Draußen sein bei Wind und Wetter, umgeben von Wasser und Weite. Von mindestens diesen vier Ws schwärmen die meisten Segler. Philipp Seifert begeistert zudem die Leichtigkeit, die ihn umgibt, sobald er in einem Boot und auf See ist. „Die Sorgen und Probleme bleiben an Land“, sagt er. Er werde kreativer und mutiger. Seifert, 37, ist Skipper, Physiker, Arzt und jemand, der als junger Mensch erfahren hat, wie schnell das Leben von leicht auf schwer erträglich kippen kann.
Im Januar 2013 wachte er mit starken Rückenschmerzen auf. Er habe es nur auf allen vieren aus dem Bett geschafft, erzählt Seifert. Sein Hausarzt verschrieb ihm Schmerzmittel. Die richtige Diagnose für Seiferts Symptome hatte er damals noch nicht. Der „Bobbel“ in der linken Achsel, den der damals 25-Jährige bald darauf erkannte, alarmierte erstmal nur ihn selbst. Erst nach einem halben Jahr stand fest: Seifert war an einem Hodgkin-Lymphom erkrankt, Lymphknotenkrebs. Ein Schock. „Gerade mit 25 lebt man mit dem Gefühl, unsterblich zu sein.“ Er war mitten in seiner Masterarbeit in Physik und am Anfang einer großen Lebensveränderung.
Man sagte ihm, die Chancen geheilt zu werden, lägen bei etwa 85 Prozent. Es folgten sechs Chemotherapie-Zyklen mit Krankenhausaufenthalten, weil es ihm danach jedes Mal sehr schlecht ging. Durch diese harte Zeit trugen ihn die Unterstützung seiner Eltern und sein Freundeskreis. Die Angst vor einer Rückkehr der Krankheit aber konnte ihm keiner abnehmen. Aber es gibt etwas, was ihn bis heute stärkt, mit dieser Angst umzugehen: das Segeln.
Schon als Kind lernte Philipp Seifert segeln auf kleinen Booten, Optimisten, damals auf dem Neckar. 13 Jahre nach seiner Krebsdiagnose sind Wind-und-Wetter-Erlebnisse auf dem Meer zu seinem Lebensthema geworden. Im Februar 2023 gründete er mit Freunden, die Ähnliches wie er durchgemacht haben, den Verein Resailience. Zusammen organisieren sie nun Segeltörns für junge Erwachsene (zwischen 18 und 45 Jahren) nach einer Krebstherapie. „Es braucht gerade für sie mehr, um wieder Halt im Leben zu finden“, sagt Seifert.

An einem Mittwochnachmittag im Januar stehen er und Co-Skipperin Nele Lienhard in einem Hörsaal der Ludwig-Maximilians-Universität im Klinikum München-Großhadern. Die beiden präsentieren hier mit einigen Mitseglern zwei Kurzfilme. Sie entstanden im vergangenen Herbst bei einem Segeltörn in der Ägäis. Man sieht eine lebhafte Crew, die Segel setzt, Knoten übt, beieinandersitzt, Augenpaare auf den Horizont richtet. Mit solchen Bildern wirbt Resailience nun auf der Vereinswebseite und auf Youtube für seine Ziele: Sie wollen betroffene junge Menschen erreichen und Sponsoren finden. Die Reisen sollen erschwinglich sein, auch für diejenigen, die womöglich durch ihre Krankheit in eine finanziell schwierige Situation geraten sind. Die Eigenbeteiligung liegt derzeit bei 280 Euro für sieben Tage.
Von Nele Lienhard hören die Zuschauer im Laufe der Präsentation Sätze, die deutlich machen, wie sehr sie nach ihrer Krebserkrankung am Boden war. Sie sagt: „Segeln war meine persönliche Rettung.“ Auf dem Wasser habe sie wieder Glück gespürt und das Gefühl, „das ist mein Leben, es kann auch wieder ein gutes Leben sein“. Die junge Frau mit dem kurzen Pony hatte vor ihrer Diagnose noch Medizin studiert, sich dann aber für eine Ausbildung zur Hebamme umentschieden. Seifert hingegen brachte seine Erfahrungen und ein behandelnder Onkologe zur Medizin. Der habe ihn damals mit all seinen Bedürfnissen abgeholt, so wie sonst niemand. Er habe sich alle Zeit der Welt für ihn genommen, sagt Seifert. Marcus Hentrich, mittlerweile Ärztlicher Direktor des Rotkreuzklinikums, ist ein Vorbild für ihn und Schirmherr des Vereins.

An diesem Nachmittag im LMU-Klinikum erfährt man von Teilnehmern sowohl in den Filmen als auch vor Ort, wie sie die Segeltörns erlebten. Yannic, 29, dem im Klinikum ein seltener Gehirntumor entfernt wurde, sagt: „Die Ruhe und die Weite auf dem Schiff, daran wird man sich zurückerinnern.“ Er betont die Emotionen, die sie miteinander geteilt hätten, die auch ohne Worte verstanden wurden, „weil alle Ähnliches durchgemacht haben“.
Auch Esther ist nach München gekommen und erzählt begeistert, wie sicher und aufgehoben sie sich in der Gemeinschaft gefühlt habe. Für acht bis zehn Leute ist auf den gecharterten Booten Platz. Sie habe vorher keine rechte Vorstellung vom Segeln gehabt und wie sich ein Aufenthalt auf so engem Raum anfühlen würde, sagt sie. Und sie sagt auch, dass sie seit zehn Jahren gegen den Krebs kämpft. Dreimal schon musste sie Chemo-Zyklen ertragen. „Ich will leben“, ist ihr Credo geworden, und auch sie nimmt von der Segelreise mit: Nach jedem Sturm kommt wieder Sonnenschein.
Jeder Törn sei einzigartig und laufe immer etwas unterschiedlich ab, erzählt Seifert. Manches aber sei immer gleich: Es gebe keine Hürden, über die Erkrankung zu sprechen. „Man ist sofort tief in dem Thema drin, alle wissen, was gemeint ist.“ Wer mal nicht reden möchte oder Ruhe für sich brauche, könne sich auch in die Koje verkrümeln. Aber niemand kann sich der Gruppe ganz entziehen: „Wenn die Momente der Freiheit und Weite Emotionen auslösen und Tränen fließen, dann hält man das gemeinsam aus.“ Als festes Element, so Seifert, gebe es Reflexionsrunden, in denen einander zugehört wird, ohne den anderen zu bewerten. Das entlastet.

Im vergangenen Jahr hat Seifert seinen gesamten Jahresurlaub für die Segeltörns von Resailience verwendet. Das soll 2026 anders sein. Acht Reisen sind derzeit geplant, los geht es im April nach Elba. Er selbst wird dieses Jahr nicht immer dabei sein. Mit 37 gehört er noch zur Zielgruppe des Vereins, aber irgendwann wird das nicht mehr so sein. „Unsere Vision ist es, Skipper-Nachwuchs zu finden, vielleicht ehemaligen Teilnehmenden die Ausbildung zu finanzieren“, sagt er. Damit der Verein auch in Zukunft die Möglichkeit bieten kann, in Gemeinschaft Kraft zu tanken – und Ängste über Bord zu werfen.

