bedeckt München 13°

Unterricht in der Pandemie:Ein Schuljahr voller Unwägbarkeiten

Schulen Bayern, Maskenpflicht

An den ersten neun Schultagen müssen Kinder und Jugendliche eine Maske tragen – nicht nur auf den Gängen, sondern auch im Unterricht.

(Foto: imago images)

Für Kinder, Eltern und Lehrer beginnt am Dienstag die Schule. Viele planen aber schon den Ernstfall: dass die Klassen wieder geteilt werden müssen.

Von Ekaterina Kel

Es sind nur noch ein paar Tage bis zum Schulstart am 8. September. Die Aufregung wächst: Es müssen noch Schulhefte, Stifte, saubere T-Shirts besorgt werden, der Stundenplan steht auch noch nicht fest. Die üblichen Sorgen scheinen zurzeit aber so klein. Denn dieses Jahr ist alles anders. Es ist der erste Schulstart in der Coronavirus-Pandemie.

Die Sorgen gelten anderen, unbekannteren Dingen. Seit Anfang der Woche stehen immerhin ein paar Regeln fest: Maskenpflicht auch im Unterricht in den ersten zwei Wochen. Desinfektionsmittelspender, eingeteilte Bereiche für Jahrgänge, eingeschränkter Sport- und Musikunterricht. Ein Stufenplan regelt, ab wann eine Schule ihren Betrieb einschränken muss. Gibt es in der Stadt mehr als 50 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100 000 Einwohner, müssen viele Schulen die Klassen wieder in zwei Gruppen teilen, weil sie den gebotenen Abstand von 1,5 Meter sonst nicht einhalten können. Die Gruppen werden sich dann wieder abwechseln mit Lernzeit in der Schule und Lernzeit zu Hause, was sich unter dem Namen Distanzunterricht etabliert hat. Weitere Maßnahmen können Kommunen jeweils mit ihrem Gesundheitsamt besprechen.

Für Münchner Schulen könnten geteilte Klassen bald wieder Realität werden. Im Moment liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei knapp 32, in den vergangenen zwei Wochen ist sie allerdings stark gestiegen und lag zwischenzeitlich auch schon über dem Frühwarnwert von 35. Möglicherweise wird sie noch einmal mit den restlichen Urlaubsrückkehrern nach Ende der Schulferien steigen.

"Wir bereiten uns auf alle Eventualitäten vor", sagt Martin Schmid, Schulleiter der Klenzeschule. Bei ihm an der Grundschule fange man, wie überall anders, mit "Vollbeschulung" an, das heißt, alle Kinder sollen zunächst regulär zur Schule kommen. Jedoch werde der Digitalunterricht "von Beginn an in den Schulalltag mit eingebaut", sagt Schmid. Damit die Umstellung auf Distanzunterricht, falls er denn kommen sollte, nicht so abrupt stattfinde. Als eine der ersten Schulen habe man breitflächig eine Onlineplattform eingeführt, und mit dieser beabsichtige man auch, die Schüler bereits von der ersten Klasse an vertraut zu machen. Zum Beispiel werde der Arbeitsauftrag für Zuhause dann über diese Plattform verschickt, erklärt Schmid.

Zur Begrüßung soll es erst einmal eine Ladung Desinfektionsmittel für die etwa 320 Grundschüler geben: Das Personal werde anfangs am Eingangstor stehen und den Kindern die Hände desinfizieren sowie darauf achten, dass sie mit Abständen über vier Eingänge gleichzeitig in die Schule eintreten. Auch der Pausenhof werde in vier Teile für je einen Jahrgang aufgeteilt.

Zwar entfällt die Maskenpflicht im Unterricht für Grundschulen, jedoch weist Schmid darauf hin, dass es durchaus die Möglichkeit gebe, ein Gebot auszusprechen. Er habe es den Lehrkräften überlassen, dies zu entscheiden. Manche Lehrkräfte, die zum Beispiel einen Angehörigen zu Hause hätten, der zur Risikogruppe gehört, fühlten sich mit dem Schutz wohler. Man habe im Übrigen Umfragen unter den Schülern durchgeführt, sagt Schmid. Das Ergebnis: "Die haben kein Problem, die Masken aufzulassen."

