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Dirigentin aus Uppsala:"Das ist mein Baby"

Marianne Wennas, Leiterin des schwedisches Chores in München in ihrer Wohnung in der Heiterwangerstraße 40 am Klavier.

Als Marianne Wennås 1981 nach München kam, war es nicht so einfach, hierbleiben zu dürfen.

(Foto: Florian Peljak)

Der schwedische Chor von Marianne Wennås ist internationaler geworden. Eine Norwegerin singt mit, eine Luxemburgerin, eine Engländerin und sogar ein Paradebayer

Von Gerhard Fischer

Marianne Wennås stammt aus Uppsala, einer Universitätsstadt nördlich von Stockholm. Bayern lachen manchmal darüber, dass eine Stadt so heißt, denn hier sagt man "Uppsala", wenn einem etwas herunter fällt. Oder wenn man sich anstößt. Aber wie spricht man das schwedische Uppsala überhaupt aus? Wennås formt ihren Mund zu einem Ring und sagt "Ouppsaala". Der erste Buchstabe sei eine Mischung aus O und U.

Für Wennås ist es wichtig, den richtigen Ton zu treffen. Sie ist nämlich die Leiterin und Dirigentin des Schwedischen Chores München, der vor allem kurz vor Weihnachten in Erscheinung tritt. In Kirchen (und manchmal auch bei Ikea) feiert er das Luciafest, einen Brauch, der vorwiegend in Skandinavien beheimatet ist.

Als Wennås nach München kam, um dauerhaft hier zu leben, war das komplizierter als heute, von wegen offene Grenzen und so. Man schrieb das Jahr 1981. "Schweden war damals nicht in der EU", sagt Wennås, "man durfte nur in München bleiben, wenn man studierte, mit einem Deutschen verheiratet war oder einen Beruf ausübte, für den sich bloß eine Schwedin, jedenfalls keine Deutsche interessierte." Wennås lächelt. "Letzteres war natürlich schwierig." Sie entschied sich, zu studieren: Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Deutsch als Fremdsprache. Zwei Jahre später heiratete sie einen deutschen Mann, mit dem sie heute noch zusammen ist. Und im gleichen Jahr gründete sie den Schwedischen Chor München.

Alleine? "Ja, das ist mein Baby", sagt sie und lächelt wieder. Überhaupt lächelt sie fast immer. Und wenn sie nicht lächelt, lacht sie sehr intensiv.

Fehlten noch die Chormitglieder. Wennås klopfte unter anderem bei der Deutsch-schwedischen Vereinigung in München an und hatte bald 15 Sänger beisammen. Oft waren es Ehepaare: die Frau Schwedin, der Mann Deutscher.

"Heute stehen auf meiner Mitgliederliste zwischen 35 und 40 Namen", sagt Wennås. Und heute ist der Chor internationaler. Wennås zählt auf: einige Schweden, natürlich, aber auch eine Norwegerin, die schon lange dabei sei, eine Luxemburgerin, eine Engländerin. Es seien Liebhaber von schwedischer Chormusik dabei, und Menschen, die Schwedisch lernen wollen, und ganz einfach Schwedenfans: Deutsche, die über das Austauschprogramm Erasmus ein Jahr in Schweden verbracht haben; Deutsche, die Nordistik studieren; ein Deutscher, der ein Sommerhaus in Småland hat; oder ein Paradebayer, der Lederhose trägt und besonders gerne Eisenbahnen in Nordschweden fotografiert. "Er fährt fast jedes Jahr hin", sagt Wennås und lächelt. Besonders der Zug, der Eisenerz von Kiruna nach Narvik transportiert, sei interessant. Er habe 52 Waggons.

Fährt der Münchner Schwedenchor auch mal nach Schweden? Wennås lacht laut und schüttelt den Kopf. "Dort gibt es genügend andere schwedische Chöre." Singen ist in Schweden sehr beliebt. Jedes Dorf hat einen Chor.

Der Schwedische Chor München ist kein Profichor, und Marianne Wennås hat ihr Geld auch nicht mit dem Dirigieren verdient, sondern vorwiegend mit Sprachunterricht. Aber ihr Chor sei im Laufe der Jahre professioneller geworden, sagt sie. Wer mitmachen wolle, müsse gut singen und sich in den Chor einfügen können. Wennås testet alle Bewerber vorher.

Corona hat natürlich auch den Schwedischen Chor gestoppt. Singen ist nicht gut, die Aerosole tanzen dabei in der Luft, ein Superspreader könnte Chor und Publikum infizieren. "2020 sind bisher alle Auftritte ausgefallen", sagt Wennås, etwa die Konzerte zum schwedischen Nationalfeiertag am 6. Juni, das Ständchen zum runden Geburtstag oder zur Hochzeit eines Chormitglieds - und das große Mittsommerkonzert im Juni. "Wir haben seit März dreimal zusammen im Freien gesungen", sagt Wennås. Zweimal im Westpark, einmal im Hof des Hansahauses am Königsplatz. "Da ist es natürlich schwierig, den Standard zu halten", sagt sie. Auch das gemeinsame Chorwochenende am Schliersee im November habe sie bereits abgesagt. Und Lucia im Dezember? "Nichts ist sicher", sagt Wennås. Natürlich kann sie nichts anderes sagen, denn Corona nimmt einem jede Sicherheit. Normalerweise veranstaltet der Chor am zweiten Adventswochenende Weihnachtskonzerte in der Kreuzkirche in Schwabing und in der Offenbarungskirche in Laim.

Als Wennås das Schwedische Weihnachtskonzert mit Luciazug 1993 einführte, stieß sie auf Skepsis. "Es hieß, es gebe doch schon so viele Weihnachtskonzerte", erzählt sie, "da komme doch keiner." Aber dann hätten sich beim ersten Mal vor der Kirche "Schlangen bis auf die Straße hinaus gebildet". Bis heute seien die Weihnachtskonzerte des Schwedischen Chores "gerammelt voll."

2012 und 2016 hat der Bayerische Rundfunk darüber berichtet. Marianne Wennås zeigt die Bilder davon auf ihrem Laptop. Man sieht eine Lucia mit einem Lichterkranz auf den Kopf und die weiblichen Chormitglieder mit weißer Kleidung, die männlichen im schwarzen Anzug. Wer die Lucia ist, bestimmt Wennås. "Ich mache das meistens dem schwedischen Bild entsprechend", sagt sie. Also weiblich, jung, eher blond.

© SZ vom 03.09.2020

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