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Bildung:Wie Münchens Schulen digitaler werden sollen

Im Berufsschulzentrum an der Ruppertstraße werden IT-Arbeitsplätze eingerichtet.

(Foto: Robert Haas)

Von Lehrer-Fortbildungen über Leih-Tablets: An den Schulen passiert gerade vieles, damit es nach den Sommerferien besser läuft als davor. Die Umstellung wird trotzdem Jahre dauern.

Von Jakob Wetzel

Es soll nicht wieder so kommen wie im März. Als die Schulen wegen des Coronavirus schließen mussten, hat das viele von ihnen unvorbereitet getroffen. Für richtigen digitalen Fernunterricht fehlten Geräte, Computerprogramme und Konzepte; Dutzende Schulen in München hatten noch nicht einmal einen Breitband-Internetanschluss. Lehrerinnen und Lehrer konnten von zu Hause aus vielfach nicht auf ihre dienstlichen E-Mail-Konten zugreifen oder hatten diese noch nie genutzt. Tausende Münchner Schülerinnen und Schüler hatten offenbar keine technischen Geräte, mit denen sie daheim arbeiten konnten.

Und die vom Kultusministerium empfohlene Online-Plattform Mebis war gleich am ersten Tag überlastet. Am 8. September soll der Unterricht nun wieder beginnen, und zwar möglichst in Präsenzform, also in den Klassenzimmern. Doch wenn sich das Coronavirus weiter ausbreitet und erneut Schulen geschlossen werden müssen, will die Stadt besser vorbereitet sein.

Alles neu im September? Davon kann freilich keine Rede sein. Zum Beginn des neuen Schuljahres werden die meisten Schulen technisch ähnlich dastehen wie bereits vor den Sommerferien - nur soll diesmal von Anfang an alles funktionieren.

Verantwortlich ist dafür die Firma LHM Services (LHM-S), ein Tochterunternehmen der Stadtwerke, das für rund 300 Millionen Euro die Münchner Schulen digital auf Vordermann bringen soll. Rabea Haß leitet hier das Strategische Anforderungsmanagement; ihre Abteilung soll sicherstellen, dass die Schulen genau die Technik bekommen, die sie brauchen. Haß zählt auf, wie die Firma auf die Corona-Krise reagiert habe: Sie habe zum Beispiel 6000 Leih-Tablets angeschafft, um Schülern zu helfen, die zu Hause keinen Rechner nutzen können. "Der Bedarf ist noch höher", sagt Haß. Deshalb seien bereits 2500 weitere Geräte bestellt, womöglich würden es noch mehr.

Die LHM-S hat außerdem für alle Schulen Lizenzen für das Programm "Microsoft Teams" angeschafft, mit dem Lehrer per Videokonferenz unterrichten können; mit Mebis geht das nicht. Dabei gab es aber Bedenken, weil Daten von Jugendlichen und von Kindern auf Firmen-Servern gespeichert werden. Doch es wurde kurzfristig eine funktionierende Lösung gebraucht. Zum Schuljahresende nutzten 196 von 354 Münchner Schulen das Programm, bis dahin wurden Konten für mehr als 90 000 Schüler und fast 17 500 Lehrer angelegt. "Teams" wird auch im nächsten Schuljahr zur Verfügung stehen. Später soll dieses Programm einmal überflüssig sein.

Die LHM-S möchte ein System für digitalen Fernunterricht mit Videokonferenzen aufbauen, bei dem die Daten so weit wie möglich im eigenen Rechenzentrum bleiben. Am Ende soll auch jede Schule lückenlos mit drahtlosem Internet versorgt sein, und jede Lehrerin und jeder Lehrer soll einen persönlichen tragbaren Schulrechner oder ein anderes mobiles Gerät erhalten, mit dem er zum Beispiel die Technik in den Klassenzimmern steuern kann.

"Wir wissen, dass einiges aufzuholen ist", sagt Rabea Haß von LHM-S

(Foto: Robert Haas)

Doch bis dahin dauert es noch. Der "Rollout", wie es bei der LHM-S heißt, der flächendeckende Anschluss aller Schulen und Kitas ans neue System, beginnt im April 2021. Danach sollen pro Quartal bis zu 100 Einrichtungen eingebunden werden. Die letzte Schule ist dann zwischen Juli und September 2023 an der Reihe - bis dahin vergehen noch drei Schuljahre.

