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Bildung:Schulen nutzen aus Platzmangel Dächer und Keller

Wilhelmsgymnasium, Thema Platzmangel

Das Wilhelmsgymnasium hat seine Turnhalle unter die Erde verlegt - elf Meter tief.

(Foto: Florian Peljak)
  • Viele Münchner Schulen verzeichnen immer mehr Schüler. Das erfordert häufig den Bau neuer Räume.
  • Weil es dafür oft am Platz mangelt, denken die Verantwortlichen über neue Lösungen nach.
  • Einige Schulen nutzen bereits ihre Dächer als Lernorte, andere erwägen den Bau unterirdischer Räume.

Das Wilhelmsgymnasium habe jahrelang mit einem Problem zu kämpfen gehabt, sagt Schulleiter Michael Hotz: Es gab einfach zu wenig Platz. Als das heutige Schulgebäude an der Ecke Thiersch- und Maximilianstraße im Lehel errichtet wurde, sei es für etwa 350 Schüler ausgelegt gewesen, sagt er. Jetzt zähle es etwa 600 Schülerinnen und Schüler. Mangels Platz habe man zum Beispiel das Lehrerzimmer in ein Stockwerk zwischen zwei Turnhallen gequetscht. "Wenn in der oberen Halle Schüler Basketball gespielt haben, dann haben im Lehrerzimmer die Tische gewackelt", berichtet Hotz. An konzentriertes Arbeiten sei dann nicht zu denken gewesen.

Die Schule hat ihr Problem gelöst. Nach außen erweitern ließ sie sich zwar nicht, denn das Gymnasium ist umgeben von Straßen und Häusern. Der Innenhof schied als Baufläche ebenfalls aus, den brauchen die Schüler für ihre Pausen. Aufstocken sei auch keine Option gewesen, das Schulhaus sei denkmalgeschützt, erklärt Hotz. Die Lösung lag stattdessen in der Tiefe.

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Seit Schuljahresbeginn hat das Wilhelmsgymnasium eine unterirdische Turnhalle unter dem Pausenhof. Oberirdisch wurde dadurch Platz frei für zusätzliche Unterrichtsräume. Der einstige Speicher wurde ebenfalls aufgelöst und eine Zwischendecke eingezogen. Mehr als 1500 Quadratmeter Unterrichtsfläche habe die Schule durch den Umbau dazu erhalten, sagt Hotz. Die Lehrer im Lehrerzimmer hätten nun ihre Ruhe. Und die Schule hat jetzt sogar Platz für ein kleines Ruhezimmer, in dem die Schüler meditieren können.

Die Platznot verlangt kreative Lösungen

Dieser Raum ist etwas Besonderes, die Schule aber ist kein Einzelfall. Angesichts der Raumnot in München denkt die Stadt immer häufiger in die Tiefe - oder in die Höhe. Wie oft sie das tut, geht zum Beispiel aus einem Bericht über Münchens milliardenschwere Schulbauprogramme hervor, die das Bildungs- und das Baureferat dem Stadtrat im Mai vorgelegt haben. "Dachnutzung" hat es hier erstmals als eigene Kategorie in die Überblicktabellen geschafft. 66 Bauprojekte werden hier beschrieben - und 25 Mal ist geplant, dabei die Dächer zu nutzen: für Pausenflächen, für Sportplätze, für Schulgärten und für "grüne Klassenzimmer", in denen sich die Schüler mit Pflanzen beschäftigen können. "Man kann fast sagen, das ist mittlerweile Standard", sagt Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD).

Im Jahr 2014 habe der Stadtrat beschlossen, möglichst flächensparend zu bauen, erklärt Zurek. Seitdem versucht die Stadtverwaltung, bei Schulen mehr nach oben und unten zu bauen, auch dort, wo eigentlich noch Platz wäre. Etwa in Freiham, wo zurzeit ein ganzer Stadtteil neu errichtet wird. Vier Schulen wird es dort künftig in einem Bildungscampus geben. Und auf den Dächern will die Stadt einen Sportplatz unterbringen und einen Pausenhof. Ähnlich plant die Stadt auch in der Messestadt Riem, wo bis 2022 ein neues Gymnasium mit Sport- und Schwimmhallen im Stapelbau entstehen soll: oben die Klassenräume, unten die Sportflächen.

Billig ist das nicht. Eine Turnhalle einzugraben sei aufwendiger, als ebenerdig zu bauen, heißt es vom Baureferat. Das komme auch nur in besonderen Fällen infrage, etwa bei sehr beengten Verhältnissen. Es könne sich aber dennoch lohnen. Denn die Stadt denkt nicht nur an ihre Schulen. "Wir sehen uns als Teil des Ganzen", sagt Beatrix Zurek. Speziell Dach-Sportplätze wolle man möglichst auch für Sportvereine öffnen. Und wenn die Schulen weniger Platz brauchen, nutzt das ebenfalls anderen. Auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne in Freimann etwa sind mehrere Schulen geplant, und die Stadt will wie in der Messestadt die Sportstätten und Unterrichtsräume nicht nebeneinander, sondern übereinander bauen. Allein diese Verdichtung koste etwa 30 Millionen Euro zusätzlich, heißt es im Bericht für den Stadtrat. Doch dafür gewinne die Stadt Platz für 500 neue Wohnungen.

