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Schwabing:Fällung, Verdichtung, Vertreibung

Noch gibt es Bäume an der Apianstraße auch im verwunschenen Innenhof.

(Foto: Catherina Hess)

Mietergemeinschaften, Politiker und Verbände solidarisieren sich gegen Bauprojekte zu Lasten von Anwohnern und grünen Innenhöfen

Von Ellen Draxel, Schwabing

So viel Einigkeit ist selten: Politiker aus Stadt, Land und Bund, von CSU und SPD, der Linken, der Grünen und der ÖDP, dazu Vertreter von Naturschutzverbänden und natürlich von vier Schwabinger Mietergemeinschaften als den eigentlichen Initiatoren - sie alle zeigten sich vereint im Protest gegen den "Nachverdichtungswahn", gegen die Vernichtung von Bäumen in Zeiten des Klimawandels, gegen Luxussanierung und Spekulantentum im urbanen Schwabing und darüber hinaus. Am Samstagmittag buchstäblich zusammengetrommelt von "Samba Sole Luna", bekundeten sie und rund 100 solidarische Schwabinger bei einer Kundgebung auf einer kleinen Baumoase an der Ecke Apian- und Herzogstraße ihre Unzufriedenheit mit der Münchner Planung und Politik.

Dass ihr Protest nicht nur der einer kleinen Gruppe ist, machte Bettina Schopis deutlich. Die Sprecherin der Mietergemeinschaft Apian-, Herzog- und Clemensstraße hat Unterschriften gegen die Bebauung des grünen Innenhofes gesammelt, in dem sie und ihre Nachbarn wohnen. Die 2183 Unterzeichner, meinte sie, seien schnell zusammengekommen - weswegen man mit der Aktion irgendwann aufgehört habe. Symbolisch übergab Schopis die Protestpapiere am Samstag den anwesenden Stadtratsmitgliedern. Die zeigten sich solidarisch: Julia Schmitt-Thiel (SPD) etwa berichtete von Gesprächen ihrer Rathausfraktion mit der städtischen Lokalbaukommission zu einem Investorenprojekt im Karree Karl-Theodor-, Ansprenger-, Unertl- und Degenfeldstraße.

Schwabings Mieter machten am Samstag ihrem Unmut Luft.

(Foto: Catherina Hess)

Auch dort soll eine Grünoase im Innenhof Neubauten weichen. "Der Plan, den der Bauträger gemacht hat, wird so aber auf keinen Fall kommen", machte die Stadträtin den Kritikern Mut. Geplant sei stattdessen nun ein runder Tisch, an dem die Versicherungskammer als Eigentümerin, die Politik und Anwohner gemeinsam nach "guten Lösungen" suchen sollten. An die CSU gerichtet rief Schmitt-Thiel dazu auf, den Paragrafen 34 des Baugesetzbuches, der die Nachverdichtung regelt, gemeinsam zu überarbeiten. "Wir brauchen diese Novellierung unbedingt: Wir brauchen die Bäume, die Grünflächen und natürlich Wohnraum, den wir bezahlen können." Die SPD als kleiner Regierungspartner auf Bundesebene könne das allein nicht schaffen.

Mehr als 20 000 verlorene Bäume in zehn Jahren in München, eine im bundesweiten Vergleich hohe Versiegelung der Stadt von jetzt schon nahezu 50 Prozent - Christian Hierneis, der Grünen-Landtagspolitiker und Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Stadt und Landkreis, wies im Schulterschluss mit ÖDP-Stadtrat Tobias Ruff auf die Bedeutung der Grünausstattung für das Klima in der Stadt hin. Nehme das Grün weiterhin im gleichen Tempo ab wie bisher, werde es binnen weniger Jahre im innerstädtischen Bereich bis zu sechs Grad wärmer sein als jetzt - und deutlich wärmer als im weniger versiegelten Umland. Dabei, betonte Hierneis, gebe es durchaus "Lösungen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ohne Grünflächen zu zerstören". Durch die Aufstockung vorhandener Gebäude etwa. Oder indem man auf bereits versiegelten Parkplätzen Häuser errichte. Außerdem brauche München zum Schutz des Grüns dringend Bebauungspläne, in denen festgelegt sei, wo nicht gebaut werden dürfe.

Für Christian Schwarzenberger von der Linken ist "Mieterschutz der beste Baumschutz". Der "Ausspekuliert"-Aktivist weiß von zahlreichen leer stehenden Wohnungen in den Nachbarstraßen der Kundgebung, kennt aber auch teure Penthouse-Planungen in Schwabing, die für die "Reichen dieser Welt" gedacht seien und deren Realisierung auf den Grundstücken abgerissener Altbauten weniger betuchte Menschen vertreibe. Vertreiben lassen musste sich kürzlich auch die in Schwabing ansässige Tierrettung - aus exakt dem Komplex an der Apianstraße, vor dem nun demonstriert wurde.

Die Demonstranten protestieren gegen den "Nahverdichtungswahn".

(Foto: Catherina Hess)

Der tierärztliche Notdienst habe inzwischen neue Büroräume an der nahen Herzogstraße gefunden, sagte dessen Vorsitzende, CSU-Stadträtin Evelyne Menges. Bei vielen anwesenden Schwabingern aber gehe es um den Platz, an dem sie lebten, um ihr Zuhause. "Muss es denn sein, dass hier noch dichter besiedelt wird?", fragte Menges. "Kann die Politik hier nicht ein Augenmaß zustande bringen und festlegen, wo die Verträglichkeit endet?" Schwabing-West sei schon heute der am dichtesten besiedelte Stadtbezirk Münchens, doppelt so dicht besiedelt wie Milbertshofen und dreimal so dicht wie Neuhausen.

"Es reicht", erklärte auch Marina Burwitz, Sprecherin der Mietergemeinschaft Andekat (für Ansprenger-, Degenfeld- und Karl-Theodor-Straße) und Fraktionschefin der Grünen im Bezirksausschuss Schwabing-West. Das "Mantra bauen, bauen, bauen" trotz Klimakrise müsse endlich ein Ende finden. Am Kölner Platz 3 bis 6 hat die Nachverdichtung bereits stattgefunden, der Boden ist versiegelt, die Bäume gefällt. Die dortige Mietergemeinschaft hat sich gleichwohl mit den Schwabinger Nachbarn im Hohenzollernkarree, an der Apian-, Herzog- und Clemensstraße und im Karree Karl-Theodor-, Ansprenger-, Unertl- und Degenfeldstraße solidarisch erklärt, in denen ebenfalls grüne Innenhöfe weichen sollen.

Gut 2000 Unterschriften übergab Mietersprecherin Bettina Schopis (am Mikrofon) den anwesenden Stadträten (von links) Julia Schmitt-Thiel, Evelyne Menges und Tobias Ruff.

(Foto: Ellen Draxel)

Tun könnten alle Bürger etwas, sagte ÖDP-Stadtrat Tobias Ruff, der schon das Volksbegehren "Rettet die Bienen" verfasst hat. Etwa indem sie die derzeit laufenden Bürgerbegehren "Für ein lebenswertes München - Maßlose Nachverdichtung stoppen" und "Grünflächen erhalten" unterstützten. Denn "die Anpassung an süditalienische Klimaverhältnisse innerhalb weniger Jahre", sagte Ruff, "verkraftet unsere Natur nicht".

© SZ vom 19.10.2020
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