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Antisemitismus:Rabbiner-Familie in München bespuckt und beleidigt

Münchner demonstrieren 2018 gegen Antisemitismus. Zum Zeichen der Solidarität tragen viele eine Kippa.

Münchner demonstrieren 2018 gegen Antisemitismus. Zum Zeichen der Solidarität tragen viele eine Kippa.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Ein Mann und eine Frau haben am Samstagnachmittag in München eine Rabbiner-Familie bespuckt und beleidigt.
  • Der Staatsschutz der Polizei ermittelt nun gegen die beiden Täter wegen Volksverhetzung und Beleidigung.
  • In Bayern sind seit April bayernweit bereits 72 judenfeindliche Vorfälle gemeldet worden, 35 allein aus München.

Fast zwei Wochen nach dem antisemitischen Angriff auf den Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal ist es am Wochenende zu einem ähnlichen Vorfall in München gekommen. Ein Münchner Rabbiner und seine zwei Söhne sind am Samstag in München auf offener Straße Opfer von Judenhass geworden. Nach dem Besuch einer Synagoge in Schwabing wurde die Familie beleidigt und bespuckt. Die Polizei schließt nicht aus, dass die beiden Täter - ein hochdeutsch sprechender Mann und eine orientalisch aussehende Frau - unabhängig voneinander auf die jüdische Familie losgingen. Der Angriff ereignete sich am Samstag gegen 14 Uhr an der Ecke Hohenzollern- und Wilhelmstraße.

Die drei Männer, die Kippot auf dem Kopf trugen, wurden zunächst von einem Mann von der gegenüberliegenden Straßenseite antisemitisch beschimpft. Dann ging der Mann davon. Eine bislang ebenfalls unbekannte Frau hatte laut Polizei aus ihrem Auto heraus den Vorfall beobachtet. Nun rief auch sie einem der jungen Männer eine judenfeindliche Bemerkung zu. Der 19-Jährige beugte sich zur Beifahrerseite des Fahrzeugs, um die Frau anzusprechen. Daraufhin wiederholte sie ihre Beleidigung und spuckte ihm aus dem geöffneten Beifahrerfenster ins Gesicht. Dann fuhr sie davon.

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Der Staatsschutz der Polizei ermittelt nun gegen die beiden Täter wegen Volksverhetzung und Beleidigung. Der Mann soll etwa 1,65 Meter groß, kräftig und ungefähr 45 Jahre alt sein. Die Frau aus dem Auto ist etwa 35 Jahre alt und schlank, sie hat schulterlange Haare.

Mehrmals wurden in diesem Jahr schon Provokationen vor der Münchner Hauptsynagoge auf dem Jakobsplatz registriert: laute "Allahu Akbar"-Rufe, ein Auftritt der rechten Bürgerwehr "Wodans Erben Germanien", der Hitlergruß eines 43-Jährigen in Richtung Synagoge, ein Ehepaar, das auf dem Jakobsplatz lautstark eine Jüdin beschimpft. "Sicherheit im öffentlichen Raum, die eigentlich für alle Bürger selbstverständlich sein sollte, rückt gerade für Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in immer weitere Ferne", sagte laut BR die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, nach der Attacke vom Samstag.

"Eine Schande, dass so etwas in unserer Stadt geschieht", twitterte die evangelische Regionalbischöfin Münchens, Susanne Breit-Kessler. Die Attacke sei "widerlich". Als "Angriff auf die ganze Münchner Stadtgesellschaft" wertete der Beauftragte der Staatsregierung gegen Antisemitismus, Ludwig Spaenle, die Attacke gegen den Rabbiner und seine Familie. "Es geht konkret um die Menschenwürde im Alltag."

Wie recht er damit hat, zeigte sich nur wenig später, als bekannt wurde, dass es am Montagabend einen weiteren antisemitischen Vorfall in München gegeben hat, der sich in der Isarvorstadt ereignete. Ins Treppenhaus vor der Wohnung eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde hatten Unbekannte am Montagabend einen Davidstern geschmiert. Eine Warnung?

"Beleidigungen, Beschimpfungen und ähnliche verbale Übergriffe haben wir leider schon öfter erlebt", sagt Charlotte Knobloch. "Die letzten Tage markieren jedoch quantitativ und qualitativ eine neue Dimension."

Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Bayern sind seit April bereits 72 judenfeindliche Vorfälle im Freistaat gemeldet worden, 35 allein aus München. 86 judenfeindliche Straftaten registrierte die Münchner Polizei vergangenes Jahr, darunter eine Serie von 33 Briefen mit antisemitischen Morddrohungen gegen Kindergartenkinder. Im Jahr zuvor waren 51 Fälle von Judenhass in der Kriminalstatistik verzeichnet, 2015 waren es 24. Die Masse antisemitischer Straftaten geht laut Polizei auf das Konto rechtsextremer Täter.

Schmierereien an einem Obermenzinger Mahnmal, Holocaustleugnungen, verbale judenfeindliche Beleidigungen, eine Hetzschrift gegen einen jüdischen Lokalbesitzer - über derartige Vorfälle haben Polizei und Recherchestellen wie Rias und das Aida-Archiv in diesem Jahr berichtet. Und über ein judenfeindliches Video in einer Chat-Gruppe des Unterstützungskommandos (USK) der Polizei. Es gab Drohungen gegen Veranstalter eines Vortrags über "Antisemitismus bei Burschenschaften" und seit März in München Dutzende Drohmails, die sich auch gegen jüdische Persönlichkeiten richten.

Die Absender hetzen - zuletzt erst am Montag - gegen "Untermenschen" und "Ungeziefer", die auf ihren "Todeslisten" verzeichnet seien. Auch die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) war nach Angaben aus dem Innenministerium schon mit der antisemitischen Drohmailserie befasst. Eine Ermittlungseinheit des Berliner Landeskriminalamts fasst inzwischen unter dem Namen "Triangel" alle Fälle der bundesweiten Serie zusammen.

In Berlin war der Rabbiner Teichtal am letzten Juli-Wochenende zu Beginn des Sabbats von zwei Männern auf arabisch beschimpft und bespuckt worden. Teichtal ist Vorsitzender des orthodoxen Jüdischen Bildungszentrums Chabad Lubawitsch in Berlin-Wilmersdorf. Nach der Kippa-Warnung des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, im Mai, hatte er erklärt, "unsere Identität" zu verbergen sei "keine Option".

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