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München:Schwarz. Schwul. Schwergewichtig

„Schokokinder“  Film

Freunde fürs Leben: Andre (Stephan Neumüller), Benedikt (Grischa Olbrich) und Leya (Lennora Esi).

(Foto: Louis Amaden/oh)

Lennora Esis Theater-Film-Projekt "Schokokinder" erzählt von drei Freunden, die lernen, sich selbst zu akzeptieren

Lennora Esi erzählt folgende Familien-Episode: Atzenweiler bei Ravensburg im Jahr 2005, Manfred Bürkle stellt sich als neuer evangelischer Gemeindepfarrer vor. Dabei hat er seine Frau Lib Briscoe, dunkelhäutig, seinen Sohn, noch dunkler, und die Tochter, auch dunkel, aber heller als die beiden anderen. "Wir hatten vier verschiedene Hautfarben, die Leute fragten sich, wie das alles zusammenpasst". Lennora Esi lacht. Sie sitzt über einem Chai Latte in einem Café im Münchner Glockenbachviertel.

Damals in Atzenweiler war sie 14 Jahre alt, heute ist sie 26, Schauspielerin, Tänzerin und Jazzsängerin mit den Ausbildungsstationen Berlin, München und New York, und nennt sich Lennora Esi. Gerade ist sie aus Ghana in den Münchner April-Winter zurückgekommen, nun friert sie, glüht aber auch vor Aufregung. Denn an diesem Freitag, 28. April, hat ihr Projekt "Schokokinder" im Eine-Welt-Haus Premiere. Eine Film-Theater-Produktion über Klischees, Vorurteile und den mühsamen, spannenden Weg, zu sich selbst zu stehen.

Im Gespräch mit Lennora Esi geht es zunächst um Sprache, dieses verräterische, unzulängliche Instrument, die Welt unter Kontrolle zu bringen. Esi ist an diesem Nachmittag im Café die einzige... hmm, welches Wort ist nun das richtige? Dunkelhäutige, Schwarze, Farbige? "In den USA, wo meine Mutter herkommt, heißt es african american, für mich ist schwarz ok, andere bevorzugen farbig", sagt Lennora Esi. Doch die Frage "wie soll man EUCH nun nennen?", so wohlmeinend sie auch sein mag, kann die Schauspielerin aufregen. Euch - wer soll das sein? Es gebe sie nicht, die eine schwarze Rasse, "es gibt nur total unterschiedliche Identitäten". Wenn sie als Jugendliche das Wort "Neger" hörte, empfand sie das als verletzend. Niedlich hört sich dagegen "Schokokinder" an, für Esis Empfinden in seiner klebrigen Süßlichkeit jedoch nicht weniger herabwürdigend.

"Zuerst wollte ich das Thema in einem Essay verarbeiten, dann schien es mir besser, ein Stück zu entwickeln", erzählt sie. Nun ist ein Mischwesen aus dem Projekt geworden: Drei Schauspieler stehen live auf der Bühne, dieselben Akteure sind in einem Kurzfilm zu sehen, der mit dem Theatergeschehen interagiert, aber auch unabhängig davon funktioniert. Die Schokokinder, das sind drei Sandkastenfreunde, die sich aus den Augen verloren haben und sich dann zufällig wieder begegnen: Leya (Lennora Esi), Benedikt (Grischa Olbrich) und Andre (Stephan Neumüller), sie alle verleugnen auf die ein oder andere Weise ihre Identität. Leya liebt den Tanz und die Musik, möchte aber nicht dem Klischee vom schwarzen Künstler entsprechen und studiert deshalb Management. Benedikt ist Maler geworden, versteckt sich allerdings hinter seinen Bildern vor der Öffentlichkeit. Er ist stark übergewichtig, schämt sich seines Körpers. Andre schließlich verbirgt als angehender Fußballstar sein Schwulsein. Nur wenn die drei zusammen sind, können die Fassaden fallen, weil sie voreinander nichts zu verbergen haben. Lennora Esis Kurzfilm ist aber auch eine Geschichte der Emanzipation.

Über Crowdfunding wurde die Produktion finanziert, Lennora Esi ist Autorin, Produzentin, Regisseurin, Schauspielerin; Olbrich und Neumüller sind alte Freunde, ihr Verlobter stand hinter der Kamera, und von ihrer Mutter Lib Briscoe, einer Tänzerin, Choreografin und Sängerin, stammt der wunderbare Titelsong des Films. Schokokinder ist ihr erstes großes, man könnte beinahe sagen Familien-Projekt. Die 26-Jährige will den Film nun bei Festivals einreichen und auch in ihrer schwäbischen Heimat zeigen. Sie liebt diese Art, als Künstlerin völlig unabhängig von Geldgebern oder Institutionen zu arbeiten.

Diese Freiheit will sie sich auch in Zukunft nehmen. Deshalb wird sie - die doppelte Staatsbürgerschaft macht's möglich - nun in die USA gehen und eine Ausbildung an einer Massage-Schule machen. Ins Amerika des Donald Trump überzusiedeln, sei für sie als african american eine sehr bewusste Entscheidung, die auch viel mit Identität zu tun habe, mit ihren Wurzeln.

"Schokokinder", Freitag, 28. April, Eine-Welt-Haus, Schwanthalerstraße 80, zudem Donnerstag, 4.Mai, und Freitag, 5. Mai, jeweils um 20 Uhr, Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 1.