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Schulstart in München:Corona-Warnung noch vor der ersten Stunde

Coronavirus - Schule - Maskenpflicht

Am Dienstag ist Schulstart in Bayern - und vorerst gilt für Kinder ab der fünften Klasse in München Maskenpflicht.

(Foto: dpa)

Für 160 000 Kinder und Jugendliche in München beginnt an diesem Dienstag die Schule. Zwar ist man auf den Unterricht in Pandemiezeiten mittlerweile besser eingestellt, doch Kritiker haben noch vieles zu bemängeln.

Von Ekaterina Kel

Die Fenster stehen weit offen. Ein kühler Luftzug treibt den letzten Muff der vergangenen Ferienwochen aus dem Raum. Cecilia Rompf und Wilhelm Klein stehen einen Tag vor Beginn des neuen Schuljahrs in einem der zehn Klassenräume der privaten Wirtschaftsschule Sabel in der Nähe des Sendlinger Tors und hantieren mit Tablets in dicken, schwarzen Schutzhüllen. Die meisten würden ihre eigenen digitalen Geräte mitbringen, aber für diejenigen, die kein eigenes besitzen, habe die Schule einen Stoß iPads zum Ausleihen bereitgestellt, erzählt die 31-jährige Englischlehrerin Rompf. Denn ohne ist der Schulalltag an der Schule für die Siebt- bis Elftklässler nicht mehr denkbar. Und auch nicht für Lehrerin Rompf.

Für rund 162 500 Schülerinnen und Schüler beginnt diesen Dienstag wieder der Schulalltag in München. 11 450 Kinder werden an den öffentlichen Grundschulen der Stadt eingeschult - 405 mehr als im Vorjahr. Doch das ist nicht die einzige Neuerung in diesem Pandemie-Jahr.

Wie genau die Corona-Regeln an der Schule lauten, bestimmt die Sieben-Tage-Inzidenz. Die Zahl gibt an, wie viele Menschen sich in den vergangenen sieben Tagen mit dem Virus infiziert haben, verteilt auf 100 000 Einwohner. Seit diesem Montag schnellte sie in München wieder in die Höhe, nachdem sie einige Tage unter dem Frühwarnwert von 35 lag, meldete die Stadt nun eine Inzidenz von 39,89.

Damit greift zum Schulstart bereits die zweite Stufe in Bayerns Corona-Schulplan: Auch am Sitzplatz müssen Schüler und Lehrer ab der fünften Klasse einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Darauf hat sich die sogenannte Schulfamilie aus Lehrern, Eltern und Schülern aber ohnehin eingestellt: Für die ersten zwei Schulwochen gilt die Maskenpflicht laut Söder unabhängig vom Inzidenzwert. Sinkt der Inzidenz-Wert danach wieder unter 35, gilt die Maskenpflicht am Platz vorerst nicht mehr (erste Stufe im Plan). Und erst ab dem Wert 50 greift die dritte Stufe: Dann werden die Klassen wieder wie vor den Ferien in Gruppen geteilt und abwechselnd in der Schule oder auf Distanz unterrichtet.

Kritiker des Stufenplans bemängeln die Ausstattung vieler Schulen, nicht nur was Digitalisierung angeht, sondern auch die Belüftungssituation. Die bildungspolitische Sprecherin der SPD/Volt-Stadtratsfraktion Julia Schönfeld-Knor fordert "schon jetzt an den anstehenden Winter zu denken" und Lüftungsanlagen anzuschaffen, um die Infektionsgefahr im Klassenzimmer zu senken. Zudem brauche es "verlässliche Lösungen" für die Eltern, sollten die Schulen doch wieder schließen müssen. Auch Elternverbände befürchten bei Schulschließungen wieder die Last des Distanzunterrichts auf ihren Schultern.

An der Sabel-Schule hat man unter anderem deshalb an der Stundenplan-Struktur festgehalten. Die Kinder und Jugendlichen benötigten die zuverlässigen Abläufe, die sie aus der Schule kannten, sagt Wilhelm Klein, Lehrer für Informationsverarbeitung. An der Privatschule herrschten schon vor der Pandemie sehr gute Bedingungen für einen digitalen Unterricht: In Kleins Unterricht sitzt jeder Schüler vor einem Computer. Zudem habe hier jedes Schulkind eine eigene E-Mail-Adresse von der Schule, einen eigenen Zugang für den Rechner und sogar ein Laufwerk mit eigenem Passwort.

