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Schwabing:"Jetzt sind alle aufgeschreckt"

Bei Spielgruppen wie den "Ackermännlein" herrscht Unverständnis, warum sie ändern sollen, was aus ihrer Sicht bisher gut geklappt hat.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Von Eltern organisierte Spielgruppen, die von der Stadt bezuschusst werden, müssen bis Ende August eine pädagogische Fachkraft einstellen. Doch das ist nicht so einfach.

Von Ellen Draxel

Ein- bis dreijährige Kinder den ganzen Tag über in die Krippe geben, fünf Tage die Woche? Was vielen Eltern sinnvoll erscheint oder aus beruflichen Gründen notwendig ist, taugt anderen Familien weniger. Ihnen ist ein Konzept, wie es in der Siedlung am Ackermannbogen seit langem erfolgreich praktiziert wird, daher oft lieber.

Die Breznbande, die Olympiazwergerl und die Ackermännlein, wie die Spielgruppen in dem Neubauquartier südlich des Olympiaparks heißen, wurdren schon vor 16 Jahren gegründet. Jeweils acht Kinder besuchen diese Gruppen an zwei oder drei Vormittagen, um sich, wie es Heidrun Eberle von der Nachbarschaftsbörse formuliert, "mal mit Gleichaltrigen zu beschnuppern". Gleichzeitig können sich die Eltern kennenlernen - und dabei Freundschaften aufbauen, die nicht selten die Betreuungszeit der Kinder überdauern. "Diese Gruppen", weiß Eberle, "sind aber auch ein wichtiges Ergänzungsangebot für die nach wie vor fehlenden Krippenplätze in Schwabing-West".

Umso unverständlicher erscheint der Treff-Leiterin und den Eltern daher eine Forderung, die das Jugendamt seit kurzem erhebt. "Elternorganisierte Spielgruppen", heißt es in einem Schreiben der Behörde an die Gruppen, "benötigen eine pädagogische Fachkraft" - eine Erzieherin oder Sozialpädagogin also. Nur so würden sie "den Anforderungen der Münchner Vereinbarung zum Kinderschutz gerecht". Bis Ende August müsse deshalb eine solche Kraft eingestellt werden. Ansonsten entfielen die Fördervoraussetzungen.

Für Eberle ein Unding. "Die Leiterin unserer Spielgruppen ist keine ausgebildete Pädagogin. Aber sie ist selbst Mutter und macht das super." Die Eltern schätzten und die Kinder liebten Norelis Sanchez. Dreimal drei Stunden umfasst die Betreuung am Ackermannbogen maximal je Spielgruppe, und laut Eberle galt der Fachkraft-Anspruch bislang erst ab einer Betreuungszeit von elf Stunden. "Doch jetzt, da das Thema Kinderschutz so hoch gehängt wurde, scheint eine solche Betreuung auf einmal nicht mehr zu reichen." Kinderschutz sei natürlich wichtig und gut gemeint, meint Eberle. "Aber diese Forderung des Jugendamts schießt meines Erachtens über das Ziel hinaus." Abgesehen davon weiß Eberle nicht, wo der Ackermannbogen-Verein überhaupt eine Erzieherin herbekommen soll. "Es gibt auf dem Arbeitsmarkt schlichtweg keine qualifizierten Fachkräfte, schon gar nicht für ein paar Stunden pro Woche."

Der Verein bittet deshalb dringend darum, dass die Behörde ihre Vorgabe wieder zurücknimmt. Unterstützung erhält er dabei vom Bezirksausschuss Schwabing-West und vom Kleinkindertagesstättenverein (KKT).

Betreuung funktioniert seit Jahren gut

"Der KKT setzt sich als Dachverband seit fast 50 Jahren für die Interessen der von Eltern selbst organisierten Kinderbetreuung in München ein", erläutert Ursula Baumgartner vom Vorstand des KKT. Für Spielgruppen wie die am Ackermannbogen, weiß sie, ist noch nicht einmal eine Betriebserlaubnis notwendig. "Und auch die Betreuung der Kinder mit dafür geeigneten Personen, die keine formale Qualifikation haben, war in solchen Gruppen in der Vergangenheit stets möglich." Zumal diese Betreuungspersonen "immer an den zahlreichen pädagogischen Fortbildungsangeboten des KKT teilgenommen" hätten, auch an speziellen zum Kinderschutz.

"Warum das nun nach vielen Jahren einer gut funktionierenden Arbeit plötzlich anders sein soll oder muss, ist auch für uns nicht nachvollziehbar", kritisiert Baumgartner. Weder habe es seit Existenz der Spielgruppen einen Vorfall gegeben, dass man sagen könnte, man müsse da nachjustieren. Noch sei dieses Thema bei den regelmäßigen Treffen zwischen KKT, Jugendamt und Referat für Bildung und Sport jemals zur Sprache gekommen."

Die stadtweit sechs Spielgruppen mit ihren insgesamt 60 Plätzen aber, die von dieser neuen Regelung betroffen wären, "sind jetzt alle aufgeschreckt und wissen nicht, was sie machen sollen", sagt Baumgartner. Der Kleinkindertagesstättenverein hat deshalb bereits Kontakt mit dem Jugendamt aufgenommen.

Dort betont man, die Vorgaben seien nicht neu. "Dass in allen Spielgruppen von Eltern-Kind-Initiativen, die vom Stadtjugendamt München bezuschusst werden, eine pädagogische Fachkraft und eine pädagogische Ergänzungskraft tätig sein sollen, steht schon in den Fördervoraussetzungen aus dem Jahr 2019", erklärt Edith Petry, stellvertretende Pressesprecherin des Sozialreferats. Nur seien jetzt "im Zuge einer Umstrukturierung der Fachstelle Elternorganisierte Spielgruppen im Stadtjugendamt verwaltungstechnische Abläufe und Grundsatzthemen wie Kinderschutz nach und nach überprüft" worden. Und dabei habe sich eben herausgestellt, dass sechs Spielgruppen keine pädagogischen Fachkräfte beschäftigten.

Dennoch: Es liege, sagt Petry, "im ausdrücklichen Interesse des Stadtjugendamts, diese Kinderbetreuungsplätze in den betroffenen Spielgruppen zu erhalten". Deshalb sei die Behörde "bereit, mit dem KKT für die betroffenen Spielgruppen ein Pilotprojekt zu starten". Die Forderung ist eine "Hotline": Beim KKT soll künftig während der Öffnungszeiten der Spielgruppen jederzeit jemand speziell für Kinderschutzfragen erreichbar sein. Um im Akutfall unterstützen und beraten zu können. "Wir sind in Verhandlungen, wie man das sicherstellt", erklärt Baumgartner. Außerdem müsse der Kleinkindertagesstättenverein das bestehende Beratungskonzept noch einmal überarbeiten - um den Bedenken das Jugendamtes gerecht zu werden.

© SZ vom 19.07.2021/vewo
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