Jedem, der eintritt, prostet ein Hirsch zu. Einen strengen Blick in den Augen und ein Cocktailglas in die Hufe hat sein Maler ihm gegeben. „Prosit“, scheint das Wild zu grummeln – oder vielleicht doch eher „Jámas!“: Der Jennerwein, an dessen Wand das Bild hängt, ist nämlich neuerdings in den griechischen Händen der „zwei Elenas“. So stellen sich die besten Freundinnen Elena Gargouta und Elena Goulioti vor, die die Kultkneipe an der Belgradstraße seit Dezember pachten.
Es sind keine kleinen gastronomischen Fußstapfen, in die sie treten: Der Jennerwein ist ein Ort, den man als junge Münchnerin vor allem aus den Erzählungen der Älteren kennt. Der die Eltern sentimental seufzen lässt, wenn man daran vorbeikommt. „Manchmal saß da sogar der Ude als Student!“, weiß der Vater über den Alt-Oberbürgermeister zu berichten. „Ja, ja, die Achtziger waren aber auch Zeiten …“, schwärmt die Mutter. Der letzte Wirt, der diesen sagenumwobenen Kultstatus des alten Jennerweins im alten Schwabing mit Leib, Seele und später mit Löwenbräu-Sponsoring aufrechterhielt, hieß Bernhard Steinweg. Der hörte vor sechs Jahren auf. 2021 versuchte Szene-Gastronom Thomas Welcker sein Glück, scheiterte aber an Lärmbeschwerden und Pandemie.
Wie schwer wiegt das klebrige, aber kultige Erbe des Jennerweins auf den Schultern der neuen Betreiberinnen? „Ich sage immer: Damals war der alte Jennerwein. Jetzt ist der neue“, antwortet Elena Gargouta. Dann öffnet sie einen „griechischen Wein“, der genau als solcher auf der Karte angepriesen wird (7,80 Euro). Außerdem empfehlenswert: Gin Tonic (9,50 Euro) und Hugo (7,70 Euro), bei dem am Sirup nicht gespart wird, die Käseplatte, die es aber nur manchmal gibt, und der zuckersüße Kakao (4,50 Euro). Den kann man hier vor allem tagsüber, aber an einem verschneiten Sonntagabend auch um 21.30 Uhr genießen. „Jedem, wie er mog!“, ist alles, was die Griechin Gargouta auf Bairisch zu der abwegigen Bestellung sagt.
Der Boazn-Geruch, der ist jahrzehntealt, aber die Wände sind neu gestrichen. Grün sind sie jetzt. Neben dem Hirsch hängen Che Guevara, Fotos vom Mittelmeer und Plaketten: „Don’t forget to smile“ steht da, oder „No Wifi, talk to each other“. Es sind Wände, die Botschaften vermitteln sollen. Wenn sie wirklich sprechen könnten, dann hätten sie viel zu erzählen aus 64 Jahren Jennerwein-Historie. Sie würden wahrscheinlich fragen, wohin die Geweihe verschwunden sind, aus dieser knapp 50 Quadratmeter großen Kneipe. Und was der neue Jennerwein noch mit dem Namensgeber, einem bayerischen Wildschützen, gemein hat. Die kurze Antwort: nichts. Die längere gibt ein Stammkunde, der sich zu einem setzt, als der Abend später wird.


„Wissen Sie, es geht um an Lebensg’fühl“, sagt der bärtige Mann im Sweatshirt. „Da Jennerwein am Tegernsee, der war für die Armen do.“ Umstritten und unbelegt, aber sei’s drum. Die Bar hier, die sei zwar anders als früher, aber immer noch recht preiswert, offen für alle, und die neuen Betreiberinnen, die machten das „suppa“.
Auf dem braunen Holztisch, den man sich nun mit dem Stammgast teilt, steht eine künstliche Topfpflanze von Ikea. „Fejka“ heißt sie laut Warenkatalog, was ausgesprochen klingt wie „Faker“. Programmatischer Name für Plastikbotanik. Und der neue Jennerwein, ist der auch fake, ein Imitat? Eigentlich tut man der Kneipe allein mit dieser Frage, mit dieser ständigen nostalgischen Vergleicherei Unrecht. Die „zwei Elenas“ sind motiviert, ihr Service hervorragend, ihre Wandbehängung Geschmackssache, aber originell. Was soll daran verkehrt sein?
Jennerwein, Belgradstraße 27, Öffnungszeiten: täglich von 15 bis 1 Uhr

