Schwabing:Die "Münchner Gehwegplatte" ist identitätsstiftend

Abendstimmung in München, 2018

Geschmähte Betonplatten: Dabei kann die Münchner Gehwegplatte durchaus auch mal stimmungsvoll daherkommen.

(Foto: Florian Peljak)

Dennoch schielen Lokalpolitiker bei der Frage nach dem richtigen Bodenbelag immer öfter nach Berlin. Dort kann man auf Bischofsmützen oder Schweinebäuchen flanieren.

Von Stefan Mühleisen

Jeder kennt sie, den meisten ist sie aber piepegal, sie trampeln einfach auf ihr herum: die Münchner Gehwegplatte. Wahrscheinlich liegt es am bescheidenen Design dieser immer gleichen, 35 mal 35 Zentimeter großen Beton-Quadrate - jedenfalls ist wenigen Münchnern und wohl kaum einem München-Besucher bewusst, dass alle Welt, ob in der City oder am Stadtrand, ständig achtlos über einen Markenkern der Stadt latscht, der nicht ohne Grund das Prädikat "Münchner" trägt. Denn "die Münchner Gehwegplatte ist ein identitätsstiftendes Erkennungsmerkmal des öffentlichen Straßennetzes/-geflechts", wie das städtische Baureferat schon vor Jahren Schwabinger und Freimanner Politikern beschieden hat.

Diese hatten Zweifel an dem ästhetischen Ideal angemeldet - und nun treten sie nach. Die Münchner Gehwegplatte müsse endlich einmal "in ihrer Absolutheit" in Frage gestellt werden, forderte SPD-Planungssprecherin Petra Piloty im Bezirksausschuss und ließ Unverständnis darüber erkennen, dass das Baureferat die Platte so vehement verteidige. Auf ihre Initiative hin fordert das Gremium nun "eine neue Pflasterkultur" auf dem Baugebiet der ehemaligen Bayernkaserne.

Es ist ein neuer Anlauf, bei Neubaugebieten zumindest oberflächlich etwas anderes zu wagen. Schon beim Domagkpark-Projekt, auf dem Areal der Funkkaserne erbaut, regte das Lokalgremium "den Verzicht auf die Münchner Gehwegplatte" an. Allein, es half nichts. Neben dem Baureferat ist übrigens auch der Baustoffhandel ein großer Bewunderer dieses platten Stücks München. "Ein Klassiker!", rühmt eine Firma die Münchner Gehwegplatte auf ihrer Internetseite, geradlinig und kantig sei sie, zumal ohne Fase, also ohne abgeschrägte Kante.

Doch nun rütteln die Lokalpolitiker im Bezirk Schwabing-Freimann erneut an diesem flächendeckend verlegten Alleinstellungsmerkmal der Stadt. Das Gremium schimpft im Antrag auf die "graue eintönige Münchner Beton-Gehwegplatte", die, werde sie standardmäßig auf größeren Flächen von Hauswand bis Bordstein verlegt, "als zubetoniert und trostlos empfunden" werde. Zusammen mit den Asphaltflächen der Straßen entstehe die Anmutung "riesiger ungegliederter grauer Seen". Als Kontrast legt das Gremium der Stadtverwaltung die Berliner Verhältnisse als vorbildhaft zu Füßen, eine Stadt offenbar, die in Sachen Gehweg-Genuss als Autorität zu gelten hat: Unterschiedliche Materialien, Farbschattierungen, Plattengrößen und Pflastertechniken gebe es da, schwärmt der Bezirksausschuss.

Tatsächlich bietet die Bundeshauptstadt ihren Passanten eine schrille Trottoir-Kultur. Da kann man auf Bernburger Rogenkalk-Kleinsteinpflaster herumstolpern, auf Bischofsmützen-Betonplatten ausrutschen oder über "Schweinebäuche" flanieren, sauschwere Granitplatten, die an der Unterseite gewölbt sind.

"Hieran sollte man sich bei einem Gestaltungskonzept für die Bayernkaserne, und möglichst auch anderen Stadtentwicklungsgebieten, orientieren - gerne auch unter teilweiser Verwendung der Münchner Gehwegplatte", raten die Stadtviertelpolitiker. Und zwar schon aus gesundheitlichen Gründen, wie sich der finale Schlag wider die Münchner Gehwegplatte nicht zuletzt verstehen lässt: Bodenbeläge seien bezüglich der Qualität des Stadtbildes ein wesentlicher Faktor, "der über das Wohlbefinden der Bevölkerung in ihrer Stadt entscheidet".

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