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Folgen des Homeschoolings:Mathematik, Englisch - und Freundschaften

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Lernen am Computer ist sicher besser, als nichts zu lernen. Aber soziale Kontakte leiden darunter, besonders Erst- und Fünftklässler hatten kaum Zeit, robuste Freundschaften aufzubauen.

(Foto: Stephan Rumpf)

In der Schule geht es um mehr, als nur um den Stoff. Doch wie können sich soziale Bindungen entwickeln, wenn die Kinder fast nur noch zu Hause am Computer sitzen? Pädagogen beobachten eine Zunahme von psychischen Problemen - und fordern vor allem: Zeit.

Von Jakob Wetzel

"Wir können unterstützen, auch digital", sagt Eva Wastian - und in dem einen Fall, von dem sie erzählt, da könne das Digitale womöglich sogar von Vorteil gewesen sein. Wastian ist Pädagogin und Mediatorin bei der Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik. Der Verein hilft unter anderem dabei, Konflikte in Schulklassen zu lösen. Wastian selbst begleitet bereits seit Monaten eine vierte Grundschulklasse, in der es ein Mobbing-Problem gegeben hat - trotz Corona. Im Herbst habe sie die Kinder in der Schule gesehen, sagt sie, im Januar dann nur noch online. Mittlerweile besuche sie die Klasse im Wechselunterricht. Was geholfen habe, sei gewesen, dass die Kinder ihre Hausaufgaben zu Hause in Online-Kleingruppen machen sollten. Dadurch habe ein Kind, das vorher ausgeschlossen war, Anschluss gefunden, sagt Wastian. "Das wäre sonst so nicht möglich gewesen."

Die Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik ist eine von 14 Initiativen, die im "Arbeitskreis Gewaltprävention und Intervention" zusammenarbeiten - und die nun miterleben, wie die Pandemie neue Probleme bringt und alte verändert oder verschärft. Kinder fühlten sich überfordert, sähen sich selbst und ihre Sorgen nicht gesehen, verlören Vertrauen in andere, auch in die Lehrkräfte, berichtet der Arbeitskreis. Immerhin: Cyber-Mobbing stelle man nicht verstärkt fest. Doch Jüngere entwickelten mittlerweile wieder Trennungsängste von den Eltern. Unter Älteren häuften sich depressive Stimmungen und Aggressionen. Die Beratungsstellen berichten von immer mehr Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen.

Besonders gefährdet seien Kinder ohne Geschwister und ohne stabilen Freundeskreis, sagt Eva Wastian. Zum Beispiel viele Erst- und Fünftklässler, die in ihren wenigen Monaten an ihrer Schule noch keine Chance hatten, robuste Freundschaften zu schließen. Doch bei den Beratungsstellen wie "Kibs" des Kinderschutzbundes melden sich auch Ältere, die zum Teil seit mehr als einem Jahr keine Schule mehr von innen gesehen haben, weil sie zum Beispiel kranke Familienangehörige haben, und die merken, dass sie verlernen, mit Gleichaltrigen umzugehen - und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Gleichaltrige so wichtig sind wie sonst nie.

Dass es in der Schule nicht nur um Mathematik, Englisch und Biologie geht, sondern auch ums soziale Miteinander, davon ist noch nie so viel die Rede gewesen wie im zurückliegenden Jahr, in dem das Coronavirus den Schulalltag bestimmt hat. Doch gerade jetzt fehle den Schulen oft die Zeit dafür, sich um die Gemeinschaft zu kümmern. Viele Lehrkräfte würden sich zwar bemühen, soziale Elemente einzubauen, aber es gebe oft viel aufzuholenden Stoff, sagt Wastian.

Das merken auch die Initiativen im Arbeitskreis: Vor der Pandemie war die Nachfrage enorm; eine von ihnen berichtete Ende 2019, ihre Präventionsprojekte seien bereits für ein Jahr ausgebucht. Doch in der Pandemie ging die Nachfrage der Schulen spürbar zurück. Es gebe viele Verschiebungen und einige Absagen, sagt Wastian. "Wir sind viel am Umplanen." Dabei sei das Soziale in der Pandemie wichtiger denn je.

Um auch in der Krise helfen zu können, hat der Arbeitskreis sein Angebot erweitert. In dieser Woche verschickt er 5000 Exemplare seiner überarbeiteten Broschüre an alle Münchner Schulen. Neu sind darin unter anderem spezielle Angebote für die Zeit der Pandemie. Beratungen, Workshops und Fortbildungen etwa gibt es online und telefonisch. Das Programm "Kisko" des Erzbischöflichen Jugendamts hat für Klassen Podcasts produziert. Das Projekt "Komm, wir finden eine Lösung" des Kinderschutzbundes hat einen digitalen Methodenkoffer zusammengestellt, aus dem sich Pädagogen bedienen können.

Die Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik begleitet Klassen, die für den Wechselunterricht halbiert worden sind, auch hybrid, um das Zusammengehörigkeitsgefühl über beide Hälften hinweg zu stärken. Die Kinder der gerade zu Hause hockenden Gruppe werden dann online zugeschaltet. Es gibt viele weitere Beispiele. Und mehrere Initiativen laden einmal im Monat online zum "Dienstagsclub", bei dem Pädagoginnen und Pädagogen sowie Interessierte mit Experten sprechen können. Die Treffen sind immer am letzten Dienstag im Monat ab 17 Uhr. Die Nachfrage sei groß, sagt Wastian.

Das Wichtigste aber sei: Wenn die Kinder zurück in die Klassen könnten, müssten sich die Schulen Zeit nehmen können, um nicht nur den Lernstoff nachzuholen, sondern auch das Soziale. Mehr Zeit fürs Miteinander - das ist eine Forderung, die der Arbeitskreis schon vor der Pandemie erhoben hat. "Aber wir müssen jetzt kollektiv ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir nicht so weitermachen können, als wäre nichts gewesen", sagt Wastian.

In den Initiativen hätten sie Respekt vor dem Tag, an dem die Schulen wieder in den Präsenzunterricht zurückehren. Vielleicht müsse man auch den Schulstoff verkürzen. Die Lehrkräfte müssten dringend die nötige Zeit bekommen. "Sonst explodieren uns die Klassen."

© SZ vom 27.04.2021
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