Die Elterninitiative "Familien in der Krise", die sich erst während der Corona-Pandemie formiert hat, wählt da schärfere Töne: Man wisse von ersten gesundheitlichen Folgen der Maskenpflicht aus Nordrhein-Westfalen, wo der Unterricht mit Maske schon angelaufen ist, die während eines mehrstündigen Schultages "teils gravierend" seien. "Familien in der Krise liegen zahlreiche Berichte vor, in denen Schülerinnen von Schwindel, Kopfschmerzen, Herzrasen oder Übelkeit berichten. In Einzelfällen erlitten Kinder und Jugendliche sogar einen Kreislaufkollaps oder Hitzschlag", heißt es in einer Mitteilung.

In den Schulferien hätte sich das bayerische Kultusministerium besser mit anderen Themen befassen müssen, findet Stephanie Poggemöller, Coach für berufstätige Eltern und Münchner Mitglied der Initiative. Aus ihrer Sicht wäre es besser gewesen, die Klassen räumlich zu entzerren und zusätzliche Lehrkräfte zu rekrutieren, um einen sicheren Präsenzunterricht für alle möglich zu machen; außerdem für Belüftungs- und Befeuchtungssysteme zu sorgen. "Falls noch einmal Wechselschulzeiten auf uns zukommen, wird es noch schwieriger", warnt Poggemöller. Der drohende Distanzunterricht bedeute für die meisten Eltern Überstunden oder Ausfall bei der Arbeit. Nicht nur bei Schülern und Eltern, sondern auch bei den Arbeitgebern sorge das für Planungsunsicherheit.

Schmid hat, wie viele andere Schulleiter, neue Lehrkräfte für dieses Jahr bekommen. Weil sie zu Risikogruppen gehörten, fielen bei ihm drei Lehrer weg, jedoch seien es auch alle keine Vollzeitkräfte, sodass er zuversichtlich sei, dass die fehlenden Stunden gut aufgefangen werden könnten. Das bayerische Kultusministerium bemüht sich gerade außerdem um sogenannte Team-Lehrkräfte, die kurzfristig an den Schulen für Entlastung sorgen könnten, etwa wenn wieder Distanzunterricht angesagt ist und mehr Gruppen Betreuung brauchen sollten. Doch von möglichen Team-Lehrkräften an seiner Schule wisse Schmid eine Woche vor Schulbeginn noch nichts, sagt er.

Viele Kollegien werden jetzt neu zusammengewürfelt, weiß Linda Summer-Schlecht vom Bayerischen Elternverband. Jetzt müsse es Zeit geben "für das Ankommen im Regelbetrieb". Und zwar auch für die Schüler und ihre Eltern. Summer-Schlecht ist zuständig für München und das Umland und kennt die Corona-Sorgen vieler Eltern. Viele haben zum Beispiel auch Angst, dass ihr Kind nach dem vielen Distanzunterricht im neuen Schuljahr nicht mehr mitkommt. Deshalb erhofft sich Summer-Schlecht von den Lehrern, dass sie in dieser Sondersituation Freiräume einplanen, um auf die Lernbedürfnisse der Kinder besser eingehen zu können.

"Abstand, Masken, Desinfektion, das sind Hausaufgaben, die man machen muss", sagt Schulleiter Schmid. Das, worauf es aber noch viel mehr ankomme, sei ein möglichst normaler Schulalltag. Denn: "Das Wichtigste sind immer die Kinder", so Schmid. Deshalb bleibe eine Sache, allen Pandemie-Besonderheiten zum Trotz, weiterhin wichtig: die Qualität des Unterrichts.

© SZ vom 04.09.2020/kafe
Bildungsgipfel in Bayern

SZ PlusMeinungSchulen
:Die Reifeprüfung

Mit den Maßnahmen zum Schulstart zeigt Markus Söder, dass er aus eigenen Fehlern und den Erfahrungen anderer Bundesländer gelernt hat. Doch viele Fragen bleiben. Warum kommen diese Überlegungen zur Sicherheit von Kindern und Lehrern erst jetzt?

Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite