Grundwasser-Flut am Biederstein:Schwabing unter Wasser

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Grundwasser-Flut am Biederstein: Im alten Schwimmbad an der Genter Straße läuft die Wasserpumpe ohne Unterlass.

Im alten Schwimmbad an der Genter Straße läuft die Wasserpumpe ohne Unterlass.

(Foto: Stephan Rumpf)

Trotz vieler Versprechungen, trotz eines einstimmigen Landtagsbeschlusses: Noch immer sind die Keller und Garagen von 40 Häusern rund um die Genter Straße vollgelaufen. Die versprochenen Soforthilfen? Gab es nicht. Enttäuschung und Wut macht sich breit.

Von Nicole Graner

Wieder ist ein Jahr vergangen. Und noch immer steht Wasser in den Kellern von 40 Schwabinger Häusern zwischen dem Mittleren Ring im Süden und dem Karl-Arnold-Weg im Norden. Und noch immer hört man es plätschern. Im alten Schwimmbad und im Heizungskeller des 1972 von Architekt Otto Steidle gebauten Baudenkmals Genter Straße 13 a-f läuft die Wasserpumpe ohne Unterlass.

Die Anwohner nehmen das Geräusch kaum mehr wahr. Es gehört schon lange zu ihrem Alltag. Seit Juni 2020 ist das so. Das macht alle, die dort leben, mürbe. Mehr noch. Es geht an die Substanz der Menschen, die dafür kämpfen, dass sich etwas ändert.

Schnelle Hilfe hat die Interessengemeinschaft (IG) Grundwasser gefordert. Sie hat eine Petition gestartet, die der Umweltausschuss im bayerischen Landtag - und das ist selten - einstimmig unterstützt. Doch die Stadt München und das Referat für Klima und Umweltschutz (RKU) suchen, während das Wasser plätschert und plätschert, noch immer nach den Ursachen. Gutachter der Interessengemeinschaft, Gutachter der Stadt analysieren.

Grundwasser-Flut am Biederstein: Leben mit Wasser im Keller und in der Tiefgarage: Alltag in der betroffenen Biedersteiner Siedlung.

Leben mit Wasser im Keller und in der Tiefgarage: Alltag in der betroffenen Biedersteiner Siedlung.

(Foto: Catherina Hess)

Regelmäßig sieht man als Spaziergänger Wagen der Münchner Stadtentwässerung (MSE) am Karl-Arnold-Weg und im Englischen Garten. Sie entnehmen Proben, untersuchen Wasserstände. Und auch ein noch laufendes Mediationsverfahren zwischen Stadt und IG hat noch keine Verbesserung der Lage gebracht - auch wenn das Wasser gerade witterungsbedingt etwas zurückgegangen ist.

"Egal, wer schuld ist, wir wollen Soforthilfe", sagt IG-Sprecherin Franziska von Gagern. Und sie fügt hinzu: "Von diesen Sofortmaßnahmen sprechen wir jetzt seit eineinhalb Jahren." Sofort heiße für sie, dass die Stadt solange das Wasser abpumpe, bis "eine große Lösung" gefunden sei. Enttäuschung und auch Wut schwingen in ihrer Stimme mit.

Vielleicht ist die Schwarze Lacke undicht

An dem fünf Meter tiefen und drei Meter breiten Regenauslasskanal, der unter dem Karl-Arnold-Weg verläuft und wie ein unterirdischer Staudamm wirkt, staut sich das von Südwesten fließende Grundwasser an der Kanalmauer. Eine Lesart, die Gutachter der IG bestätigt haben. Auch könnte das Bachbett der Schwarzen Lacke zwischen Amsterdamer Straße und Genter Straße vielleicht doch undicht sein.

In der jüngsten Umweltausschuss-Sitzung des Landtags, die öffentlich gestreamt wurde, wies Christian Hierneis (Grüne) darauf hin: Zwei Abfluss-Untersuchungen des Wasserwirtschaftsamtes (WWA) hätten ergeben, dass an einer Stelle 60 bis 140 Liter Wasser pro Sekunde fehlten. Das Gremium beschloss, dass dem Umweltausschuss weitere "Ergebnisse und Konsequenzen, die sich aus der Untersuchung der potenziellen Exfiltration aus der Schwarzen Lacke ergeben", vorzulegen seien.

Auch wurde im Mediationsverfahren vereinbart, die Düker im Regenauslasskanal zu überpumpen, also das viele Grundwasser im Anstaubereich über den Kanal zu pumpen. Auch da forderte der Umweltausschuss, dass die Ergebnisse vorgelegt werden - wie auch eine konkrete Planung "zur vollständigen Umsetzung der Petition". Wie das RKU mitteilt, laufe "aktuell eine Fachplanung" zu den Überpumpungsversuchen durch ein Ingenieurbüro. Danach würden die Ergebnisse den am Mediationsverfahren beteiligten Gutachtern und dem WWA vorgelegt.

Michael Haug vom Bayerischen Umweltministerium erklärte in der Sitzung, die Stadt München sei "nicht bereit, außerhalb der Rechtspflicht tätig zu werden". Hinsichtlich der Abhilfemaßnahmen beruhe die weitere Entwicklung nur auf dem Mediationsverfahren. Und er fügte an, dass "unabhängig vom Mediationsverfahren" die Staatsregierung keine weitere Bereitschaft der Stadt München habe herbeiführen können.

Die Pumpversuche sind für das erste Quartal 2022 geplant. Ob das dann auch gemacht wird, hängt nicht zuletzt von der Finanzierung ab. Genau darüber muss der Stadtrat aber noch entscheiden. Wann das ist, steht noch nicht fest. "Wenn die Finanzierung für die Pumpversuche durch den Stadtrat nicht steht", sagt Franzika von Gagern, "fangen wir wieder von vorne an".

Der Landtag fühlt sich von den Behörden "ignoriert"

"Das alles ist ein Drama" sagt Grünen-Politiker Christian Hierneis. Nichts Konkretes sei geschehen, um den Anwohnern schnell zu helfen. Auch fühle sich der Landtag von den Behörden und der Stadt München "ignoriert". Dabei wollen Landtag, Stadtrat und auch der Bezirksausschuss Schwabing-Freimann eine Lösung. Letzterer hat einmal mehr im Dezember in einem Beschluss gefordert, eine "Lösung der Grundwasserproblematik Genter Straße voranzutreiben und keine weitere zeitliche Verzögerung mehr zuzulassen".

Die Auen-Siedlung in Freimann, die Schillerstraße im Stadtzentrum - Grundwasserprobleme gibt es in der Stadt immer häufiger. Auch darauf verweist der Grünen-Sprecher im Landtag und fordert neue Grundwassermodelle, die sich der aktuellen Situation der Stadt anpassen.

Grundwasser-Flut am Biederstein: Nur scheinbare Idylle an der Genter Straße in Schwabing: Franziska von Gagern lassen die Sorgen nicht los.

Nur scheinbare Idylle an der Genter Straße in Schwabing: Franziska von Gagern lassen die Sorgen nicht los.

(Foto: Privat)

Franziska von Gagern kann nicht anders. Sie empfindet die andauernden Verzögerungen als klare "Hinhaltetaktik". Die IG überlege sich daher, sich mit anderen Betroffenen in der Stadt zu einem Verein zusammenzuschließen. "Ein Machtwort", sagt Christian Hierneis, müsse jetzt der Oberbürgermeister sprechen.

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