Eine der letzten großen Freiflächen, auf denen München noch wachsen kann, liegt in Feldmoching. Inmitten von Seen, Äckern und Wiesen wirkt die Stadt hier vielerorts wie ein Dorf – und das soll auch so bleiben nach dem Wunsch etlicher Bewohnerinnen und Bewohner, die seit Jahren gegen die dort geplante städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) protestieren.
Auch um diesen Konflikt zu befrieden, hat das Rathaus Ende 2024 erstmals eine offene Ideenwerkstatt angestoßen. Verschiedene Architekturbüros entwickelten unter Beteiligung der Öffentlichkeit fünf Konzepte, von denen eines nun zum Sieger gekürt wurde. So sprach sich ein Gremium aus Expertinnen und Experten einstimmig für den Entwurf von Cityförster, Argus und Freiwurf LA aus. Ihr Konzept soll nun als Basis für eine Machbarkeitsstudie dienen.
Der Siegerentwurf zeige, „wie mit vielen kleinen Schritten und differenzierten Lösungen die vorhandenen Herausforderungen und Probleme im Zuge einer Entwicklung im Münchner Norden bewältigt werden können“, sagt Architekt Stefan Kurath, Vorsitzender des Gremiums. Ihm zufolge hat das Gewinnerteam nicht nur herausgearbeitet, wo rund um Feldmoching neue Stadtteile entstehen können. Sondern der Siegerentwurf zeige auch den „erheblichen Mehrwert“ für die Anwohnenden vor Ort.
Lobend äußert sich auch Rainer Großmann (CSU). „Der Entwurf ist gut, weil er nicht alles in unserem Stadtbezirk zubaut“, sagt der Vorsitzende des Bezirksausschusses Feldmoching-Hasenbergl (BA), der dem Expertengremium angehörte. Zudem betont Großmann: „Ein großer Vorteil des Entwurfs ist aus meiner Sicht, dass er nicht unbedingt auf die SEM angewiesen ist.“
Mit jenem Instrument will das Rathaus schon seit Jahren im Münchner Norden neue Stadtteile für Zehntausende Menschen schaffen. Ein Baubeginn ist bislang nicht in Sicht, was auch am Widerstand vieler Grundstückseigner und Menschen vor Ort liegt. Sie haben sich im Verein Heimatboden zusammengeschlossen, der die SEM-Pläne aus verschiedenen Gründen ablehnt. Unter anderem werden eine großflächige Versiegelung und eine Überforderung des Stadtbezirks in puncto Verkehr und Infrastruktur befürchtet sowie die Auswirkungen auf den ohnehin hohen Grundwasserstand und eine Verdrängung der Landwirtschaft.
Die Ideenwerkstatt zum Münchner Norden hat der Verein Heimatboden wiederholt als „Alibi-Veranstaltung“ kritisiert. Ganz anders bewertet das Stadtbaurätin Elisabeth Merk, die von einem „herausragenden Prozess“ spricht. Dieser habe nun „eine gute Grundlage für das weitere Handeln geliefert“.
Dabei ging es in der Ideenwerkstatt nur um ein Viertel des 900 Hektar großen Untersuchungsraums der SEM – und konkret um sechs Teilgebiete, die sich die Architektenteams vornehmen konnten. Der Siegerentwurf griff lediglich drei davon als „Potenzialflächen“ auf: Feldmoching-Nord, das Areal nördlich der Fasanerie und den Bereich östlich der Siedlung Ludwigsfeld an der Autobahn.
In Letzterem ist bereits eine Erweiterung geplant, jedoch fehle es dieser „an einem ausgewogenen Nutzungsmix“, heißt es im Entwurf von Cityförster, Argus und Freiwurf LA. Daher brauche es hier nicht nur neuen Wohnraum, sondern auch Infrastruktur und Grünräume. „Wenn die Bebauung dort nicht zu massiv wird, kann das eine echte Aufwertung für Ludwigsfeld sein“, hofft BA-Chef Großmann.

Im Gebiet Fasanerie-Nord sieht das Konzept eine behutsame städtebauliche Entwicklung vor, die sich an der bestehenden Bebauung orientieren sowie weiterführende Schulen, Arztpraxen und ein Kulturbürgerhaus umfassen soll. In dem landschaftlich geprägten „Grün-Blauen Quartier“, wie es die Architekturbüros nennen, werde besondere Rücksicht auf den hohen Grundwasserstand genommen – etwa durch Regenrückhalteflächen, Retentionsdächer und begrünte Innenhöfe.
Derweil ist nördlich von Feldmoching ein weiterer urbaner Stadtteil geplant, der über eine Tram aus dem Hasenbergl erschlossen wird. Entlang einer Lärmschutzwand an der Autobahn soll Gewerbe angesiedelt werden; weiter südlich würde vor allem Wohnraum entstehen. Überdies sieht der Siegerentwurf ein neues Quartierszentrum in Verlängerung des historischen Dorfkerns von Feldmoching vor sowie ein „grünes Nachbarschaftsband“ als Verbindung zwischen Bestand und Neubau, Erholungs- und Begegnungsort.
Details zur anvisierten Zahl der neuen Wohnungen in den drei Siedlungsflächen nennt der Siegerentwurf nicht; ebenso wenig tauchen derlei Angaben in den anderen Konzepten auf. Dies bemängelt Dirk Höpner, Stadtrat der SEM-kritischen München-Liste. Er hat das Rathaus per Anfrage aufgefordert, Zahlen zu den Einwohner-, Wohnungs- und Arbeitsplatzannahmen der fünf Entwürfe der Ideenwerkstatt zu liefern.

Geplantes Olympisches Dorf:Wohnungen für 16 000 Sportler und Funktionäre
Die Stadt hat für das Olympische Dorf den Münchner Nordosten ins Auge gefasst – doch dort formiert sich bereits Widerstand.
Zudem solle die Verwaltung Stellung nehmen zu einer Aussage, die laut Höpner in städtischen Unterlagen auftaucht, wonach auf 220 Hektar Fläche circa 13 000 Wohnungen entstehen könnten. „Wenn solche Zahlen kursieren, ist es nicht akzeptabel, dass der Stadtrat parallel dazu im Unklaren gelassen wird“, heißt es in der Anfrage.
Derweil lobt Höpners Stadtratskollege Florian Schönemann (Grüne), der ebenfalls dem Expertengremium angehörte: „Mit den neuen Plänen schaffen wir dringend benötigten Wohnraum und entwickeln lebenswerte Quartiere.“ Gleichzeitig bleiben laut Schönemann große Grünflächen und Frischluftschneisen erhalten. So verzichtet der Siegerentwurf auf eine Bebauung in den Teilräumen Feldmoching-Nordwest, Schrederwiesen und Feldmoching-West – „aufgrund ihrer landschaftlichen Wertigkeit“, heißt es aus dem Stadtplanungsreferat. Der Behörde zufolge überzeugte das Expertengremium an dem Siegerentwurf vor allem „der sparsame Umgang mit Flächen sowie die Wahl einer angemessenen räumlichen Dichte“.
Inwiefern das nun vorliegende Konzept tatsächlich umgesetzt wird, ist indes offen. Der nächste Schritt im Planungsprozess ist laut dem Rathaus die Finalisierung der Machbarkeitsstudie, die Chancen und Grenzen einer Entwicklung rund um Feldmoching auslotet. Auf deren Grundlage werde der Stadtrat 2027 entscheiden, ob und wie die Planung weitergehe.

