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Lernen daheim:Der Stress der letzten Tage

Vorübergehend geschlossen: Die Münchner Schulen wie hier das Gisela-Gymnasium sperren bis zum 10. Januar zu.

(Foto: Catherina Hess)

Die Münchner Schulen gehen unterschiedlich mit der Schließung um - manche bieten Distanzunterricht an, andere teilen Arbeitsblätter aus. Doch ein Schreiben bringt Verwirrung.

Von Jakob Wetzel

Gibt es Unterricht per Videokonferenz oder doch einen Stoß Übungsaufgaben? Von diesem Mittwoch an sind zur Eindämmung der Corona-Pandemie alle Münchner Schulen für alle Jahrgangsstufen geschlossen, Präsenzunterricht gibt es frühestens wieder im Januar. Bis zu den Weihnachtsferien sind es noch drei Schultage. Doch diese wenigen Tage rufen viel von dem in Erinnerung zurück, was das Jahr geprägt hat: Fernunterricht und Notbetreuung, "Lernen daheim", aber auch Aufregung und Verwirrung.

Letztere hat gerade erst das bayerische Kultusministerium gestiftet: Am Montag teilte Minister Michael Piazolo (Freie Wähler) allen Eltern mit, für den Großteil der Schülerinnen und Schüler gebe es keinen Distanzunterricht, stattdessen sollten die Lehrkräfte Übungsmaterial bereitstellen. Man habe Druck von allen Beteiligten nehmen wollen, erklärte das Ministerium am Dienstag. Doch was bei einigen Schulen ankam, die sich auf Distanzunterricht für alle vorbereitet hatten, ist: Sie müssen umplanen, schon wieder.

"Wir haben für diese Anweisung keinerlei Verständnis", schrieb etwa ein Gymnasium am Stadtrand an alle Eltern. Der Distanzunterricht sei gut eingespielt, alle seien eingearbeitet. Man setze deshalb trotzdem auf Distanzunterricht. Allerdings dürfe man die Schüler nicht zur Teilnahme verpflichten. Diese sei lediglich dringend empfohlen. Auch Eltern- und Lehrerverbände äußerten Unverständnis. Die letzten Tage sind nun nicht immer so, wie sie die Eltern und Schulen erwartet hatten.

Das Asam-Gymnasium in Giesing zum Beispiel hat seinen Unterricht angepasst. Die Schule sei technisch hervorragend ausgestattet, sagt Direktor Heinz Rothmann. Als einzige Schule in München gebe es im ganzen Gebäude Wlan. Es gebe Leihgeräte für Schüler, die Lehrer seien geschult, digitale Methoden eingeübt. "Wir waren darauf eingestellt, komplett Distanzunterricht zu machen", sagt Rothmann. Nach der Nachricht aus dem Ministerium aber sei das nun angepasst worden. Q 12 und Q 11 erhielten wie geplant Distanzunterricht, die übrigen Klassen Arbeitsaufträge zum Üben. Der Schulleiter sieht den abrupten Wechsel gelassen: Die Pandemie entwickle sich, wie sie sich entwickle, sagt er. Schule an sich sei flexibel. "Wir nehmen das sportlich und stellen uns darauf ein."

Andere Schulen hat die Vorgabe nur am Rande getroffen: Sie hätten ohnehin Material verteilt. Schon zu Wochenbeginn hätten sie Tüten mit Material für die Schüler gepackt, sagt etwa Gabriele Prommer, Leiterin der Grundschule an der Ittlingerstraße am Hasenbergl. Aus mehreren Grundschulen ist zu hören, dass Online-Unterricht für die Kleinsten ohnehin schwierig sei; etwa wegen deren geringer Aufmerksamkeitsspanne, aber auch aus technischen Gründen.

Es fehlten weiterhin Geräte, Kameras und das Wlan, deswegen arbeite man mit einem Wochenplan wie im Frühjahr, schrieb eine Grundschule im Münchner Osten ihren Eltern. Videokonferenzen seien auch deshalb schwierig, weil persönliche Dinge den geschützten Klassenraum verlassen könnten, heißt es aus einer anderen Grundschule. Viele Familien hätten für die Kleinsten noch keine Geräte, erklärte eine andere. Digitale Angebote mache man daher grundsätzlich eher zusätzlich.

Wegen der Notbetreuung muss der Distanzunterricht teils am Nachmittag abgehalten werden

An der Grundschule an der Klenzestraße in der Isarvorstadt werde es Distanzunterricht geben, sagt dagegen Schulleiter Martin Schmid, der auch Vorsitzender des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbands (MLLV) ist. Er habe das Schreiben des Ministeriums nicht als Verbot verstanden, technisch sei man gerüstet. Die Organisation ist freilich nicht einfach; denn parallel zum Distanzunterricht müssen Schulen auch eine Notbetreuung anbieten.

An vielen Schulen kommen nur wenige Kinder: Am Asam-Gymnasium etwa gab es laut Schulleiter bis Dienstag nur eine Anfrage, die Grundschule an der Ittlingerstraße rechnete mit vier Kindern, die an der Haldenbergerstraße in Moosach mit fünf. An der Klenzeschule seien es auch nur wenige, sagt Schmid, aber die müssten nach Klassenverbänden getrennt und jeweils von Lehrern betreut werden. Damit diese sich auch um ihre eigenen Klassen kümmern könnten, müssten sie ihren Distanzunterricht am Nachmittag geben. Die Klassen hätten daher wechselnd vormittags und nachmittags Fernunterricht.

Um tatsächlich den Druck von allen Beteiligten zu nehmen, hat Schmids Verband einen anderen Vorschlag: Der MLLV will das Übertrittsverfahren an die weiterführenden Schulen aussetzen. Die Entscheidung solle den Eltern überlassen werden, nicht vom Notenschnitt abhängen. Und die Lehrer sollten die Eltern beraten, statt unter Hochdruck alle nötigen Prüfungen zu schreiben. "Wir begleiten die Kinder im besten Fall vier Jahre und können gut beurteilen, welche Schulart für sie das Beste wäre", sagt Schmid. Ziel müsse sein, das Verfahren dauerhaft zu ändern.

© SZ vom 16.12.2020/wean
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