Bā Mirano in MünchenWenn bei Hokkaido die rote Sonne im Meer versinkt

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Wohnzimmer-Atmosphäre und Baustellen-Romantik: das Bā Mirano in Schwabing.
Wohnzimmer-Atmosphäre und Baustellen-Romantik: das Bā Mirano in Schwabing. (Foto: Stephan Rumpf)

Das Bā Mirano in Schwabing will italienische und japanische Küche vereinen. Kann das gutgehen?

Von Schalotte Di Cipolla

Was die internationale Küche angeht, hat man in München zum Glück längst die Wahl. Zum Peruaner oder zum Portugiesen, zum Uiguren oder zum Ukrainer? Aber mit der Wahl kommt, genau, die Qual, und hier kommt die weite Welt der Fusion-Küche ins Spiel. Warum sich zwischen Pizza und Teigtaschen, zwischen Pasta und Matcha entscheiden, wenn man auch beides haben kann?

Das ist das Konzept des Bā Mirano an der Schwabinger Wilhelmstraße. Hier wird ein japanisches Omelett mit Tomaten und Burrata zur Pizza belegt, die Carbonara kommt nicht mit Spaghetti, sondern mit dicken Udon-Nudeln, und statt Panna Cotta gibt es „Matcha Cotta“. In Japan hat sich für diese Kombination aus italienischer und japanischer Küche sogar schon ein eigener Begriff etabliert: „Itameshi“, ein Kofferwort aus „Ita“ (Italien) und „Meshi“ (japanisch für Gericht). Auf der Website des Restaurants beschreiben sie es so: „Italienische Lebensfreude vereint mit japanischer Handwerkskunst und Einfachheit.“

Auf den Tischen liegen Stäbchen und Besteck, begrüßt wird man aber weder mit „Ciao“ noch mit „Konnichiwa“. Stattdessen schallt dem Besuch ein fröhliches „Hallo!“ entgegen: Im Bā Mirano herrscht studentische, nordeuropäische Wohnzimmer-Atmosphäre.

Teelichter und Lampions verbreiten gemütliches Licht.
Teelichter und Lampions verbreiten gemütliches Licht. (Foto: Stephan Rumpf)

Das Licht ist gedämpft, auf den Tischen stehen Teelichter. Irgendwie asiatisch sind höchstens die Lampions unter der Decke – wobei man die ja bei jedem Ikea kaufen kann. Obwohl das Restaurant erst wenige Monate geöffnet hat, sind die Tische schon gut belegt, am Wochenende sollte man auf jeden Fall reservieren.

Das dürfte mindestens zum Teil aber auch daran liegen, dass das Bā Mirano auf Tiktok eine gewisse Popularität erlangt hat. Kein Wunder: Japanische Pizza macht auf jeden Fall neugierig. Also haben wir uns einmal quer durch die angenehm kurze Speisekarte gefuttert.

Als Snack zum Aperitif bestellen wir Yuzu Oliven (vier Euro), ein erster Versuch, asiatische und südeuropäische Aromen zu kombinieren. Und kombiniert sind sie auch, es sind eben Oliven, die in der Zitrusfrucht irgendwie mariniert zu sein scheinen. Trotzdem ist aus den beiden Teilen irgendwie kein Ganzes geworden. Zum selbstgebackenen Sauerteigbrot wird Misobutter gereicht (sechs Euro). Aber während wir noch darüber nachdenken, ob Sauerteigbrot wirklich typisch italienisch ist (ist in Italien immerhin nicht unbekannt), haben wir den kleinen Misoklecks schon aufgegessen, und es ist noch viel Brot übrig. Also schnell weiter zu den Antipasti.

Auf der Antipastikarte stehen Kürbis-Carpaccio (vorn), Spinatsalat (hinten links) und Burrata (hinten rechts).
Auf der Antipastikarte stehen Kürbis-Carpaccio (vorn), Spinatsalat (hinten links) und Burrata (hinten rechts). (Foto: Stephan Rumpf/Stephan Rumpf)

Auf Tiktok schwärmten die Nutzer vom Spinatsalat mit Parmesan und Trüffel (neun Euro), und soweit wir das beurteilen können, wird der auch an allen Tischen mindestens einmal bestellt. Die Begeisterung können wir nicht recht teilen. Am Spinat selbst ist nichts auszusetzen, aber echte Trüffel scheint der Salat nicht gesehen zu haben, das Dressing schmeckt intensiv nach Trüffelöl. Der Parmesan ist so fein und gleichmäßig gerieben und noch dazu so wenig aromatisch, dass wir uns des Eindrucks nicht erwehren können, dass er aus der Tüte kommt und nicht frisch gerieben wurde.

