Il BorgoAmore für den Italiener um die Ecke

Lesezeit: 4 Min.

Beim Coda di Bue, einem ausgelösten Ochsenschwanz in eigenem Jus mit Wurzelgemüse, wissen die Köche auch sehr genau, was sie da tun.
Beim Coda di Bue, einem ausgelösten Ochsenschwanz in eigenem Jus mit Wurzelgemüse, wissen die Köche auch sehr genau, was sie da tun.
Stephan Rumpf

Im Il Borgo kocht man seit Jahrzehnten vorzüglich und erfindet sich immer wieder neu – auch nach einem Generationenwechsel. Dahinschmelzen kann man in dem Restaurant nicht nur beim Flan di Spinaci mit Trüffel.

Von Rosa Marín

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Glücklich dürfen sich all jene Menschen schätzen, die einen „Italiener um die Ecke“ haben. Einen Italiener, der Herz und Magen erwärmt, bei dem man sich con molto piacere wie Zuhause fühlt – der einem aber nie langweilig wird. Pizza, Pasta, Pinsa, damit kommen viele italienische Restaurants in München seit vielen Jahrzehnten ziemlich gut über die Runden und verteilen sich a la Pulpo krakenmäßig über das gesamte Stadtgebiet.

Ein Italiener aber, der sich mit großem Stolz auf höchstem Niveau immer wieder neu erfindet, bei dem es Ehrensache ist, sich keine Delle bei Qualität und Service zu leisten, das ist das Il Borgo an der Ecke Georgen- und Winzererstraße. Ein richtiger Italiener an der Ecke also, zu dem ein sehr geschätzter Kollege von Rosa Marín gar Heimatgefühle entwickelt hat. Seit 20 Jahren wohnt er hier in der Nachbarschaft, an der Grenze von Maxvorstadt und Schwabing-West. Er diniert regelmäßig bei Gianluca und Vito. Und obwohl dieser Kollege ein ziemlich kritischer Zeitgenosse ist, leuchten seine Augen, wenn er von diesem, seinem Italiener um die Ecke spricht. Er schwört dann auch assolutamente glaubhaft, in all den Jahren dort kein einziges Mal schlecht gegessen zu haben.

Ein Grund für Rosa Marín, sich diesen mirakulösen Italiener genauer anzuschauen. Es ist viel passiert, der Sohn hat das Lokal vom Vater übernommen. Ist der hohe Anspruch des Padrone geblieben?

Das Il Borgo empfängt seine Gäste mit offenen Armen. Im Schnitt gut fünf Kellner kümmern sich subito um die Gäste. Der Service ist über den ganzen Abend aufmerksam und gleichzeitig lässig unaufdringlich. Personalmangel wie sonst überall in der Gastronomie scheint für Gianluca Doino, den jungen Wirt, ein Fremdwort zu sein.

Ein besonderer Moment für Rosa Marín war es, als gleich anfangs das, was man in anderen Restaurants „Gruß aus der Küche“ nennt, auf den Tisch kam. Ein zauberhaftes Schälchen mit Pastina, einer Brühe alla nonna mit Passatelle. Das duftete wie mittags in einem Hotel mit Vollpension am Adriastrand, damals mit der Familie im Urlaub, wo man mit Sonnenbrand und Sand unter den Fußsohlen hibbelte, bald wieder raus an den Strand zu den Sandburgen zu dürfen.

Und dann ging es Schlag auf Schlag auf Schlag, Piatto auf Piatto, Teller auf Teller, einer besser als der andere. Tadellos das Entrée mit Ancelin-Austern aus der Bretagne, Größe No. 3, serviert mit einer Schalotten-Vinaigrette, kühl und mit Duft nach Meeresbrise, 4,50 Euro das Stück.

Täglich bietet man im Il Borgo ein Fünf-Gänge-Degustationsmenue an, es wird täglich der Küchen-Orga angepasst und kostet 84 Euro pro Person. Die Runde um Rosa Marín entschied sich jedoch, einzeln aus den Köstlichkeiten der kleinen, überschaubaren Karte auszusuchen. Und hier liegt wohl eines der Geheimrezepte der Küche. Man übt nicht unendlich viele neue Rezepte ein, sondern bleibt bei den Klassikern und verfeinert sie über die Jahre.