Warum das nicht schneller geht? Rabea Haß verweist auf die Zahlen. Die LHM-S ist seit April 2019 zuständig für die IT an 906 Standorten des Bildungsreferats mit rund 40 000 Computer-Arbeitsplätzen. Die könne man nicht von heute auf morgen austauschen. Alle Schulen komplett mit Wlan auszustatten sei ebenfalls aufwendig: Alleine an neun Pilotschulen habe man dazu 367 Zugangspunkte verbaut. 345 Schulen stehen noch aus.

Hinzu kommt: An den Münchner Schulen herrscht bislang ein digitales Durcheinander. Viele Schulen haben sich eine eigene Infrastruktur aufgebaut, unterhalten eigene Server. Es gebe "momentan sehr unterschiedliche Lösungen", sagt Haß. Und das mache die Technik nicht nur wartungsintensiv und fehleranfällig, sondern es sei auch schwierig, ein neues System zu installieren, denn vorher müssten alle Programme auf die neuen Server übertragen werden, und zwar so, dass sie weiter funktionieren. "Das zieht sich einfach", sagt Haß. "Könnten wir auf der grünen Wiese planen, wären wir schneller."

Auch Corona ändere daran nichts. Die Krise hat zwar offengelegt, wie dringend die digitale Infrastruktur an den Bildungseinrichtungen weiterentwickelt werden muss - so hat es das Bildungsreferat im August formuliert. Für die LHM-S aber habe es keine Überraschungen gegeben, sagt Haß: "Wir wussten ja ziemlich genau, wo wir stehen. Und wir wissen, dass einiges aufzuholen ist."

Immerhin seien mittlerweile wichtige Voraussetzungen geschaffen worden: Ende Juli waren laut Stadt alle Realschulen, Gymnasien und beruflichen Schulen sowie 181 von 216 Grund-, Mittel- und Förderschulen mit Glasfaser ans Internet angeschlossen. Die letzten Schulen sollen noch 2021 folgen, schneller als geplant: Der Stadtrat hatte ursprünglich eine Frist bis Februar 2022 gesetzt. "Wir sind unabhängig von Corona schon auf dem Weg", sagt Haß. Und auch die Stimmen aus den Schulen, die digitalen Unterricht ablehnen, würden weniger.

Der Erfolg digitaler Lehrmethoden litt bisher unter fehlender Erfahrung

Tatsächlich ist die Technik nur das eine; es fehlten im März vielfach auch die Konzepte. Umfragen spiegeln das. Bereits im April klagten etwa Eltern in einer Befragung des Gemeinsamen Elternbeirats der Münchner Grundschulen, das "Lernen zu Hause" habe großteils aus eingescannten und per E-Mail verschickten Arbeitsblättern bestanden. Hemmnisse für den Fernunterricht seien weniger die mangelhafte Ausstattung als vielmehr die fehlende Erfahrung von allen, auch von Lehrern, mit digitalen Methoden. Eine Umfrage der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft GEW Bayern unter 1500 Lehrerinnen und Lehrern zeichnete im Mai ein ähnliches Bild: Für den Großteil der Befragten war die Arbeit mit pädagogischen Online-Angeboten "völlig neu".

Und wenn doch digitale Methoden im Unterricht verwendet wurden, beschränkten sich diese in der Vergangenheit weitgehend auf Internetseiten zur Recherche, auf Textverarbeitungs- und auf Präsentationsprogramme; das legt die von einem internationalen Verbund von Forschungsinstituten publizierte ICILS-Studie von 2018 nahe. Digitale Sammelmappen hingegen, Programme, bei denen Schüler zusammenarbeiten können, oder auch für Fernunterricht geeignete Lern-Management-Systeme verwendeten demnach neun von zehn Lehrern nie. Die Ergebnisse dieser Studie beziehen sich auf ganz Deutschland.

Doch auch hier gibt es Bewegung. Schon 2019 habe es bayernweit etwa 3000 Fortbildungen zu digitaler Bildung für Lehrer gegeben, heißt es vom bayerischen Kultusministerium; die Zahl sei 2020 noch gestiegen. Jede vierte staatliche Lehrer-Fortbildung in diesem Jahr widme sich der digitalen Bildung.

