Bildung: "Wie soll das ein Kind schaffen, dem man noch die Schuhe binden muss?"

Lesezeit: 2 min

Von Mittwoch an gilt am Sitzplatz keine Maskenpflicht mehr für Grundschüler.

Normaler Unterricht im Klassenzimmer und davor schnell auf Corona testen? Lehrerinnen und Lehrer halten das für kaum umsetzbar.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Bisher wurden der Stadt vom Freistaat etwa 100 440 Tests für die Schulen geliefert. Doch Lehrerinnen und Lehrer wehren sich gegen Corona-Selbsttests im Klassenzimmer.

Von Kathrin Aldenhoff

Die Corona-Selbsttests sind noch nicht mal in nennenswerter Zahl an den Schulen angekommen - da gibt es schon Streit. Das Kultusministerium will, dass sich Schüler spätestens nach den Osterferien in der Schule testen, im Klassenzimmer vor Unterrichtsbeginn. Dagegen wehren sich die Lehrer. Schulen seien keine Testzentren, protestiert der Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband (MLLV). Und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bayern kritisiert, das Testen im Klassenzimmer erzeuge eine gesundheitsgefährdende Situation, weil die Maske dabei abgenommen werden muss. Auch psychologisch sei es schwierig, weil positiv getestete Schüler von der Klasse getrennt werden müssen. Sie dürfen den Unterricht erst wieder besuchen, wenn das negative Ergebnis eines PCR-Tests vorliegt.

Um bei den Selbsttests ein verlässliches Ergebnis zu erhalten, müssten 16 Schritte exakt durchgeführt werden, sagt Martin Schmid, Vorsitzender des MLLV. Die Schüler müssen Flüssigkeit in ein Teströhrchen träufeln, den Tupfer zwei bis vier Zentimeter tief in die Nase einführen, mit intensivem Kontakt zur Nasenschleimhaut, und den Tupfer dann, ohne irgendetwas damit zu berühren, in das Teströhrchen stecken. "Wie soll das ein Kind schaffen, dem man noch die Schuhe binden muss?", fragt Schmid, der auch Leiter einer Grundschule ist.

Bisher wurden der Stadt München vom Freistaat rund 100 440 Selbsttests für die Schulen geliefert, teilt das Referat für Bildung und Sport (RBS) mit. Das entspreche etwa zehn Prozent des Bedarfs für fünf Wochen, wenn sich Schüler einmal und die Lehrer zweimal die Woche testen. An den Kitas ist die Situation besser: Nach Angaben des RBS kamen bisher 73 000 Tests an, das entspreche 37 Prozent des gemeldeten Bedarfs für fünf Wochen, wenn sich die Mitarbeiter zweimal die Woche testen. Die Stadt verteilt die Chargen an die rund 350 öffentlichen und 200 privaten Schulen sowie an rund 1450 Kitas.

Wegen der neuen Möglichkeit der Selbsttests haben Ärzte in einigen Fällen bereits geplante Reihentestungen abgesagt. Das RBS weist aber darauf hin, dass Reihentests bis zu den Osterferien möglich sind, weil nicht ausreichend Selbsttests geliefert wurden. Künftig sollen die Selbsttests die Reihentests ersetzen.

An vielen beruflichen Schulen sei noch kein Selbsttest angekommen, kritisiert der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen (VLB). Die Schüler lernten in Betrieben in unterschiedlichen Landkreisen mit teils hohen Inzidenzen und kämen dann an einer Berufsschule zusammen. "Sie sitzen dort von acht bis 16 Uhr und am nächsten Tag gehen sie zurück in ihre Betriebe", sagt Pressesprecher Jörg Neubauer. Ohne Testungen sei das fahrlässig.

Martin Schmid schätzt, dass sie in der Klasse für die Selbsttest 30 Minuten brauchen. Zwei Tests pro Woche pro Schüler, das ergibt im Wechselunterricht vier Testungen die Woche - zwei Stunden Unterrichtszeit, die verloren gehen. "Das ist unfassbar, wo wir doch Stoff aufholen sollen", sagt er. Lehrer sollen sich übrigens zu Hause testen.

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