Inhaber Gianluca Doino führt das Il Borgo in der zweiten Generation, sein Vater hat es vor 37 Jahren eröffnet.
Inhaber Gianluca Doino führt das Il Borgo in der zweiten Generation, sein Vater hat es vor 37 Jahren eröffnet.
Stephan Rumpf
Flan di Spinaci mit Taleggiokäsecreme und schwarzem Trüffel.
Flan di Spinaci mit Taleggiokäsecreme und schwarzem Trüffel.
Stephan Rumpf

Bei den Antipasti vor allem der ganz wunderbare Flan di Spinaci (29 Euro mit schwarzen, 47 mit weißem Trüffel). „Warm, weich, wohlig“ schmolz die Freundin am Tisch dahin – und in der Tat: dieser Spinatflan mit samtiger Taleggiokäsecreme und einem pochierten Ei, das sich darunterschmiegt, macht süchtig. Eine Konsistenz zwischen sämig und flüssig, im Kontrast dann aber fluffig, dazu reichlich Trüffelhobel.

Nichts zu mäkeln, ganz im Gegenteil, hatte der italoaffine weitere Mittester am Tisch: Die Linguine Vongole (23 Euro) wurden als reichliche Portion aufgetragen. Al punto der Garzustand der Nudel, die Venusmuscheln samt Minitomaten großzügig bemessen. Ein Duetto di Tonno (23 Euro) wusste ebenso zu überzeugen: Ungewöhnlich grobstückig ward der kühle Thunfisch geschnitten, allerschönst angerichtet mit Algen, Avocado-Mango und confierten roten Zwiebeln. Lediglich Salz fehlte hier ein wenig. Der Zuppa des Hauses, an diesem Abend eine Kastaniencremesuppe (13 Euro), fehlte es ein wenig an Tiefe, der Mittester vermisste das Erdige, der Rotweinschaum obenauf schmeckte nicht vor.

Sehr gemütlich und gleichzeitig dekorativ ist das Lokal mit alten Kacheln aus Capri und moderner Glasbild-Kunst mit bunten Flaschen großflächig an der Wand. Die Gäste: Schwabinger, Nachbarn, Juristen, Fußballmanager, ab und zu mal ein mehr oder weniger berühmter Mensch aus der Musikindustrie. Immer wieder wird ein Fisch in Alufolie vorbeigetragen, etwa ein Branzino al Sale (78 Euro für zwei Personen) ein Loup de Mer in Salzkuste, der dann kunstvoll filettiert wird. Ebenso die Seezunge vom Grill (43 Euro) mit Salat oder Gemüse.

Branzino al Sale,  Loup de mer in Salzkruste, fein filettiert.
Branzino al Sale,  Loup de mer in Salzkruste, fein filettiert.
Stephan Rumpf

Rosa Marín und ihrer Mittester hielten sich an diesem kalten Winterabend jedoch an die Menü-Abteilung Carne: etwa Fegato di Vitello (35) mit Butter und Salbei sowie Quittenkompott und Kartoffelgratin (35), allerschönst angerichtet und dekoriert auf schmalem weißen Porzellan. Es schmeckte ausgezeichnet, war saftig und die gegensätzliche Geschmackskombination mit Quitte harmonierte aufs Feinste.

Beim Coda di Bue, einem ausgelösten Ochsenschwanz in eigenem Jus mit Wurzelgemüse (35 Euro) wussten die Köche auch sehr genau, was sie da taten. Butterweich das Fleisch, das Kartoffelpüree trumpfte mit einer feinen Haselnussnote auf. Ein klassisches Gericht, dem die Küchenkünstler im Il Borgo eine neue Note verliehen hatten. Das Filetto di Manzo, Rinderfilet unter Mandel-Parmesankruste (46 Euro), Cardnellipilzen samt superfrischem grünem Pfeffer war zart rosa, wie es sich gehört.

Ein schöner Abschuss: Tiramisu Natalizio und Tortino al Cioccolato.
Ein schöner Abschuss: Tiramisu Natalizio und Tortino al Cioccolato.
Stephan Rumpf

Die tagesaktuellen Weinempfehlungen und die Weinkarte sind vielfältig und verlockend und die Atmosphäre wunderbar. Was will man mehr? Ein Dessert natürlich. Etwa ein Semifreddo, Halbgefrorenes aus Pistazie und Zitronencreme (15 Euro), leicht und gar nicht so süß wie gedacht. Zuckrig glücklich hingegen macht die Pralina Frutta di Bosco (14) mit sehr dunkler Schokolade, Waldbeeren-Mascarpone-Creme und Joghurteis. Ein schöner Abschluss.

Il Borgo, Georgenstraße 144, 80797 München, Telefon 089/1292119, www.il-borgo.de, Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 12 bis 14.30 Uhr & 18 bis 23.30 Uhr, Samstag 18 bis 23.30 Uhr, Sonntag, Montag geschlossen.

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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