Die Nachfrage nach Fortbildungen ist enorm gestiegen

Die Fortbildungsinstitute haben auf die Corona-Krise rasch reagiert. Um pädagogische Konzepte kümmert sich nicht die LHM-S; deren Sache sind Hardware und Software. Beim Inhalt gefordert sind dagegen etwa das Pädagogische Institut (PI) der Stadt München oder auch die staatliche Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) in Dillingen. Beide stellten ab März neues Material auf ihre Seiten, um Lehrern zu helfen, ihren Unterricht umzustellen. Am PI gab es von Juni an zweimal wöchentlich Schulungen zur Gestaltung von "gutem E-Learning", dazu mehrere neue Online-Fortbildungen. Das PI stellt auch digitale Unterrichtsmedien zur Verfügung wie etwa interaktive Arbeitsblätter, und hier hätten sich die Verleihzahlen seit Jahresbeginn um das Vierzigfache erhöht, heißt es von der Stadt. Generell sei die Nachfrage nach Fortbildungen enorm gestiegen.

Ähnlich ist es bei der ALP Dillingen: Die Akademie hat etwa Erklärvideos online gestellt, die Lehrern erklären, wie man Erklärvideos erstellt. Das Schulwerk der Diözese Augsburg hat Videos beigesteuert, die zeigen, wie digitaler Fernunterricht gelingen kann. Die ALP hat digitale Hilfsmittel für den Deutsch- und Englisch-Unterricht sowie kostenlose Apps zusammengetragen; es gibt neue Kurse etwa zur Einführung in Teams und in Mebis, und es gibt insgesamt fünf onlinegestützte Selbstlernkurse für Lehrer mit Titeln wie "Ethik und digitale Welt", aber auch "Unterricht entwickeln". Alleine in den Kurs mit der höchsten Nachfrage hätten sich knapp 90 000 Lehrerinnen und Lehrer eingeschrieben, heißt es vom Kultusministerium - also fast vier Fünftel aller Lehrer. Insgesamt unterrichten an allen staatlichen Schulen in Bayern rund 114 000 Lehrkräfte.

Und auch in der universitären Lehrerbildung ist die Digitalisierung angekommen. Im vergangenen Jahr hat etwa die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum für Digitales Lehren und Lernen namens "Digillab" gegründet. Diese vermittle eine digitale Basisqualifikation, und die sei für alle Lehramtsstudenten Pflicht, heißt es vom Münchner Zentrum für Lehrerbildung der LMU. Die Lehrerausbildung dauert freilich sieben Jahre; die ersten Nachwuchslehrer, die das "Digillab" durchlaufen haben, werden demnach wohl 2026 mit dem Referendariat fertig.

Wer möchte, kann das Digitale an der LMU als werdender Lehrer freilich schon jetzt in einem höheren Semester vertiefen, etwa mit dem Erweiterungsfach Medienpädagogik. Und die Uni plant noch mehr: Seit dem Sommersemester 2020 gebe es einen Schwerpunkt "Digitale Medien im Unterricht", heißt es: "Wir wollen dazu beitragen, Lehramtsstudierende dazu zu befähigen, ihre künftigen Schülerinnen und Schüler auf die digitale Welt von morgen vorzubereiten." Auf eine Welt, in der die Schulen dann für das "Lernen zu Hause" in einer Pandemie gewappnet sein sollen.

© SZ vom 26.08.2020/wean
Treffen der Volontäre (Gespräch mit Detlef Esslinger): Teilnehmer: ehemaliger Volontär Christian Ude, ehemaliger Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt München und aktuelle Volontärin der SZ Francesca Polistina, Italienerin.

75 Jahre SZ
Volontariat bei der SZ
:"Man konnte die Miete zahlen und sich von Brezen ernähren"

Christian Ude volontierte von 1967-1969 bei der SZ, Francesca Polistina seit 2019. Über die Ausbildung damals und heute, die Chancen für Menschen mit Migrationshintergrund und warum der spätere Münchner OB die Zeitung verließ.

Interview von Detlef Esslinger

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