDP/Bayernpartei im Rathaus, wohl, "allein, mir fehlt der Glaube". Das beginne schon beim Einfrieren der Bodenpreise, was Hunderte Eigentümer verschreckt habe. "Da wird zu wenig gesprochen", sagte Hoffmann - dem schloss sich auch Ralf Huber als Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands an. Die Diskussionsteilnehmer sollten sich einmal in die Rolle der Landwirte versetzen und sich vorstellen, sie müssten plötzlich alle ihre Autos abgeben und sich neue kaufen - aber über das Geld für die alten Wagen werde dann irgendwann später gesprochen. So gehe es den Bauern, die in letzter Instanz mit Enteignung rechnen müssten. "Das ist keine Art des Umgangs." Florian Ring (CSU), Vorsitzender des Bezirksausschusses Bogenhausen, forderte die Verantwortlichen ebenfalls auf, alle Bürger mitzunehmen und Drohungen wie die mit der Enteignung zu vermeiden, "ansonsten brennt das Stadtviertel".

Das beherzigen zu wollen, versicherten Politiker mehrerer Parteien, die Stadtbaurätin und auch Stadtentwicklungschef Michael Hardi. So soll es in den kommenden Wochen und Monaten weitere Dialogveranstaltungen geben - digital, aber auch als Hybridtermine, so es Corona zulassen sollte. Womöglich will man auch zu bereits früher erprobten niederschwelligen Stammtisch-Treffen "beim Griechen ums Eck" zurückkehren.

Dass sie grundsätzlich hinter dem Projekt stehen, signalisierten Politiker der drei großen Parteien unisono. SPD-Fraktionschef Christian Müller sprach von letztlich "stadtverträglichem Wachstum", Paul Bickelbacher (Grüne) erhofft sich "keine reine Wohnmaschine", Heike Kainz (CSU) drängte darauf, zuvorderst für die nötige Infrastruktur zu sorgen.

Voraussichtlich im Herbst werden der Planungsausschuss und die Stadtrat-Vollversammlung entscheidende Eckpunkte festlegen. Dazu zählt vor allem die Frage, ob am Ende eher 10 000 oder 30 000 Anwohner angestrebt werden, dazu zählt die Reihenfolge der Bebauung, die sich aufgrund der vorhandenen Anbindung eher von Süden her anbietet, dazu zählen die sich aufdrängende Option einer Verlängerung der U-Bahn-Linie 4 vom Arabellapark und einer Streckung der Tramlinien 17 von Oberföhring Richtung Osten sowie 19 von Steinhausen-Zamdorf nach Daglfing. Bauen will man CO₂-neutral, versicherte Merk. "Das wird nicht anders gehen" - auch wenn das nicht leicht werde. Und wenn sich beim geplanten Agrar-Gutachten herausstelle, dass zwei Drittel der Bauern auch in der nächsten Generation noch ihre Äcker bewirtschaften wollten und könnten, "werden wir das nicht ignorieren".

© SZ vom 20.05.2021/van
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