Viel besser schmeckt uns das Carpaccio vom Hokkaido (zwölf Euro). Die feinen Kürbisscheiben sind in kräftigem Essig mariniert, dazu passt gut die Ricottacreme mit rosa Beeren. Auf der Karte steht auch noch eine Burrata mit Nori-Algen, die haben wir allerdings nicht probiert, um Platz im Bauch für Pizza und Pasta zu lassen.

„Pikonomiyaki“ nennen sie hier die Kombination aus japanischem Pfannkuchen und Pizza.
„Pikonomiyaki“ nennen sie hier die Kombination aus japanischem Pfannkuchen und Pizza. (Foto: Stephan Rumpf)

„Okonomiyaki“ ist ein japanisches Gericht aus der internationalen Familie der Pfannkuchen, im Bā Mirano wird es mit Pizza-Zutaten zur „Pikonomiyaki“ kombiniert, die in drei verschiedenen Varianten angeboten wird (13 bis 16 Euro).

Wir bestellen eine Diavola mit scharfer Salami und Kimchi. Der Fladen ist deutlich kleiner als eine Pizza, aber dicker, und vor allem: mächtig. Die Kombination aus feurigem Kohl und feuriger Salami funktioniert zwar gut, aber der „Boden“, der Eierfladen ist so reichhaltig, dass wir die Portion nicht einmal zu zweit aufessen wollen. Noch dazu ist der Teller wieder mit dem intensiven Trüffelöl-Dressing dekoriert.

Lieber widmen wir uns darum dem anderen Tiktok-Renner: Udon Carbonara (15 Euro). Das Gericht könnte aber auch heißen: Dekonstruierte Carbonara. In der Mitte das Häuflein Udon-Nudeln, drum herum geröstete Guanciale-Stücke, daneben liegt ein Onsen-Ei und über alles ist wieder der feine Parmesan gestreut, der uns schon beim Spinatsalat verdächtig vorkam.

Dekonstruierte Udon-Carbonara.
Dekonstruierte Udon-Carbonara. (Foto: Stephan Rumpf/Stephan Rumpf)

Es sind also alle Elemente der Carbonara vorhanden. Aber: Kommt der Zauber dieses Klassikers nicht gerade daher, dass all diese Zutaten zusammen etwas Neues, gemeinsames ergeben? Erneut haben wir den Eindruck, dass die einzelnen Teile zwar zusammen serviert werden, aber irgendwie nicht zueinanderfinden wollen. Die Idee ist charmant, aber richtig raffiniert ist das Gericht nicht.

Überzeugend fanden wir dagegen die Furikake All‘Arrabiata (elf Euro). Furikake ist eine in Japan beliebte Gewürzmischung, die oft auf Reis gestreut wird. Hier in der Pasta schmeckt man sie kaum raus, aber zusammen mit der Schärfe der Peperoncini und der Süße der Tomaten ein wirklich rundes Gericht. Und beim Nachtisch hat uns das „Matcha Cotta“ gefallen. Schon Panna Cotta ist ja ein nicht sehr süßes Dessert, mit dem grünen Matcha wird es noch ein bisschen herber, nussiger (acht Euro). Genau der richtige Abschluss nach dem doch insgesamt üppigen Mahl.

Gut, dass das Bā Mirano auch bei den Getränken auf Itameshi setzt – so kann jeder aussuchen, ob er sich beim Verdauen eher von Kombucha und grünem Tee oder einem Negroni helfen lassen möchte.

Bā Mirano, Wilhelmstraße 27, 80801 München, Telefon: 089/ 99852985, Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag 18 Uhr bis 0 Uhr, Freitag und Samstag 18 Uhr bis 1 Uhr.

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderte Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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