Die Grundschule an der Türkenstraße nutzt die Terrasse zum Lernen - ideal ist das nicht

Was sich alles aus einem Schuldach machen lässt, zeigt sich zum Beispiel in der Maxvorstadt: Hier hat die Grundschule an der Türkenstraße bereits seit den Fünfzigerjahren eine Dachterrasse; das ursprüngliche Dach war dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen. Heute stehen auf der Schule Pflanzenkübel mit Bäumen und Kräutern, es gibt Bänke und Tische, auf den Bodenplatten sind Hüpfspiele eingezeichnet. "Wir nutzen die Terrasse zum Lernen", sagt Schulleiterin Jutta Stocker. Derzeit würden die Kinder etwa bei Pflanzversuchen beobachten, wie Tomaten und Bohnen wachsen. Im Sommer können sie auf dem Dach unter Aufsicht mit Wasser spielen, im Winter können sie Schneemänner bauen. "Es ist toll, in einer Stadt wie München so einen Ort zu haben", sagt Stocker.

Perfekt ist der Ort freilich nicht. "Die Kinder sind gerne hier oben, aber nicht in der Pause", sagt die Schulleiterin. Der Boden sei hart, die Kinder dürften hier nur ruhig spielen. Und es dürfe nichts auf die Türkenstraße fallen, auch deshalb sei zum Beispiel Fußballspielen tabu. "Das fehlt den Kindern sehr", sagt Stocker. Dabei sei das größte Problem noch einmal ein anderes: die Witterung. Im Sommer staue sich die Hitze auf den Steinplatten, da helfe auch eine Markise nicht viel, sagt die Schulleiterin. Und im Winter könne man schlecht räumen oder streuen.

Was auf einem Schuldach möglich sei und was nicht, das entscheide sich im Einzelfall, sagt Stadtschulrätin Beatrix Zurek. Bei bestehenden Schulen sei es ohnehin kompliziert: Nicht jedes Dach lasse sich als Garten oder Pausenhof nutzen. Besonders Grund- und Mittelschulen aus den Siebzigerjahren seien oft nur zwei Stockwerke hoch und benötigten deshalb verhältnismäßig viel Platz - aber dort eine Turnhalle oder ein weiteres Stockwerk mit Klassenzimmern aufzusatteln, sei allein schon aus statischen Gründen oft nicht möglich. Man müsse dann auf die nächste Generalsanierung warten und sehen, was machbar ist, sagt Zurek - und bei neuen Schulbauprojekten am besten schon eine mögliche künftige Aufstockung mit einberechnen.

Langfristig will die Stadtschulrätin nicht einmal Schul-Hochhäuser ausschließen. Derzeit stehe so ein Konzept zwar nicht zur Debatte - und eine Schule solle auch nicht zu groß werden. Doch mit Aufzügen ließen sich auch hohe Häuser barrierefrei erschließen. Und letztlich sei alles eine Frage der Organisation. "Die Grenze ist am Ende, was das Baurecht erlaubt", sagt Zurek. Wenn der Platz derart knapp sei wie in München, müsse man eben nach oben denken und nach unten.

Im Wilhelmsgymnasium sind es genau elf Meter. Schulleiter Michael Hotz führt die Treppe nach unten, er ist stolz auf die neue Sporthalle - und darauf, dass ihr tatsächlich kaum anzumerken ist, dass sie unter der Erde liegt. Anfangs, als er zum ersten Mal hineingegangen sei, seien nur zwei der LED-Leuchten in der Decke angeschaltet gewesen, erzählt Hotz. Er habe gedacht, die Bauarbeiter hätten dort Löcher in der Decke freigelassen, so hell strahlte das Licht herab. Bei voller Beleuchtung wirkt die Halle sogar heller als vergleichbare Hallen auf der Oberfläche.

Die Schüler kämen gut mit der unterirdischen Halle zurecht, Beschwerden habe es noch keine gegeben, sagt Hotz. Auch nicht von den Lehrern oder den Gästen aus dem Kultusministerium, die sich hier zum Sport treffen. Die Halle ist klimatisiert und gut belüftet, muffig ist sie nicht. Dabei liege der Hallenboden mehrere Meter unter dem Grundwasserspiegel, erklärt der Schulleiter und zeigt auf die Wände. Wenn man wolle, könne man dort ein Loch bohren, scherzt er. Dann bekäme man sogar ein Schwimmbad.

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