An der privaten Wirtschaftsschule Sabel hat man gute Erfahrungen mit mehreren digitalen Lernplattformen gemacht. Die Lehrer Cecilia Rompf und Wilhelm Klein erklären, wie sie in der Schule Tablets nutzen wollen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Davon konnten vor Corona viele öffentliche Schulen in München nur träumen. An der Mittelschule am Winthirplatz zum Beispiel stand die Lehrerin Franziska Prechtl zu Anfang der Schulschließungen vor der großen Frage, wie sie ihre Schüler überhaupt erreichen könnte, wie sie berichtet. Die 28-Jährige unterrichtet eine Integrationsklasse für Kinder, die erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen sind. Ihr Schwerpunkt: Sprachentwicklung. Etwas, das sich nur spärlich über eine digitale Plattform vermitteln lässt.

"Wir haben davor nur wenig digital gearbeitet", so Prechtl. Ganz am Anfang sei sie einmal die Woche zusammen mit der Sozialpädagogin, die ihr in der Klasse zur Seite steht, aufs Fahrrad gestiegen und habe den Kindern, verteilt auf ganz München, die Aufgaben als Kopienbündel nach Hause gebracht. Mit dem nötigen Abstand, wie sie schildert. Doch als die Anordnung kam, dies sei wegen Infektionsgefahr doch zu gefährlich, musste Prechtl sehr schnell umdenken.

In den Pfingstferien habe sie viel recherchiert. Danach startete sie mit der Unterstützung der Eltern und der Stadt ein Pilotprojekt an der Schule: eine iPad-Klasse. Die Geräte seien vom städtischen Bildungsreferat gekommen, die Ideen - von Prechtl selbst und aus den Webinaren, die sie daraufhin von Zuhause aus belegte. Es musste alles sehr schnell gehen, Prechtl habe für jede Klasse und für jedes Fach einen eigenen virtuellen Zugang per Microsoft Teams angelegt. Darin tauchen nun immer die Übungen und die Regeln auf, die die Schüler beachten müssen. "Meine Schüler haben nur noch ein Schreibheft. Sonst läuft alles digital", erzählt Prechtl.

In den Klassenzimmern gibt es nun "Lerninseln"

Mit dem Schulanfang wird sich für viele Schüler der Alltag ändern: Das Bildungsreferat will die öffentlichen Schulen in München mit den erforderlichen Geräten und Anschlüssen ausstatten und ein Lerntool zur Verfügung stellen. "Ein umfangreiches und praxisorientiertes Qualifizierungsangebot" stehe für die Pädagogen am städtischen Pädagogischen Institut zur Verfügung, heißt es vom Referat. Grundsätzlich sei nun "virtueller Unterricht" von jeder Schule aus möglich. Seit dem Frühjahr seien 6000 Tablets als Leihgeräte beschafft worden, mehr als 2000 weitere Geräte sollen folgen.

"Mein Klassenraum hat sich extrem geändert", sagt Franziska Prechtl. Nun gebe es "lauter Lerninseln", in denen ihre Schüler konzentriert an den digitalen Geräten arbeiteten - auch diese Inseln sollen gegen eine Ansteckung helfen. Den Wortschatz und das Sprechen üben könnten die Mädchen und Jungen mit Kopfhörern. "Es gibt so viele Apps, die das spielerisch gestalten", weiß Franziska Prechtl mittlerweile. Und im Präsenzunterricht habe sie natürlich die Möglichkeit, jeden weiterhin individuell zu fördern.

Ein Jugendlicher vor einem Tablet? Kann das in der Schule gut gehen? Prechtl beruhigt: Als Lehrerin könne sie von einem anderen Computer einsehen, welche Anwendung der Schüler wann verwende, außerdem stünden nur von ihr ausgewählte Apps zur Verfügung. Bisher seien ihre Erfahrungen aber sehr gut gewesen. "Wir haben die Situation als Chance gesehen", so die junge Lehrerin. "Wir wissen, dass wir digitaler werden müssen", nun sei es an der Zeit, zu beweisen, dass sie es könnten.

© SZ vom 08.09.2020/kafe
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