Süddeutsche Zeitung

Friesische Teestube in Schwabing:"Ich bin wehmütig, aber höre mit einem zufriedenen Gefühl auf"

Oswald Telfser hat die Friesische Teestube am Pündterplatz zugesperrt. 44 Jahre lang bot sie den Schwabingern eine Oase jenseits der Alltagshektik, auch weil keine der Uhren je richtig ging.

"Frische Waffeln". Das Angebot steht in leuchtend blauer, geschwungener Schrift auf einer großen Schiefertafel. Ob mit Puderzucker oder frischen Früchten - in der Friesischen Teestube am Pündterplatz in Schwabing waren diese Waffeln heiß geliebt. Doch Oswald Telfser wird die Tafel nie wieder in das Fenster der Teestube stellen. Auch wenn sie noch griffbereit an der Wand lehnt. Nach 44 Jahren machen er und seine Frau, Kerstin Förster, das beliebte Schwabinger Wohnzimmer zu. Aus gesundheitlichen Gründen, wie beide sagen. Die letzten zehn Jahre hätten doch Spuren hinterlassen. Die Miete von 1800 Euro zusammen zu bekommen, ständig vor Ort zu sein, sich immer Neues zu überlegen, um die schnelllebigen Zeiten zu überdauern.

Doch zurück in die Vergangenheit. Oswald Telfser sitzt auf einem der letzten großen Stühle mit breiten Armlehnen. Und blickt in den leeren Raum, der eigentlich seine Heimat war. Gleich sollen die Entrümpler kommen. Die meisten Möbel, die "Ossi", wie er liebevoll von seiner Schwabinger Kundschaft genannt wurde, mit seinem Freund "Mac" Wilken in Antikläden an der Belgradstraße gekauft hatte, sind schon verschenkt. Wie die Bilder, die Gläser und die berühmten Teetassen mit der friesischen Rose. "Ja", sagt er leise, "diese Tassen. Davon haben wir jetzt nur noch zwei - und die behalten wir. Als Erinnerung." Telfser hat viele Erinnerungen. "Vor allem schöne", sagt er und lässt, wie so oft im Gespräch, seinen Blick schweifen. So als ob er in Gedanken noch einmal all die Jahre Revue passieren lassen wollte. Von den Erinnerungen zehre er jetzt. "Ich bin wehmütig, aber höre mit einem zufriedenen Gefühl auf."

Angefangen hat alles mit einer Reise. Was heißt, einer. Telfser, Konditor in einem Geschäft an der Belgradstraße, liebte es, die Welt zu erkunden. Das Geld, das er verdiente, sparte er für den nächsten Flug. Irgendwohin. 1975 landete er auf Barbados. Dort lernte er Mac Wilken kennen. Aus der Bekanntschaft wurde Freundschaft. Und aus der Idee, die beide auf dem Rückflug von Barbados nach Luxemburg erträumten, wurde Wirklichkeit: Mac, Ostfriese, und Ossi, Südtiroler, eröffneten eine Teestube mitten in Schwabing. Das Ziel: "Wieder Geld verdienen für die nächste Reise", erzählt der 68-jährige Ossi. "Einer war hier, einer war unterwegs - das klappte wunderbar!" Überhaupt sei diese Freundschaft ein großes Geschenk gewesen. Im Jahr 2002 hörte Mac Wilken in der Teestube auf, weil er Vater wurde und aus München wegzog.

Was war das für ein Raum! Früher. Die ockergelbe Wandfarbe auf rauem Putz ist zu einem staubigen Dunkelgelb geworden. Aber das ist egal. Denn man hat den hohen Raum noch immer so vor Augen, wie er war. Mit echten, gemusterten Teppichen, verschiedenen Sitzgruppen mit ausladenden Stühlen und Sofas - Glanzstück das hohe Sofa mit großer Rückenlehne und rotem Samtbezug. Stammgäste hatten ihren Stammplatz. Am liebsten im Rundbogen. "Da kam jeden Sonntag um 14 Uhr ein Mann", erinnert sich Telfser. "Er blieb bis 22 Uhr, trank Tee, aß Kuchen, trank Tee - und führte mit den Gästen immer neue Gespräche." Und da war der Tisch eins. Punkt zehn Uhr trafen sich samstags immer sechs bis zehn Leute zum Frühstück. Pärchen seien das gewesen, ergänzt Kerstin Förster, die ihren Ossi in der Teestube kennengelernt, für ihn dort gearbeitet und ihn 1991 geheiratet hat. "Diese Pärchen sind nicht mehr zusammen, aber wir."

Alles hatte in der Teestube seinen Rhythmus. Das Kommen: Man betrat den Raum. Alle Gäste blickten zur Tür, um sich dann wieder Gesprächen zu widmen, der Zeitung oder einem Buch. Man suchte leise, fast ehrfürchtig einen Sitzplatz. Das Bleiben: leises Gemurmel bei klassischer Musik und vielen Tassen Tee, immer warm auf einem Stövchen. 140 Sorten gab es. Ein paar davon stehen noch in Dosen im sonst leeren Küchenregal. Zum Beispiel die Nummer 100: Brombeere. Oder die Nummer 27: China Jasmin. Als Gast aß man Kuchen. Vielleicht sogar zwei Stück. Denn Ossis berühmter Schokokuchen mit Baileys Irish Cream musste probiert werden. "Ja", sagt Telfser und schmunzelt, "da war es schon von Vorteil, dass ich backen konnte". Man blieb. Immer länger als gedacht. Bestellte noch einen Toast Hawaii, verlor die Zeit. Die Uhren in der Teestube gingen übrigens nie. "Hier war ein zeitloser Raum, eine Oase der Ruhe", beschreibt der 68-Jährige. Man trank Tee, vergaß die Welt, die Zeit und alles, was einen beschwerte. Man begegnete Menschen, kam ins Gespräch. Man traf sich wieder. Das Gehen: Es fiel stets schwer. Aber man ging erholter als man gekommen war. Irgendwie leichteren Schritts.

Gemütlichkeit, Ruhe und die Kunst des In-den-Tag-Hineinlebens - die Teestube entzog den Gast dem Alltagsstrudel. Viele kamen. Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Christian Ude hatte in seiner Studienzeit oft dort gefrühstückt, und auch nach seiner Zeit im Rathaus führte er viele Interviews am Pündterplatz. Amelie Fried, Dominik Graf, sogar Rainer Werner Fassbinder waren Telfsers Gäste. Und an eine Schauspielerin kann sich Ossi noch besonders gut erinnern: Nastassja Kinski. Ein Lächeln geht über das ganze Gesicht des sonst eher stillen Mannes: "So eine hübsche Frau!"

Die letzte Uhr, die noch im Raum steht, geht nach wie vor nicht. Wozu auch? Die Zeit hat auch ohne ihr Ticken Sprünge gemacht und die Friesische Teestube nicht ausgespart: Bald soll in dem Raum, der schon so vieles war - Milchladen, Zeitungskiosk und Antiquitätenladen - ein Künstler-Wohnatelier entstehen. Passt zwar zu Schwabing, aber das Schwabinger Herzstück, jener magische Ort der Zeitlosigkeit, wird fehlen.

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SZ vom 28.05.2020/syn
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